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Lesungen im Wohnzimmer

Region – Am 10. Literaturwochenende am Untersee gibt es am 16. und 17. September Lesungen in historischen Häusern von Tägerwilen bis Steckborn. Die Gastgeber öffnen ihre privaten Häuser für eine Lesung, der sich ein Gespräch mit dem jeweiligen Autor anschliesst. Wir haben vorab mit Hermann Kinder gesprochen, der am Sonntag um 20 Uhr in Tägerwilen liest.

Der Schriftsteller Hermann Kinder. (Bild: Helmut Voith)

KreuzlingerZeitung: Wir in der Redaktion haben als Studenten Ihre Literaturseminare an der Universität in Konstanz besucht. Hatten Sie ebenso viel Spass daran wie wir?
Hermann Kinder: Ja, wenn eine Sitzung mit Ihrer Hilfe gelang. Nein, wenn ich kein Interesse entfachen konnte.

Mit dem Reclamband «Nichts ist versprochen» haben Sie meine Liebe zur deutschen Gegenwartslyrik geweckt. Wo hat Ihre Liebe zur Literatur ihren Ursprung gefunden?
Mit 14 Jahren bei Heinrich Spoerl («Feuerzangenbowle»); mit 18 Jahren bei Heinrich Böll, Martin Walser, Günter Grass und anderen der Gruppe 47. Mit 25 Jahren zudem bei der Konkreten Poesie und Arno Schmidt. Und in der Lyrik bei Gottfried Benn (früh schon und immer noch).

In Ihrem jüngsten Roman «Porträt eines jungen Mannes aus alter Zeit», aus welchem Sie lesen werden, zeigen Sie das Heranwachsen Ihres Bruders «E» in der Nachkriegszeit. Er kämpft mit der Fremdheit des eigenen Vaters, mit einem zerrütteten Land und mit einer Gesellschaft, die keinen Platz für Künstler lässt. Sind das auch Ihre eigenen Themen?
Es ist ein «historischer Roman»; die konkreten Themen sind zunächst zeit- und personenbedingt. Aber ich bin schon im Geist des «Existentialismus» der Nachkriegszeit aufgewachsen, der übrigens auch die frühen Werke von Martin Walser und anderen prägte. Ziemlich ungebrochen stecken in den Anmerkungen zur Gegenwart meine heutigen Themen.

Denken Sie, dass «E» in der Welt, in der wir heute heranwachsen, ein erfülltes Leben hätte finden können? Oder wäre er an der modernen Welt mit Facebook und iphone ebenso zerbrochen?
«E»s Lebenslabilität ist das Ergebnis aus Nachkriegsmilieu, Pubertät, Kunstwollen und individueller Depression. Ich hätte mich gefreut, hätte ich meinen Bruder in der «modernen Welt» erleben können. Konnte ich nicht. Also: Ich weiss es nicht.

Sie wurden mit dem Berthold-Auerbach-Literaturpreis ausgezeichnet und die NZZ beschreibt Ihren Roman als ein «meisterliches Buch». Was bedeuten Ihnen Rückmeldungen dieser Art?
Sehr viel, aber nicht alles. Letztlich bin ich, meine ich, doch mein eigener Richter.

 

Programm:

Das literarische Wochenende eröffnen in diesem Jahr Regierungsrätin Monika Knill und Gemeindepräsident Martin Stuber am Samstag, um 16.30 Uhr, in «Breitenstein», Ermatingen. Anschliessend folgt die erste Lesung:
17 Uhr: Dieter Bachmann: «Abschied von den Dingen», «Breitenstein» Ermatingen, (Koemeda, Tel. 071 664 11 10)
20 Uhr: Bettina Spoerri: «Herzvirus», «Altes Debrunner Haus» Ermatingen (Müller, Tel. 071 664 17 14)

Sonntag, 17. September
11 Uhr: Volker Ranisch: «Vreneli’s Gärtli» von Oskar Panizza, «Haus zum Gries», Berlingen (Nussio, Tel. 052-770 27 07)
17 Uhr: Heiko Strech: aus Werken von Heinrich Böll (zum 100. Geburtstag), «Haus zur Glocke», Steckborn (Villiger, Tel. 052-770 24 50)
20 Uhr: Hermann Kinder: «Portrait eines jungen Mannes aus alter Zeit», 20 Uhr; «Rosenau», Tägerwilen (Hangarter, Tel. 071-669 15 06)

Detailliertes Programm und Reservation: Tel. 071 672 26 70 (Mo – Fr: 10-12, 16-18 Uhr) oder heidi@walkhoff.ch; Karten: 20 Franken, nach jeder Lesung Apéro.

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