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«Verdrängte Vergangenheit.»

Konstanz – Stadtarchivar Jürgen Klöckler stellte seine Forschungen zum Nationalsozialismus vor.

Bereits die Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz im Januar war sehr gut besucht und auch der Zunftsaal im Rosgartenmuseum war bis auf den letzten Platz besetzt: die Forschungen von Dr. Jürgen Klöckler zum Nationalsozialismus stossen auf grosses Interesse. Als 43. Band der vom Stadtarchiv herausgegebenen Reihe der «Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen» hat er vergangene Woche im Rosgartenmuseum eine rund 500-Seiten starke und quellengesättigte Untersuchung zur Rolle der Konstanzer Verwaltung im Nationalsozialismus der Öffentlichkeit übergeben.

«Ein wichtiger Meilenstein»
Museumsdirektor Dr. Tobias Engelsing wies in seiner Begrüssung darauf hin, wie wichtig angesichts der zunehmenden Boulevardisierung von Geschichte im Fernsehen die genaue Analyse der Strukturen sei. Oberbürgermeister Uli Burchardt betonte die Bedeutung der Arbeit Dr. Klöcklers angesichts der nach wie vor noch nicht abgeschlossenen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit: «Ich halte es für eine sehr bedeutende Leistung, dass wir heute mit der Vorstellung der Habilitationsschrift des Stadtarchivars Dr. Jürgen Klöckler einen weiteren wichtigen Meilenstein in der Erforschung der NS-Zeit der Öffentlichkeit vorstellen können. Ich habe das Wort Meilenstein ganz bewusst gewählt, denn ich bin der Überzeugung, dass Dr. Klöckler mit seiner Schrift eine ganz massgebliche Lücke in der Forschung zum Nationalsozialismus geschlossen hat.» Unter dem Titel «Selbstbehauptung durch Gleichschaltung: Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus» habe er nicht nur untersucht, wie die Konstanzer Stadtverwaltung zu einem zuverlässigen Apparat im lokalen NS-Herrschaftssystem werden konnte, sondern darüber hinaus allgemeine Erkenntnisse zum Verhalten und zur Rolle von Verwaltungen im Nationalsozialismus gewonnen, die sehr erhellend sind und uns vieles erklärbarer machen.

Aktiver Teil der NS-Machtausübung
Das zentrale Ergebnis der Studie Dr. Klöcklers besteht in dem Nachweis, dass die Verwaltungen unmittelbar ab 1933 mit den neuen Machthabern in vielfältigster Weise zusammengearbeitet haben. «Kommunalverwaltungen im `Dritten Reich‘ waren aktiver Teil nationalsozialistischer Machtausübung und nicht nur – wie bislang vermutet – widerspruchlose Vollstrecker des übergeordneten Willens der grossen und kleinen ‚Führer‘ im Reich und in der Provinz», erklärt der Stadtarchivar. Doch wie konnte es dazu kommen, dass im Grunde genommen unbescholtene Bürger, Familienväter, in Vereinen engagierte Menschen sich in einem schleichenden Prozess einem Unrechtsregime nicht nur andienten, sondern es auch durch ihre Arbeit stabilisierten? Grosse Teile der Verwaltung, so Klöckler, hätten durch eine Antizipation des Führerwillens dazu beigetragen, ihre Position innerhalb der Bürokratie zu sichern, quasi durch eine «ideologische Selbstgleichschaltung» ihre Stellung und ihr Verbleiben im Amt zu erhalten. Im «Dritten Reich» haben die Kommunalverwaltungen weitgehend geschlossen «dem Führer entgegengearbeitet» und das NS-System von unten stabilisiert und zugleich radikalisiert. So ist eine offensichtliche Symbiose aus Herrschaftsbeziehungen zwischen den lokalen NSDAP-Machthabern und den Trägern der öffentlichen Ämtern entstanden.

Sozialisation geprägt durch Kaiserreich
Begünstigt hat das Verhalten der Beamten auch ein Charakterstruktur, die ihre Vorgeschichte hat. Ihre Sozialisation sei durch das Kaiserreich und die Weimarer Republik geprägt gewesen, Loyalität und Dienstwilligkeit gegenüber der Obrigkeit galten ihnen als höchste Prinzipien. So habe Oberbürgermeister Albert Herrmann Stadtrechtsrat Franz Knapp im Jahr 1936 angewiesen, «immer darauf zu achten, dass keine Massnahme oder Entscheidung in Widerspruch zu massgeblichen Auffassungen der Partei» stehe. Weitere Beispiele zeigen sich in der Radikalisierung der Kommunalpolitik gegenüber jüdischen Bürgern: So veranlasste Bürgermeister Mager bereits 1933 ein Messeverbot für jüdische Händler und Oberbürgermeister Herrmann 1937 ein Badeverbot für Juden am Hörnle, im Jakobsbad sowie im Kur- und Hallenbad. Besonders eklatant war das Verhalten der Verwaltung bei der Zerstörung der Synagoge während der Reichspogromnacht 1938. Die städtische Feuerwehr verletzte ihre Dienstpflichten, indem sie nicht löschte, ja sogar zum Helfer der SS wurde. Nach der Zerstörung sollte die Israelitische Gemeinde die Kosten des Abbruchs zahlen. Hier war es Rechtsrat Knapp, der offensichtliches Unrecht durchzusetzen hatte und der durch eine Erhöhung des Drucks wesentlich zur Verschärfung der ohnehin schwierigen Situation der Israelitischen Gemeinde beigetragen hatte.

Tabuisierung der Vergangenheit
Zwar waren stellenweise auch Konflikte zwischen der Verwaltung und dem NS-Apparat zu verzeichnen, doch bei diesen Konflikten ging es nie um inhaltliche Fragen, sondern um Prestige und Ressourcen. Nach dem Krieg sei die Schuld dann abgewälzt worden auf die NS-Funktionäre. Es fand, so Klöckler, «eine massive Umdeutung der Vorkommnisse statt». Keiner von ihnen hätte sich an die eigene Mitwirkung und Mitverantwortung im Nationalsozialismus erinnern wollen. Stattdessen fand ein Verdrängen, Vergessen, Nicht-wahrhaben-wollen, Abstreiten, Tatsachen verdrehen und Vertuschen der eigenen Vergangenheit statt. Den Werdegang von Verwaltungsmitarbeitern schilderte Klöckler exemplarisch an den Biografien von Leopold Mager, Franz Knapp, Albert Herrmann und Bruno Helmle. Ihre Namen stehen ebenso für die aktive Mitwirkung im und Mitverantwortung am NS-Unrechtssystem wie für die spätere Tabuisierung des Verwaltungshandelns nach dem Krieg.

Auf den Punkt gebracht
Als Quintessenz aus seinen Forschungen hielt Dr. Jürgen Klöckler drei Punkte fest:

1. Die traditionelle Verwaltung trug Mitverantwortung am NS-Unrechtssystem durch sachkompetente Mitwirkung, durch Initiative von unten oder aber auch in Einzelfällen durch Unterlassung.

2. Politischer Extremismus kann jederzeit von einem Extrem ins andere umschlagen: Die Hälfte der Konstanzer «Alten Kämpfer» hatte eine «rote» Vergangenheit; sie waren aktive Teilnehmer an der Revolution von 1918/19 gewesen und wandten sich aber schon Anfang der 1920er Jahre dem rechtsextrem-völkischen Lager zu.

3. Es gab keine apolitische, rein vollziehende Verwaltung. Verwaltungen beschleunigen oder bremsen, sie entwickeln Initiative und sind eben keine blossen Vollzugsorgane. Um sich selbst zu behaupten, um nicht vom Geschäftsgang der Macht ausgeschlossen zu werden, passten sich diese Verwaltungen nach 1933 an.

Resümierend schloss Dr. Klöckler: «Die Vorstellung einer bloss vollziehenden, vollkommen apolitischen Verwaltung ist eine Illusion, die wie eine Seifenblase in unseren Köpfen zerplatzen sollte.»

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