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«Man verändert nichts mit Isolation»

Kreuzlingen – Die Musikerin Larissa Baumann wurde nach Nordkorea eingeladen. Im Interview erzählt sie von ihren Erlebnissen, Eindrücken und von den ungewöhnlich vielen Kabeln in ihrem Zimmer.

Larissa Baumann vor dem Triumphbogen in der Hauptstadt Pjöngjang, der drei Meter höher ist als sein Pendant in Paris. (Bild: zvg)

Larissa Baumann vor dem Triumphbogen in der Hauptstadt Pjöngjang, der drei Meter höher ist als sein Pendant in Paris. (Bild: zvg)

 

KreuzlingerZeitung: Wie kommt man dazu, als Sängerin aus der Ostschweiz nach Nordkorea eingeladen zu werden?
Larissa Baumann: Wie so oft in meiner Laufbahn als Musikerin war das Fügung. Ein Agent von mir hatte die Anfrage bekommen, Musiker für das Frühlingsfest in Nordkorea zu suchen.   Ich überlegte nicht lange und sagte zu.

Was wussten Sie vor der Reise über Nordkorea?
Ich habe vor der Reise natürlich viel  gelesen und hatte ein sehr negatives Bild: Ein total isoliertes Land, in dem Hungersnot herrscht, mit einem Präsidenten, der seine Gegner töten lässt.

Wurde Ihr Bild bestätigt, als Sie in der Hauptstadt ankamen?
Vieles hat mich positiv überrascht. Wir wurden beispielsweise von einer jubelnden und fähnchenschwenkenden Menschenmasse empfangen. Auch die Technik in den Konzertsälen war hochmodern.

Eine handelsübliche Postkarte in Pjöngjang. (Bild: zvg)

Eine handelsübliche Postkarte in Pjöngjang. (Bild: zvg)

Also keine Anzeichen für eine Militärdiktatur?
Abgesehen von den omnipräsenten Bildern der Machthaber auf den ersten Blick nicht. Diese Fassade bekam mit der Zeit jedoch Risse. Ich habe vor Ort zum Beispiel mit Thomas Fisler von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) geredet. Er hatte schon die Möglichkeit Pjöngjang zu verlassen und hat auf dem Land Menschen  getroffen, die aufgrund von Mangelernährung verkürzte Gliedmassen oder Krankheiten hatten.
Sie durften die Hauptstadt nicht verlassen. Wie sah ihr Tagesablauf aus?
Der war eigentlich vollgepackt mit Proben und Konzerten. Dazwischen gab es noch touristische Ausflüge, wie der Besuch des Mausoleums vom ersten Präsidenten Kim Il-Sung.

Für Sie gab es sonst keine persönlichen Einschränkungen?
Direkt nicht. Das Handy durften wir behalten, nur hatten wir kein Netz. Auch Mails konnten wir nur von der Hoteladresse aus schreiben und empfangen, Zugang zum Internet gab es keinen. Meine Übersetzerin war gleichzeitig auch meine Aufpasserin. Sie hat meine Fotos kontrolliert und einige gelöscht und musste jeden Abend Bericht schreiben. Mein Hotelzimmer war für die wenigen elektronischen Geräte sehr stark verkabelt. Ich nehme an, dass ich abgehört wurde.

 

Auffällige Kabel: Die Musikerin nimmt an, dass sie abgehört wurde. (Bild: zvg)

Auffällige Kabel: Die Musikerin nimmt an, dass sie abgehört wurde. (Bild: zvg)

Wie war denn der Kontakt mit der Bevölkerung?
Eigentlich gut, meistens scheiterten Gespräche jedoch an den fehlenden Englischkenntnissen der Leute. Sie waren jedoch sehr freundlich, fleissig und direkt. Auffallend war, dass keiner je das Land verlassen hat. So sind die USA verhasst und schuld daran, dass sich die beiden koreanischen Länder nicht versöhnen können.

Was für einen Eindruck von Nordkorea haben Sie nach Ihrer Rückkehr?
Sehr viel Positives, wie die schöne Landschaft und die gute Infrastruktur. Nicht weg zu diskutieren sind aber die Menschenrechtsverletzungen der Machthaber. Diese zwei Welten lassen sich für mich nicht vereinbaren.

Ein Parteilied, das Baumann hätte aufnehmen sollen. Als sie sich wegen der Schweizer Neutralität weigerte,  war das kein Problem für die Nordkoreaner.  (Bild: zvg)

Ein Parteilied, das Baumann hätte aufnehmen sollen. Als sie sich wegen der Schweizer Neutralität weigerte, war das kein Problem für die Nordkoreaner. (Bild: zvg)

Sind diese Menschenrechtsverletzungen nicht Gründe, das Land zu meiden?
Ich denke, man verändert nichts, wenn man ein Land isoliert. Gerade Kunst oder Sport sind gute Möglichkeiten, Menschen zu verbinden. Ich habe mit Musikern gesprochen, die vor acht Jahren bereits in Pjöngjang waren. Laut ihnen sind die Leute heute offener, es gibt mehr Verkehr und Gebäude. Wenn wir so weitermachen, können wir die Menschen an die Hand nehmen und unsere Vorstellung von Demokratie weitergeben.

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