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Zwei umstrittene Referenten

Kreuzlingen – Zum Abschluss der Erwachsenenbildungsreihe Ring 2000 hat die Katholische Kirchgemeinde mit Gabriele Kuby und Martin Lohmann zwei Redner von ganz rechts aussen eingeladen. Nicht nur Kreuzlinger finden, dass das zu weit geht.

«Ihre Ansichten sind krass schwulen- und lesbenfeindlich», urteilt der Luzerner Grünen-Kantonsrat Michael Tönggi über einen Auftritt von Gabriele Kuby 2011 in der Schweiz.  Einschätzungen wie diese finden sich zuhauf online. In Nürnberg (D) gab es gar Demonstrationen gegen die katholische Publizistin, in Plüderhausen (D) trat sie unter Polizeischutz auf die Bühne. Was verleitet die Katholische Kirchgemeinde, eine derart umstrittene Referentin und ihren mit nicht minder radikalen Ansichten ausgestatteten Kollegen Martin Lohmann nach Kreuzlingen einzuladen?

Anstoss zur Diskussion …
Um eine Stellungnahme angefragt, veröffentlichten die Ring-2000-Verantwortlichen Folgendes auf ihrer Webseite: «Beide Referenten sind Persönlichkeiten, die kontrovers diskutierte gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und mit vielfältigen Ideen antworten, die oft ausserhalb des allgemeinen Mainstreams liegen», schreiben Pfarradministrator Alois Jehle und Martin Beck, Pfarreiratspräsident von St. Ulrich. «Unterschiedliche Standpunkte als Testfall für Toleranz und Meinungsfreiheit sollen eine Stimme erhalten, auch katholische Standpunkte.»

Es geht auch anders: Demo für Toleranz am CSD 2015. (Bild: sb)

Es geht auch anders: Demo für Toleranz am CSD 2015. (Bild: sb)

… oder Diskiminierung?
Wie genau sich «katholische Standpunkte» definieren, darüber lässt sich scheint’s streiten, in der Vergangenheit war das zu erleben an den Kirchgemeindeversammlungen im Stefans- und Ulrichshaus. Was indes Privatpersonen, Politiker und Organisationen aus Kreuzlingen und der Region kritisieren, ist, dass Kuby und Lohmann für den Abbau von grundlegenden Menschenrechten, namentlich dem des Rechts auf selbstbestimmte Sexualität und dem auf selbstbestimmte Mutterschaft, kämpfen.

Xaver Dahinden von der Dialoggruppe Kreuzlingen, um ein Statement gebeten, schreibt: «Schwule und Lesben, Geschiedene, Schriftsteller und Filmemacher, Politiker, Soziologen, Philosophen, Theologen, Feministinnen, Künstler usw., sowie alle, die ihre Sexualität nicht unterdrücken» würden von Kuby zu Sündenböcken für einen Wertezerfall abgestempelt. Für Dahinden ist eine solche pauschale Verurteilung ganzer Gruppen «menschenverachtend und diskriminierend». Er findet: «Das Seelsorgeteam von St. Ulrich lässt Kuby Homophobie und Ausgrenzung verkünden, gibt der Intoleranz eine Stimme, fördert Radikalismus und sät erneut Streit. Christentum müsste eigentlich die Verbundenheit mit allen Menschen bedeuten. Es gibt zwar ein Recht auf Meinungsfreiheit, aber es gibt kein Recht, Hass und Menschenverachtung zu verbreiten.»

Matthias Loretan, Leiter Pastoralraum Region Altnau und ehemaliger Seelsorger von St. Ulrich, kennt Ring 2000 von früher: «Die Veranstalter geben Ring 2000 ein anderes Profil als zu meinen Zeiten. Kuby und Lohmann vertreten familien- und gesellschaftspolitisch rechte Positionen. Sie dürften den kirchenpolitisch transparent gemachten Positionen der Veranstalter entsprechen. In unserem Pastoralraum Region Altnau setzen wir andere und offenere familienpolitische Akzente.»

Auch der Kreuzlinger SP-Grossratskandidat Julian Fitze möchte das Gedankengut der Referenten nicht unwiedersprochen stehen lassen und bezeichnet es als «unhaltbar und rückwärtsgewandt». Eine «homophobe und frauenverachtende Haltung» sei «einer offiziellen Landeskirche unwürdig».

Gabriele Kuby. (Bild: wikipedia)

Gabriele Kuby. (Bild: wikipedia)

Hat Meinungsfreiheit Grenzen?
Die Vorträge von Gabriele Kuby («Gender Mainstreaming – Neue (sexuelle) Rollenverständnisse in der Gesellschaft») und Martin Lohmann («Familie – das ungewollte Abenteuer des Lebens?») finden im Februar und März statt.
Beide Referenten kommen aus Deutschland. Kuby sieht Homosexualität als «Sünde» oder «Störung» an. Kritiker werfen ihr vor, in Büchern und Vorträgen Stimmung gegen Linke, Homosexuelle, Andersdenkende zu machen. In Kubys Thesen entdecken sie Nähe zum Nationalsozialismus und zu Verschwörungstheorien. Lohmann macht mit Sätzen wie «Schwul sein darf man im Prinzip – vorausgesetzt, man praktiziert es nicht, denn das ist Sünde» auf sich aufmerksam. Er ist Organisator vom deutschen «Marsch fürs Leben». Dort wird dafür geworben, Abtreibung unter Strafe zu stellen.
Dass nicht immer so heiss gegessen wie gekocht wird, zeigt indes die kommende Ring-2000-Veranstaltung: Am 22. Januar findet ein biblischer Kochkurs statt.

Ennet der Grenze möchte man sich ebenfalls zu den umstrittenen Veranstaltungen äussern: «Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade Christen nicht unter dem Siegel der Nächstenliebe die Ausgrenzung befördern sollten. Das konterkariert geradezu christlich-abendländische Werte», schreibt Stefan Baier, Organisator vom grenzüberschreitenden Christopher Street Day (CSD) in Kreuzlingen – einer Veranstaltung, die alle zwei Jahre in Kreuzlingen für Toleranz und Weltoffenheit wirbt.

Liebe, ebenso wie Menschenrechte, kennen eben keine Grenzen. Das weiss auch Nora Beck von der frisch im Thurgau gegründeten Amnesty International Lokalgruppe: «Man kann diesen Leuten nicht verbieten, solche Treffen zu organisieren. Auch wenn wir den Inhalt für falsch erachten und als Menschenrechtsverletztend, so haben diese Gruppen doch das Recht, sich zu treffen und sich für ihre ‹Wahrheiten› auszusprechen», relativiert sie jedoch.

 

Anbei die im Artikel angerissenen Statements in voller Länge:

Ring 2000 ist das gemeinsame Erwachsenenbildungsangebot der beiden Kreuzlinger Pfarreien St. Stefan und St. Ulrich. Ring 2000 klärt christliche Standpunkte, vermittelt theologische Kenntnisse, stärkt die konfessionelle Identität und fördert den interdisziplinären Austausch. Ein Programm steht jeweils unter einem Hauptthema, das als roter Faden durch die Anlässe führt. Dieses und letztes Jahr hiess und heisst das Thema in Anlehnung an die Bischofssynode in Rom «Familie».
Ring 2000 fügt sich in die Bildungstradition der katholischen Kirche ein, die sich durch Offenheit gegenüber nicht-katholischen Stimmen, durch Einsatz für die Menschenrechte und damit für die Meinungsfreiheit sowie den offenen Austausch gegenüber Ideen und der Weiterentwicklung der Gesellschaft auszeichnet. Ebenso trägt sie der Pluralität unserer heutigen Gesellschaft Rechnung. Dies zeigt sich u. a. darin, dass im Sinne des interreligiösen Dialogs für den vergangenen Anlass Muhammad Hanel eingeladen wurde, der den moslemischen Standpunkt zum Thema Familie darlegte.
Ring 2000 schliesst die zweijährige Vortragsreihe mit zwei hochkarätigen, weit über die Grenzen hinaus bekannten Referenten: Frau Gabriele Kuby, die am 12. Februar zu «Gender Mainstreaming» spricht und Martin Lohmann, der am 18. März zu «Familie – das ungewollte Abenteuer des Lebens» referiert. Beide Referenten sind Persönlichkeiten, die kontrovers diskutierte gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und mit vielfältigen Ideen antworten, die oft ausserhalb des allgemeinen Mainstreams liegen.
Genau hier hakt Ring 2000 ein: Unterschiedliche Standpunkte als Testfall für Toleranz und Meinungsfreiheit sollen eine Stimme erhalten, auch katholische Standpunkte.
Beide Referenten sind bekennende und überzeugte Katholiken und werden ihre Themen jeweils aus dieser Optik heraus beleuchten.
(Für das Ring-2000-Team: Pfarradministrator Alois Jehle und Martin Beck, Präsident Pfarreirat St. Ulrich)

Gabriele Kuby beklagt den Untergang von Moral und Kultur und gibt die Schuld dem Gender Mainstreaming: Die Gleichstellung von Mann und Frau, die Gleichbehandlung der sexuellen Ausrichtungen und die Empfängnisverhütung würden Ehe und Familie zerstören. Kinder in Patchworkfamilien, in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und bei alleinerziehenden Eltern würden immer mehr psychische Störungen entwickeln. Jugendliche seien zudem dem schlechten Einfluss der Harry-Potter-Romane ausgesetzt, diesem «globalen Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur» (Kuby). Meine Einschätzung: Damit hat sie die wichtigsten Sündenböcke ermittelt. Schuld am Wertezerfall seien also Schwule und Lesben, Geschiedene, Schriftsteller und Filmemacher, Politiker, Soziologen, Philosophen, Theologen, Feministinnen, Künstler usw., sowie alle, die ihre Sexualität nicht unterdrücken. «Je grösser die sexuelle Beschränkung, desto grösser das kulturelle Niveau»( Kuby).
Frau Kuby lässt uns wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Diese pauschale Einteilung verbunden mit kollektiver Verurteilung ganzer Gruppen ist menschenverachtend und diskriminierend. Wer diese Tugendlosigkeit dulde, kann kein guter Christ sein. Diese schwarz-weisse Einengung mit einfachen Schlussfolgerungen verhindern eine differenzierte Analyse. Die gestellten Fragen mögen teilweise berechtigt sein, die Antworten von Frau Kuby reduzieren, verallgemeinern und schränken das Denken ein.
Fundamentalismus gehört heute zu den grössten Bedrohungen, besonders dann, wenn er religiös begründet ist. Deshalb wird Kuby oft von Rechtsradikalen zitiert, auch die umstrittenen Äusserungen von Bischof Vitus Huonder im August 2015 basieren auf ihren Schriften und Vorträgen. Nicht Homosexualität und Toleranz sind gefährlich, sondern solcher Fundamentalismus.
Das Seelsorgeteam von St. Ulrich lässt Kuby Homophobie und Ausgrenzung verkünden, gibt der Intoleranz eine Stimme, fördert Radikalismus und sät erneut Streit. Christentum müsste eigentlich die Verbundenheit mit allen Menschen bedeuten. Es gibt zwar ein Recht auf Meinungsfreiheit, aber es gibt kein Recht, Hass und Menschenverachtung zu verbreiten. (Xaver Dahinden, Dialoggruppe Kreuzlingen)

Die Ring-2000-Veranstaltungen gibt es schon lange in Kreuzlingen. Die Veranstalter geben Ring 2000 ein anderes Profil als zu meinen Zeiten. Das steht ihnen durchaus zu. Sie machen zudem ihre Ziele transparent. In der aktuellen Reihe haben die Veranstalter das Thema weit geöffnet und Referenten mit durchaus kontroversen Positionen eingeladen. Die beiden Referenten, welche die diesjährige Reihe schliessen, vertreten familien- und gesellschaftspolitisch rechte Positionen. Sie dürften den kirchenpolitisch transparent gemachten Positionen der Veranstalter entsprechen. In unserem Pastoralraum Region Altnau setzen wir andere und offenere familienpolitische Akzente, etwa das Kompetenztraining für Paare (www.kath-tg.ch/pfarreien/sv-altnau/aktuell/beitrag/items/4258.html). Kurz gesagt geht es uns darum, Menschen als Paare oder Eltern auf ihrem Lebens- und Glaubensweg so zu begleiten, dass sie aus der Liebe Gottes leben lernen. In Gesprächen mit Paaren und Eltern gewann ich den Eindruck, dass sie die Verantwortung gegenüber dem Partner und gegenüber den Kindern sehr ernst nehmen. In ihren Optionen und Entscheidungen orientieren sie sich dabei an verschiedenen Ehe- und Familien-Modellen. Und das ist gut so. Möge das Vertrauen, dass Gott mit ihnen geht, sie in ihrer Liebe leicht machen. Damit sie mit innerer Freude ihren Weg finden und in liebender Achtsamkeit auf die Herausforderungen antworten, in die sie das Leben stellt.
(Matthias Loretan, Leiter Pastoralraum Region Altnau und ehemaliger Seelsorger von St. Ulrich)

Ich finde es falsch, dass man von der katholischen Kirchgemeinde her solchen Positionen eine derart grosse Bühne verschafft. Kuby und Lohmann kritisieren unsere fortschrittlichen Errungenschaften unter dem Deckmäntelchen des katholischen Glaubens – dahinter versteckt sich eine homophobe und frauenverachtende Haltung, die so einer offiziellen Landeskirche unwürdig sind. Die Organisatoren sprechen von «unterschiedlichen Standpunkten als Testfall für Toleranz und Meinungsfreiheit» – dass aber gleich zweimal solche unhaltbaren und rückwärts gewandten Inhalte unwidersprochen von HauptrednerInnen verbreitet werden dürfen an Veranstaltungen, die sich der «Weiterentwicklung der Gesellschaft» verschreiben, irritiert mich zutiefst.
(Julian Fitze, Grossrats-Kandidat für die Kreuzlinger Bezirks-SP)

Der CSD am See steht für gesellschaftliche Akzeptanz jedweder Minderheiten. Wir wissen, dass es auch abweichende Meinungen gibt, die eine fortwährende Ausgrenzung zu befördern versuchen. Weltoffenheit weckt offenbar in einem engen Denkmuster diffuse Ängste vor Unbekanntem. Um so wichtiger ist die öffentliche Sichtbarkeit gerade sexueller Minderheiten im Lebensalltag, denn nur hierdurch werden Berührungsängste und Unverständnis in der Gesellschaft schwinden. Wir glauben nicht, dass eine Ausblendung der vielfältigen Lebensrealität von Segen ist, den das führt in den Trugschluss.
Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade Christen, gleich ob Katholiken oder Protestanten, nicht unter dem Siegel der Nächstenliebe die Ausgrenzung befördern sollten. Das konterkariert gerade christlich-abendländische Werte. Frau Kubys Veranstaltung im Ring 2000 versucht etwas zu konservieren, das es gar nicht gibt: Eine Allgemeinverbindlichkeit der nur scheinbar naturgegebenen Kultur von heterosexueller Zweisamkeit mit herkömmlichem Familienbild. Das ist unlauter, unaufrichtig und wirkt freiheitsbeschränkend. Letztlich wird dem Individuum die Selbstbestimmung abgesprochen und in demokratischen Staatswesen darf solches keinen Raum finden.
Wir widersprechen der blossen Behauptung, Aufklärung zu Toleranz, Akzeptanz und Verständnis sei gleichbedeutend mit Zwangssexualisierung. Man darf die Augen vor der Lebensvielfalt nicht verschliessen, wenn man sich nicht der Selbsttäuschung anheim geben möchte.
Dass eine Veranstaltung mit ausgrenzender Zielrichtung in katholisch-kirchlichen Kreisen stattfinden wird, lässt für uns die kirchliche Proklamation der Nächstenliebe schwerer glaubhaft erscheinen, denn letztlich soll Nächstenliebe nur erfahren, was vertraut ist. Selbst Papst Franziskus will die Verkrustungen der römischen Kirche sprengen und wir verweisen abschliessend auf das Papstzitat: «Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: «Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?»
Hierüber sollte Frau Kuby, ja sollten die erwarteten Besucher der Veranstaltung einmal nachdenken und auch, welcher Botschaft sie Vorschub leisten.
(Stefan Baier, Organisator vom grenzüberschreitenden Christopher Street Day (CSD) in Kreuzlingen/Konstanz)

Abtreibung und sexuelle Selbstbestimmung werden als Menschenrechte angesehen. Amnesty setzt sich dafür ein, dass der Kriminalisierung von Abtreibung oder sexueller Selbstbestimmung entgegengewirkt wird. Dies geschieht aber auf politischer Ebene. Es laufen einige Aktionen dazu: Amnesty macht den Regierungen Druck, welche diese Rechte nicht anerkennen. Jedoch sollte immer noch die Meinungsfreiheit gelten. Man kann diesen Leuten nicht verbieten, solche Treffen zu organisieren. Auch wenn wir den Inhalt für falsch erachten und als Menschenrechtsverletztend, so haben diese Gruppen doch das Recht, sich zu treffen und sich für ihre «Wahrheiten» auszusprechen. Amnesty International setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch über seinen eigenen Körper bestimmen kann und für sexuelle Selbstbestimmung. AI setzt sich aber auch für freie Meinungsäusserung ein.
(Nora Beck von Amnesty International Thurgau)

UPDATE 21. Februar 2016:
Stellungnahme von Gabriele Kuby
Bericht vom Vortragsabend im Kulturmagazin «Saiten»
Leserbrief eines Gastes
Leserbrief der evangelischen Kirchenpräsidentin
Leserbrief des Präsidenten der SP-Ortspartei

UPDATE 30. März 2016:
Artikel auf queer.deInterview mit der evangelischen Kirchenpräsidentin in der Thurgauer Zeitung

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