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Von Grenzen und Zäunen

Kreuzlingen – «Der Zwang» von Stefan Zweig ist eine Novelle, in der zwei Intellektuelle in die Schweiz fliehen. Geschrieben wurde sie vor einhundert Jahren, aktuell ist sie heute wieder mehr denn je. Inszeniert wird «Der Zwang» in Kreuzlingen, am Mittwoch ist Premiere im Kunstraum.

«Der Zwang» ist die Geschichte einer Flucht zweier Intellektueller – jetzt als Theaterstück interpretiert. (Bild: zvg)

Stefan Zweig verbrachte die Zeit des ersten Weltkriegs wie viele Intellektuelle im Exil: der neutralen Schweiz. 1920 veröffentlichte er die Novelle «Der Zwang», worin er seine Erlebnisse verarbeitete. Für ihn begann ein persönlicher Kampf – der «gegen den Verrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft». Der innere Konflikt Zweigs ist heute wieder aktuell. Wir sind umgeben von Berichten Asylsuchender, Bilder von Zäunen und Grenzen, Intellektuellen, die ihre Heimat verlassen, Sicherheit suchen. Was spielt sich ab im Kopf eines Flüchtenden? Diese Frage beschäftigt Thomas Fritz Jung seit längerem. Ihn kennt man als Schauspieler aus dem Stadttheater Konstanz. Zuletzt mit eindrücklichen Rollen in «Onkel Wanja» und «Der Geizige» zu sehen, tritt Fritz Jung nun an den Bühnenrand und inszeniert. Zusammen mit Andreas Bauer, der das Universitätstheater leitet, hat eine Koproduktion begonnen, die aus dreierlei Gründen spannend ist.

Erstens: Die Besetzung
In dieser Inszenierung treffen die Schauspieler Eléna  Weiss und Sebastian Haase auf Studenten, Profis auf Laien also. Erstere stellen die Hauptfiguren dar, letztere bilden in der klassischen Tradition des griechischen Theaters einen sprechenden Chor, der dem Innenleben der Figuren sowie dem äusseren Rahmen eine Stimme gibt. Eine spannende Herausforderung!

Thomas Fritz Jung (links) und Andreas Bauer führen gemeinsam Regie. (Bild:vf)

Zweitens: Die Lokalitäten
Das Stück wird an drei Orten aufgeführt. Premiere ist am 21. Dezember um 20 Uhr im Kunstraum Kreuzlingen. Weitere Termine dort sind am 9. Januar um 20 Uhr, am 14. Januar um 16.30 Uhr und am 15. Januar um 11 Uhr. Dieser Ort dient dem Stück als weisser Kubus. Theater als Kunst. Ferdinand der Maler im Ausstellungsraum. Dann gibt es zwei Vorstellungen in der Agathu an der Freiestrasse 28. Diese sind am 21. und 22. Januar jeweils um 20 Uhr. Hier kommt die Flüchtlingsthematik an den Ort, wo sie derzeit präsent ist. Für den Zuschauer eine Gelegenheit im Namen der Kunst die Lokalität zu betreten und sich eine Lebenswelt zugänglich zu machen, die sonst nur in Bildern der Nachrichten präsent ist. Am 25., 27. und 28. Januar schliesslich ist das Stück jeweils um 20 Uhr in der Studiobühne der Universität Konstanz, der Produktionsstätte der Inszenierung, zu sehen. Karten gibt es in der Buchhandlung Homburger und Hepp in Konstanz, an der Universität Konstanz und im Kunstraum Kreuzlingen sowie jeweils an der Abendkasse.

Drittens: Der Inhalt
Ferdinand flieht mit seiner Frau Paula in die Schweiz, um nicht eingezogen zu werden. Er stellt sich gegen seine innerliche Verbundenheit zum Vaterland, die ihn aber dennoch begleitet und nicht loslassen will. Seine Frau Paula kämpft um ihn wie eine Wahnsinnige. Die grosse Frage «Freiheit oder Verantwortung» geht also von einer patriotischen auf eine persönliche Ebene. Von der Pflicht eines Staatsbürgers hin zu der Pflicht eines Ehemannes. Von der Dimension eins zu einer Million hinab bis ins Kleinste: eins zu eins. Ein Paar gegen ein Land, die Liebe zu einer Frau gegen die Liebe zum Vaterland. Was wiegt mehr? Was ist stärker? Was sind die Gedanken von Menschen, die alles hinter sich lassen, um Sicherheit zu erhalten, um ihr Leben zu schützen? Wir werden es erfahren, im Rahmen dieses spanndenden Theaterprojektes!

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