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«Gute» gegen «böse» Proteine

Arthrose – Mit der Anti-Interleukin-Kur können Ärzte eine gute Erfolgsquote bei Kniearthrose und anderen entzündlichen Gelenkerkrankungen vorweisen. Dabei wird körpereigener Botenstoff aus Eigenblut gewonnen und wieder zurück ins Knie gespritzt.

Kniearthrose muss nicht zwangsweise Schmerzen verursachen, der Knorpel selbst hat keine Nerven. Ursächlich für die Schmerzen ist die als Folge der Gelenkveränderungen auftretende reaktive Entzündung. Bei einigen Patienten kann Arthrose auf dem Röntgenbild sichtbar sein, sie leiden aber kaum oder wenig an dieser. Wer jedoch entzündlich reagiert, hat zum Teil invalidisierende Beschwerden. Zum Glück steht eine Vielzahlt von Behandlungsmöglichkeiten zu Verfügung.

Ziel: Künstliches Gelenk vermeiden
«Am Anfang jeder Arthrosebehandlung steht die konservative Behandlungsmethode, denn man möchte die Knieprothesenversorgung zunächst vermeiden oder hinauszögern», sagt Dr. med. Thomas Fiechter von der Orthopädie am See in Kreuzlingen. «Erst wenn diese Massnahmen nicht greifen, schreiten wir zur Operation.» Zunächst wird also versucht, den Schmerzen medikamentös beizukommen. Hierfür gibt es ein Stufenkonzept, das bei einer Aktivierung der Arthrose, das heisst bei entzündetem Gelenk, insbesondere die Antirheumatika (zum Beispiel Voltaren) beinhaltet. Medikamente aus dieser Gruppe wirken entzündungshemmend und reduzieren den Schmerz sowie die durch die Entzündung hervorgerufene Schwellung des Knies oftmals schon innerhalb von Stunden.

Schlägt die Therapie nicht an, kann die Entzündung noch stärker blockiert werden, indem Kortisonpräparate ins Gelenk gespritzt werden. Weitere mögliche Arthrosetherapien sind ausserdem die Gelenk­infiltration mit Hyaluronsäure oder die Einnahme von Chondroitinsulfat. Das hat einen Nachteil für Patienten mit akuten Schmerzen, sagt Fiechter: «Es dauert einige Zeit, bis die Wirkung anschlägt.» Eine neue symptomatische Therapie, die sich bewährt hat, arbeitet indes mit sogenannten «Anti-Interleukinen». «Dies sind sozusagen natürliche Gegenspieler des Interleukin-1. Sie besetzen die Schlüsselstellen, an denen sonst das Interleukin-1 anbindet, blockieren damit dessen entzündliche Wirkung und somit die weiterführende Zerstörung des Gelenkknorpels», erklärt der Facharzt. «Das bei der Arthrose gestörte Gleichgewicht zwischen diesen ‹Arthrose hemmenden Botenstoffen› und dem ‹entzündungsfördernden Interleukin-1› wird so wieder hergestellt. Man könnte also von ‹guten› und ‹bösen› Proteinen sprechen.»

 

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Eine Art Eigenblutherapie
Bei der Anti-Interleukin-Kur wird dem Patienten Blut abgenommen, die Blutzellen dann in einem Spezialbehälter über komplizierte Mechanismen zur Produktion dieser «guten Proteine» stimuliert und in einem Wärmeschrank inkubiert, anschliessend zentrifugiert. Aus einer Blutentnahme gewinnt man acht Spritzen mit dem angereicherten Anti-Interleukin des Patienten. Dieses Eigenserum wird tiefgefroren und dem Patienten im Abstand von einer Woche direkt in das betroffene Gelenk und damit an den eigentlichen Entzündungsherd gespritzt. In der Folge bildet sich die Entzündung zurück, die Knorpelzerstörung wird aufgehalten, die Schmerzen verschwinden. Absolute Verfechter der neuen Methode behaupten sogar, der Knorpel könne sich wieder regenerieren.

«An der Orthopädie am See wird die Behandlungsmethode seit rund vier Jahren eingesetzt und hat sich bewährt», sagt Fiechter. Im Vergleich mit anderen Verfahren der Arthrosebehandlung im Gelenk seien die Erfolge dieser Behandlung gerade auch in Bezug auf das Anhalten der Wirkung über die Zeit deutlich besser. Der Grossteil der Patienten berichte über eine deutliche Verbesserung der Belastungsfähigkeit des Kniegelenks, zu eigentlichen Komplikationen sei es nie gekommen. Insbesondere bei Gelenkserguss, bei dem die Behandlung mit Hyaluronsäure nicht indiziert ist oder bei Diabetikern, bei welchen kein Kortison gespritzt werden sollte, lohne es sich, das Verfahren anzuwenden.

Einschränkungen
«Im Vordergrund der Behandlung steht, das ‹gelenkzerstörende Feuer› der Entzündung soweit möglich zu löschen und damit ein Fortschreiten der Knorpelveränderungen und eine Zunahme der Schmerzen zu verhindern», sagt Dr. Fiechter. «Die besten Substanzen oder Botenstoffe um dies zu tun, sind die körpereigenen.» In gewissen Situationen müsse man jedoch mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten arbeiten, die relativ schnell wirken. Fiechter: «Welche Form der Therapie angewendet wird, ist nicht abhängig vom Röntgenbild, sondern vielmehr vom Leidensdruck der Betroffenen.»

Manko: Behandlung ist teuer
Die Behandlung eignet sich praktisch für alle Gelenke inklusive auch der Wirbelsäulengelenke. Sie kostet aber zwischen 600 und 800 Franken und ist nicht kassenzulässig. Es gibt Krankenkassen, die aus der Zusatzversicherung allenfalls einen Teil übernehmen. Der Grossteil der Patienten muss die Behandlungskosten selber stemmen.

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