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«Lieber krampfen statt kiffen»

Münsterlingen – Der Sohn Profifussballer, die Tochter Ballerina. Um heute noch speziell zu sein, müssen Jugendliche einiges leisten. Dr. Bruno Rhiner, oberster Kinder- und Jugendpsychiater im Kanton, spricht über Risiken und Chancen, Jugendliche zu fordern.

«Zu hohe Leistungsanforderungen bei verletzlichen Jugendlichen können zu psychischen Erkrankungen führen», sagt Dr. Bruno Rhiner, Chefarzt KJPD Psychiatrische Dienste Thurgau. (Bild: ek)

KreuzlingerZeitung: Dr. Rhiner, verlangen wir unseren Kindern immer mehr ab?
Dr. Bruno Rhiner: Ich hüte mich davor, in diesen Kanon einzustimmen. Ich glaube Kinder und Jugendliche sind heute nicht mehr gefordert als vor 50 Jahren. Aber wer ausserordentlichen Erfolg haben will, der muss heute früh Gas geben.

Warum nicht später Karriere machen?
Die Adoleszenz, also die Übergangsperiode zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, ist eine hochanspruchsvolle Phase für Körper und Hirn, eine biologisch festgelegte kritische Zeit. Gleichzeitig sind wir körperlich und geistig nie mehr so leistungsfähig wie in jungen Jahren. Wer ausserordentliche Leistungen erbringen will, legt den Boden schon früh.

Zählen denn nur noch Höchstleistungen?
Das wollen uns auf jeden Fall die Medien und die Werbung weiss machen. Immer produktiv, positiv, flexibel und gut aussehen ist die Devise. Besonders auf Junge hat das eine unheimliche Sogwirkung. Jeder soll berühmt werden und der Beste im Sport sein.

Sind Jugendliche also doch mehr gefordert als
früher?
Ich würde nicht sagen, dass die Herausforderungen schwerer geworden sind, eher anders. Wir haben eine unheimliche Auswahl an Möglichkeiten und diese sind zudem noch global abgeglichen. Das ist toll für Jugendliche, die selbstbewusst sind, für andere kann das zum Problem werden.

Ist es nicht ungesund für eine Gesellschaft, immer bessere und grössere Leistungen zu fordern?
Ich sehe weniger den Leistungsdruck als Problem, als die Beschleunigung und Ungewissheit. Der Schweizer Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim spricht von heissen und kalten Kulturen. In einer kalten Kultur ist klar, was die Probleme und Aufgaben von morgen sind. Wir leben demgegenüber in einer heissen Kultur und wissen nicht, was uns morgen erwartet wird. Wir können unsere Jugendlichen nur bedingt auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten.

Für Jugendliche kann das doch nicht gesund sein.
Aus persönlicher Sicht bewundere ich solche Leistungen. Aus fachlicher Sicht legen diese ausserordentlichen Belastungen oft gewisse Handicaps oder Veranlagungen für psychische Erkrankungen frei. Da gilt es, diese frühzeitig anzupacken.

Also lieber durchschnittlich und lauwarm leben, dafür ohne psychische Komplikationen?
Natürlich nicht. Ein allzu geschützter Lebensraum mit viel Ablenkung und wenig Anforderungen führt in die Wohlstandsverwahrlosung. Zu hohe Leistungsanforderungen bei verletzlichen Jugendlichen können zu psychischen Erkrankungen führen. Hier wünsche ich mir, dass es ebenso selbstverständlich wird, zum KJPD zu gehen bei Problemen, wie ein Kind mit Diabetes zum Kinderarzt geht.

Sollen Eltern überhaupt Höchstleistungen von ihren Kindern fordern?
Das ist nun mal die Realität, in der wir leben. Es macht keinen Sinn, einen beschützenden Gartenzaun für unseren Nachwuchs aufzubauen. Höchstleistungen werden ja nicht nur in Sport oder Musik gefordert sondern auch bei einer wirtschaftlichen oder akademischen Karriere. Entscheidend ist, dass nicht nur Leistungen verlangt werden, sondern auch das familiäre Umfeld und eine intakte Persönlichkeitsstruktur vorhanden sind. Ohne
emotionale Bindung bricht jeder irgendwann ein.

Entscheidet Wille oder Talent über Erfolg?
Es braucht beides, aber die Willensstärke ist sicher ausschlaggebend. Das zeigt die Werbung nämlich nicht, all die Trainingsjahre und harte Arbeit, welche hinter dem Erfolg liegen.
Sind jugendliche Talente, welche auf der Strecke bleiben, nicht gefährdet für Depressionen?
Ich hatte mal einen Handballer in Therapie,
der nach einem Unfall nicht mehr spielen konnte. Aber es ist ja auch logisch, dass Hilfe nötig ist, wenn plötzlich ein grosser Teil der Identität wegbricht.

Es liegt in der Natur der Sache, das nicht jeder Höchstleistungen erbringen kann. Warum
sollte es ein Grossteil überhaupt versuchen?
Besser als seine Jugend durch zu gamen und kiffen ist es allemal. Wer es neben der Schule auf die Reihe bekommt, abends mehrmals die
Woche ins Training zu gehen und am Wochenende noch an Wettkämpfe zu fahren, wird auch später im Leben etwas erreichen.

Expertenmeinung:
Dr. Bruno Rhiner spricht am Donnerstag, 9. März, 19.30 Uhr im Vorfeld des Ballettabends in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zum Thema «Wie können Höchstleistungen in der Adoleszenz gelingen und wieso schaffen andere diese Klippe nicht?». Danach stehen vier Ausnahmetalente vom Opernhaus Zürich auf der Bühne.

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