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Bindersgarten bietet Betten gratis an

Tägerwilen – Die neue Pflegefinanzierung ist eine Baustelle. Besonders im Bereich Akut- und Übergangspflege wird das Angebot aufgrund zu hoher Kosten nicht genügend genutzt. Im Pflegezentrum Bindersgarten geht man nun in die Offensive und bietet Hotellerie und Betreuung bei der AÜP umsonst an. An den Kanton richtet Leiter Otto Egloff scharfe Kritik.

Otto Egloff ist verärgert. «Gemäss Auftrag und Verpflichtung müssen wir mindestens acht Betten für Akut- und Übergangspflege betreiben und frei halten. Doch die Patienten fehlen», berichtet der Leiter  des Pflegezentrums Bindersgarten. Auch von dort, von woher der Patientenstrom eigentlich fliessen sollte, kommt Kritik: Gemäss Kantonsspitälern werde das Angebot nur wegen der hohen Kosten abgelehnt, sagt Egloff. In der Praxis führe das zu regelmässigen Überweisungen in die  (für Patienten kostenlose) Seniorenrehabilitation. «Auch bei uns», schimpft Egloff. «Das kann es aber nicht sein.»

Seine leer stehenden Betten kosten ihn Geld – und letzten Endes den Kanton auch, sagt Egloff. «Wegen der demografischen Entwicklung wird die Nachfrage nach solchen Leistungen stark ansteigen. Das ist im Rahmen der teuren Rehabilitation weder finanzierbar noch nötig.» Die Spitäler setzten sich damit dem Risiko der fehlenden Mobilisation und Rehospitalisation bzw. zu frühen Bettlägerigkeit aus. Dabei sei der Nutzen der Mobilisation im Rahmen von AÜP eingehend untersucht und nachgewiesen. Vom Kanton müsse laut Egloff eigentlich ein Einführungszuschuss in Höhe von 40000 Franken kommen. Dieser werde verweigert. «Praktiker fragen sich, ob das Gesundheitsamt überhaupt ein Interesse an diesem Angebot hat», kritisiert er. 

Mit einem konkreten Vorschlag, wie das Schiff doch noch in den Hafen zu steuern sei, hat sich Egloff an den Regierungsrat gewandt. Mit einer angemessenen Anschubfinanzierung könne das Angebot AÜP zum Tragen kommen. «Die Finanzierung dieser Anschubhilfe erfolgt durch Einsparungen im Bereich der teuren Rehabilitation», erklärt er. «Per Saldo spart der Kanton sogar noch erheblich Steuergelder ein.»

Änderung dauere Jahre
Die Sache kann nicht ganz so schnell gelöst werden, schenkt man den Worten von Bernhard Koch, Chef des  Departements für Finanzen und Soziales, Glauben. «Den Vorschlag vom Bindersgarten haben wir nicht im Detail geprüft. Als Grundlage dienen uns die Spitalliste und auch die gesetzlichen Grundlagen, die per 1. Januar 2012 in Kraft getreten sind. Jede neue Finanzierung macht eine Spitallisten- und Gesetzesänderung notwendig.  Eine solche Änderung dauert ein bis zwei Jahre, je nach Referendum und Rechtsmittel.»

«Wir haben die Unterlagen von Herrn Egloff noch nicht sichten können», sagt Susanna Schuppisser, Chefin des Gesundheitsamts. Sie weist auf das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) hin. «Der Kanton Thurgau hat die AÜP mit den interessierten Leistungserbringern nach den Vorgaben des KVG umgesetzt.» Da die Pflegefinanzierung Kanton und Gemeinden stark belaste, sei eine über die Vorgaben des KVG hinausgehende Finanzierung (eine solche stellt Egloffs Vorschlag dar) nie diskutiert worden. Für eine Mitfinanzierung der Hotellerie und Betreuungskosten müsse eine KVG-Gesetzesänderung auf Bundesebene angestossen werden.

Informationsoffensive nötig
Die Gesundheitsamt-Chefin räumt ein, dass die AÜP bisher kaum genutzt werde. Die Qualität und der Mehrwert der spezialisierten AÜP gegenüber einem Ferienaufenthalt seien in der Bevölkerung noch nicht bekannt, gerade für   Personen, die nach Hause zurückkehren. Dazu gehörten Patientenedukation (Einüben der Aktivitäten des täglichen Lebens, Umgang mit Hilfsmitteln etc.) und komplexe Akutpflege. Sie schlägt deswegen eine Informationsoffensive vor: «Das kann noch breiter kommuniziert und in der Bevölkerung als sinnvolle Passage vom Spital nach Hause verankert werden.»
Patienten loben AÜP

Eher harzig läuft es mit der AÜP im Alterszentrum Kreuzlingen (AZK), berichtet Interims-Leiter Carl Ruch. Nur zehn Patienten haben das Angebot bisher genutzt – aber positiv beurteilt. Von diesen Erfahrungen müsste mehr berichtet werden, findet Ruch.  «Das Angebot selbst ist sehr gut und die AÜP-Patienten rühmen es auch. Man müsste dies via Spitalärzte gezielter kommunizieren.» Dass die Patienten aber Grundtaxe (bis zu 160 Franken für Hotellerie und Betreuung) selber zahlen müssen, stünde im Widerspruch zur Tatsache, dass Rehabilitationspatienten 90 Prozent von der Krankenkasse vergütet bekommen. «Der Entscheid eines Patienten, nach einem Spitalaufenthalt in ein Rehabilitationszentrum einzutreten, ist verständlich, wenn man die finanzielle Seite betrachtet», sagt Ruch. «Vonseiten der Aufenthaltsdauer gesehen steht die AÜP wieder eher im Vordergrund.»    

Akut- und Übergangspflege
Im Thurgau bieten der Bindersgarten (acht Betten) und das Alterszentrum Kreuzlingen (vier Betten) die Akut- und Übergangspflege (AÜP) an. Nach einem Spitalaufenthalt kann der Arzt AÜP anordnen, für höchstens 14 Tage. Die Nachbehandlung kann ambulant oder stationär erfolgen. Für Betreuung und Hotellerie müssen die Patienten allerdings selbst aufkommen – und genau diese finanzielle Hemmschwelle will der Bindergarten mit der neuen Aktion ausser Kraft setzen. Denn: «Die AÜP ist an sich ein tolles Angebot, mit hohem Nutzen. Das zukunftsträchtige Projekt darf nicht scheitern.»   

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