/// Rubrik: Artikel

Was im Leben trägt

Frauenfeld – Was kann Kirche zur Dorf- und Quartierentwicklung beitragen? Wie kann die Lebensqualität im Alter erhalten und im unmittelbaren Umfeld gefördert werden? Mit diesen Fragen befassten sich Interessierte und für die Seniorenarbeit Verantwortliche an der Tagung «Was im Leben trägt». Die zentrale Erkenntnis: Nicht für sondern mit älteren Menschen.

Hauptberufliche, Freiwillige und Ehrenamtliche, die sich im Bereich Alter engagieren, befassten sich letzten Freitag in der Kartause Ittingen mit dem Aufbau von sozialen Netzwerken mit älteren Menschen in Dorf und Quartier. Tagungsteilnehmerin Silvia Schegg aus Gachnang war in der Spitex tätig, heute betreut sie in ihrer Kirchgemeinde das Ressort Senioren: «Um Doppelspurigkeit und Konkurrenz zu vermeiden, ist mir die Koordination von kirchlicher Sozialarbeit mit anderen Anbietern vor Ort sehr wichtig, auch um bestehende Lücken zu erkennen und füllen». Sie ist froh, um das Weiterbildungsangebot von Tecum, welches von Leiter Thomas Bachofner und Andrea Ott, Amt für Diakonie, geleitet wurde.
 
«Beziehungen leben ist ein Kerngeschäft von Kirche.», meinte Bachofner. Dazu gehöre auch, die Beteiligung an der Quartier- und Dorfentwicklung um die Lebensqualität vor Ort zu fördern. Was Lebensqualität ausmacht wurde den Teilnehmenden nach dem Bewerten der Gesamtschau aus ihren jeweils persönlichen Aspekten klar. Deutlich wurde auch, dass sich die Kriterien ändern mit dem Verschieben der Bedürfnisse im zunehmendem Alter und dass die Bedeutung des unmittelbaren Umfeldes dann wächst wenn der Lebenskreis schrumpft.
 
Expertenwissen liegt bei Betroffenen
Martin Müller vom Institut für Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen und Prozessbegleiter von Quartiergruppen führte in die Grundprinzipien der Dorf- und Quartierarbeit ein. Er ging auf Visionen sowie den Umgang mit Stolpersteinen ein. Erfolgversprechende Arbeit müsse sich stets an den Interessen der direktbetroffenen Menschen orientieren. Um ihre Unterstützung zu gewinnen, gälte es, sie bei ihren eigenen Interessen abzuholen, weil sie Experten in eigener Sache seien. Auch für die Seniorenarbeit sei dies Grundprinzip zwingend: «Mit den Senioren handeln, nicht für sie oder ohne sie. Das erfordert, sie bereits in die Planung mit einzubeziehen.», so Müller. Er sprach sich für die Abkehr von rein defizitorientierten Angeboten in der Seniorenarbeit aus: «Wenn die individuellen Stärken und Fähigkeiten der älteren Menschen zentrale Bedeutung bekommen, ihre Ressourcen genutzt werden, motiviert das zum Engagement».
 
In geleiteten Workshops befassten sich die Teilnehmenden mit der konkreten Umsetzung vor Ort und tauschten ihre Erfahrungen aus. Eine Knacknuss für viele Gemeinden ist es, der grossen Spanne von Möglichkeiten und Interessen der Generation im AHV-Alter gerecht zu werden. Unterschiedliche geistige und körperliche Konstitution sowie feste Beziehungen in einer Kerngruppe erschweren oft die Integration neuer Seniorinnen und Senioren. Für eine Teilnehmerin aus Frauenfeld ist es herausfordernd, den Zugang zu der Generation zu finden, die in eine säkulare Welt hineingewachsen ist und der Kirche schon früh den Rücken gekehrt hat. Die Hüttlinger Kirchgemeindepräsidentin und Kommissionsmitglied Diakonie, Brigitte Hascher, ortet Kirche mitten im Leben, sie betont, dass kirchliche Pionierarbeit in der Diakonie zum Aufbau des heutigen staatlichen Sozialwesens führte: «Dass Kirche zum Alltag gehört ist eine Tatsache, die wegen ihrer Selbstverständlichkeit oft nicht wahrgenommen wird».
 
Themen- oder altersbezogene Angebote?
Ursula Hotz, Präsidentin der Kirchgemeinde Sulgen, und Uschi Eugster, Ressort Seniorenarbeit, haben auf eher überraschende Weise erfahren, wie es gelingen kann Interesse und Eigenaktivitäten im späteren Lebensabschnitt zu wecken und zu entwickeln. Der jeweils themenbezogene Bistroabend wurde in der Absicht zur geselligen Begegnung und Diskussion für alle Altersgruppen geschaffen. Abhängig von Themenwahl und Interessengebiet wechselt das Publikum, hingegen zeigt sich, dass viele Seniorinnen und Senioren zu den Stammgästen gehören.
 
Das Amt für Diakonie der Evangelischen Landeskirche Thurgau berät und begleitet Kirchgemeinden beim Aufbau und der Vernetzung von Projekten mit älteren Menschen.
 

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.