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Krankhafte Narzissten können mehr schaden als nutzen

Narzissmus – Als der deutsche Verteidigungsminister Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg an seiner kopierten Doktorarbeit scheiterte, rückte ein psychologischer Begriff in den Vordergrund: Narzissmus. Weil er sich mit fremden Federn schmückte, und sonst eitle Effekthascherei betrieb, hatte er am Ende zu viele Neidgegner, die ihn einen üblen Narzissten nannten. Doch es geht auch ein paar Nummern kleiner.

Narzissten sind allgegenwärtig. Kollegen, Nachbarinnen und vor allem Vorgesetzte zeigen oft narzisstische Züge. Manchmal gehört man auch selbst ein wenig dazu. Das muss nicht schlecht sein, denn: «Narzissmus ist, nach einer klassischen Definition, eine Konzentration des seelischen Interesses auf das eigene Selbst».

Zum Wohle der Mitmenschen
Dieses selbstbezogene Interesse ist in gemässigter Form hilfreich für ein gesundes Selbstbewusstsein und kann sogar für die Allgemeinheit nützlich sein. Vor allem dann, wenn sich solche Leute in Ämter und Arbeitsstellen wählen lassen, in denen sie im Dienste und zum Wohle der Mitmenschen wirken können. Dort setzen sie sich meist mit besonderem Ehrgeiz ein, mit dem Ziel soziale Anerkennung zu bekommen, die schliesslich ihrem Ego schmeichelt und sie zu weiteren Taten beflügelt.

Grandios – leicht kränkbar
Doch da gibt’s noch eine andere Seite des Narzissmus – die krankhafte. Hiervon sind Menschen betroffen, die sehr stark geltungsstrebend sind. Sie haben die Fantasie etwas Besonderes zu sein. Dieses Besondere verfolgen sie unter anderem bei höheren geistigen Interessen, Kultur, Schönheit und bei der Partnerwahl.

Die pathologischen Narzissten erleben sich oft grandios. Andere Menschen, auch Partner und Familienangehörige, werden in ihrer Eigenständigkeit nicht wahrgenommen. Spüren sie jedoch selbst in ihrer Grandiosität Ablehnung oder werden sie gar vom Partner verlassen, sind sie leicht kränkbar. Die Verletzung des Selbstwertes kann rasch in Wut, Rachegefühlen und Neid auf andere münden. Gekränkte Narzissten neigen in Krisen auch zu depressiven Episoden und zur Selbsttötung.

Risikobereitschaft und Gier
Um berufliche Anerkennung zu erlangen, treiben sich manche Narzissten in eine Arbeitssucht. Mit etwas Charme und einem gerüttelt Mass an Dominanzverhalten, gelingt es dann vielen in Führungspositionen zu kommen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass pathologisch narzisstische Führer einem Unternehmen in seiner langfristigen Entwicklung eher schaden als nutzen können. Gründe dafür werden in ihrer überdurchschnittlichen Risikobereitschaft, in der Gier nach Anerkennung, Impulsivität, aber auch in ihrer Neigung zur Wirtschafts-Delinquenz gesehen. Klar ist inzwischen auch, dass ca. 70 Prozent der Mitarbeiter ein Unternehmen wegen ihres Chefs verlassen. Hohe Mutationskosten sind die Folgen.

Problem erkannt
Das Problem der pathologisch narzisstischen Vorgesetzten wurde erkannt. Aufgeklärte Unternehmen wollen sich vor solchen destruktiven leitenden Mitarbeitern schützen. Sie setzen in Selektionsverfahren immer häufiger Persönlichkeitstests ein. Damit kann man zwischen krankhaftem Narzissmus und gesundem Selbstbewusstsein unterscheiden.

Emotionale Intelligenz
Heute setzt man bei der Besetzung von Führungsstellen neben fachlichen Qualifikationen, Leistungsbereitschaft und allgemeiner Intelligenz auf die so genannte «emotionale Intelligenz». Die sozialen Prozesse sind als wichtiger Erfolgsfaktor in Firmen erkannt worden.

Unternehmensberater raten mittlerweile Personen mit schwer krankhaftem Narzissmus nicht einzustellen oder nur dort einzusetzen, wo diese Persönlichkeitseigenschaften möglicherweise vorteilhaft sind. Wenn in einem Betrieb ein krasser Narzisst identifiziert wird, ist es nicht immer sinnvoll, sich von ihm zu trennen. Oft hilft auch ein Einzel- oder Teamcoaching, um eine erfolgreiche neue Unternehmenskultur einzuführen.

Einsichtiger Nachfolger von Petrus
Dass selbst höchste geistliche Würdenträger nicht vor den reizvollen Gefühlen der Eitelkeit gefeit sind, hat Kardinal Albino Luciani (später Papst Johannes Paul der I.) in einem Zeitungsessay zugegeben (siehe Info).

Info: Johannes Paul I. in einem fiktiven Brief an König David
«Ich spürte, dass mir Kritik noch genauso unangenehm war, wie mir die Lobsprüche gefielen und das immer noch an dem Urteil der anderen über mich gelegen war. Wenn mir ein Kompliment gemacht wird, müsste ich mich eigentlich mit dem kleinen Esel vergleichen, der Christus am Palmsonntag getragen hat. Und so sage ich mir: Wenn das Eselchen, als es den Applaus der Menge hörte, stolz geworden wäre und begonnen hätte, sich nach rechts und links wie eine Primadonna zu verneigen, wie viel Heiterkeit hätte es hervorgerufen! Also, mach ich nicht eine ähnliche Figur!»

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