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Begegnungen mit der Fremde

Kreuzlingen – Usama Al-Shahmani - Autor, Übersetzer und Dozent - arbeitet als Aushilfe in der Mensa Kreuzlingen. Vor 15 Jahren musste er aus dem Irak fliehen, weil er ein regimekritisches Theaterstück verfasst hat. Nun haben er und die deutsche Autorin Bernadette Conrad zusammen ein Buch publiziert: «Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister». Aus diesen Texten über Flucht und Krieg, der Suche nach Heimat und der Bedeutung von Sprache lesen die Autoren am Dienstag, 19. September. Wir sprachen vorab mit beiden über ihre Zusammenarbeit und die Hintergründe des spannenden Werkes.

Die Autoren Usama Al Shamani und Bernadette Conrad. (Bild: Ayse Yavas)

KreuzlingerZeitung: Wie haben Sie beiden sich kennengelernt und wie entstand die Idee zu einem gemeinsamen Buch?
Bernadette Conrad: Wir haben uns über Freunde kennengelernt. Mir ist sofort Usamas schönes, ausdrucksstarkes Deutsch aufgefallen. Seine persönlichen Themen Diktatur, Flucht und Exil haben bei mir persönlich viel bewegt, da meine Eltern und Grosseltern Kriegsflüchtlinge sind. Daraus entstand die Frage, ob man diese beiden Geschichten mit ihren jeweiligen Fragen und Antworten zusammenbringen kann. Das Buchprojekt war also ein Experiment.
Usama Al Shamani: Wir haben die Texte getrennt voneinander geschrieben. So ist eine Betrachtung der Fremde aus zwei Perspektiven und in zwei Sprachstilen entstanden. Durch unsere Gespräche ist dennoch eine Harmonie im Buch. Und wir sind gute Freunde geworden.

Haben Sie versucht im Dialog mit dem anderen Antworten auf die jeweils eigenen Fragen zu finden?
Bernadette Conrad: Meine Eltern haben mir mit ihrer Sprachlosigkeit über den Krieg ein grosses Rätsel hinterlassen. Als Kind hatte ich dazu andere Fragen als Erwachsene. Daher war ich sehr empfänglich für die Geschichten und Ansichten von Usama.
Usama Al Shamani: Das Schweigen von Bernadettes Vater ist dasselbe, das auch heute noch zu finden ist. In Diktaturen lernt man Heucheln, Lügen und Schweigen. Ich habe die Freiheit hier in der Schweiz über diese Grausamkeiten und Gräueltaten zu schreiben. Das Schreiben ist ein Kampf gegen das Schweigen. Wenn man die Mittel und die Kraft hat, sollte man diesen Kampf führen.

In vielen Familienbiografien taucht die Fluchtthematik auf. Kann man Ihr Projekt als Metapher sehen für unsere Gesellschaft, als einen Appell zum Diaolog?
Usama Al Shamani: Unser Buchprojekt ist ein Zeichen, das an die Vergangenheit anknüpft. Flucht und Migration sind Themen, die es immer gab und immer geben wird, auch in der Zukunft. Ob wir aus der Geschichte lernen? Wie man damit umgeht und wie man Flüchtlinge betrachtet, das ist die Frage.
Bernadette Conrad: Die Betrachtung als Metapher wäre eine sehr konstruktive Art mit unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation umzugehen. Man kann im Dialog etwas für sich und für andere tun. Wenn man sich schwierigen Fragen durch einen persönlichen Zugang nähert, können diese auch eine politische Dimension erlangen. Das Fremde, das uns Angst macht, liegt oftmals in uns selbst, nicht in unserem fremden Gegenüber.

Was ist die Fremde für Sie?
Usama Al Shamani: Fremdsein bedeutet für mich, dass ich Dinge etablieren muss, die in meinem Alter eigentlich selbstverständlich sind. Ich bin nun Mitte 40 und habe viele Tätigkeiten, als Übersetzer, Gastdozent an der Universität Konstanz, als Schriftsteller, in der Bibliothek Frauenfeld und hier in Kreuzlingen in der Mensa. Wäre ich hier aufgewachsen, hätte ich mich sicherlich schon viel besser etabliert. Und dann gibt es noch das Gefühl, dass ich die Dinge immer noch besser machen sollte. Fremdsein hört niemals auf. Selbst wenn man die Sprachbarriere überwunden hat. Ich verstehe Schweizerdeutsch zu einhundert Prozent und unterrichte Deutsch an der Universität. Trotzdem ist die Sprache für mich wie ein adoptiertes Kind. Du gibst ihm alles, was du hast, und hast dennoch das Gefühl, dass es nicht dir gehört.
Bernadette Conrad: Für mich als Reisereporterin hat die Fremde ein doppeltes Gesicht. Zum einen ist sie abenteuerlich, aufregend und herausfordernd, zum anderen macht sie Angst. Wenn ich in ein fremdes Land reise, gibt es immer den neugierigen Teil und den ängstlichen Teil in mir. Ich halte es aber für sehr wichtig diese Ängste zu erkennen und darauf zuzugehen. Auch Usama war mir anfangs fremd. Mit seiner Herzlichkeit und Neugier hat er es mir aber sehr einfach gemacht, mit dieser Fremde umzugehen.

Waren kulturelle Unterschiede in Ihrer Zusammenarbeit spürbar?
Bernadette Conrad: Für mich galt es die richtige Balance aus Nähe und Distanz zu finden. Auch nach vielen Begegnungen und tiefen Gesprächen ist es für Usama zum Beispiel nicht üblich sich zur Begrüssung zu umarmen, er gibt mir die Hand. Da bestand bei mir der Konflikt zwischen dem eigenen Impuls und dem Respekt vor der anderen Kultur. Wir beide haben immer versucht, sorgfältig und mit Respekt mit unserer Freundschaft umzugehen.
Usama Al Shamani: Durch unsere Arbeit ist Bernadette eine Halbaraberin geworden (lacht). Sie hat jetzt Humus und Datteln gern. Ich umarme Freunde, wenn ich sie treffe, aber keine Frauen. Es wäre jetzt auch nicht schlimm für mich, ich trinke auch keinen Alkohol und verurteile das nicht bei anderen – ich habe nichts dagegen, mache es aber selbst nicht. Für mich lag der grösste Unterschied in unserer Sprache. Unsere Stile sind sehr verschieden, das finde ich spannend.

Ihre Texte handeln von der Suche und der Sehnsucht nach Heimat. Was ist Heimat und warum braucht der Mensch dieses Gefühl so sehr?
Usama Al Shamani: Heimat bedeutet für mich in jedem Kontext etwas anderes. Emotional ist meine Familie meine Heimat. Lokal mein Zuhause, meine Wohnung in Frauenfeld. Die Orte meiner Vergangenheit im Irak sind zerstört, nichts ist mehr, wie es war. Die Menschen verschwinden, sie sind tot oder geflohen. Der Krieg hat dieses Land verstümmelt und ihm ein anderes Gesicht gegeben, das ich nicht gerne betrachte. Ganz übergreifend ist für mich die Sprache Heimat.
Bernadette Conrad: Meiner Meinung nach ist Heimat deshalb so wichtig, weil sie ein Identitätsaspekt ist. Ich vermute, dass es für jeden Menschen wichtig ist, auf die Frage nach Heimat eine Antwort zu haben, – die sich natürlich im Lauf des Lebens ändern kann. Wenn man das reflektiert und erkennt, dass Menschen mit Fluchtgeschichten ein Teil ihrer Identität geraubt wurde, blickt man anders auf das Leben.

 

Usama Al Shahmani, Bernadette Conrad

«Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister.
Eine Begegnung zwischen Bagdad, Frauenfeld und Berlin»

204 Seiten, Limmat Verlag, 2016
34 Franken / eBook 29.80 Franken

 

 

Die Lesung am Dienstag, 19. September, beginnt um 19 Uhr in der Aula der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen. Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung vom «Chor ohne Grenzen» der Musikschule Romanshorn, in welchem Flüchtlinge und Einheimische zusammen singen. Der Eintritt ist frei.

 

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