/// Rubrik: Kultur

«Verbünden kann nicht oft genug geübt werden»

Kreuzlingen – Muschg im Rosenegg: Zum literarischen Grossereignis kamen die Zuhörer zahlreich und erlebten einen sehr unterhaltsamen Abend.

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg im Rosenegg. (Bild: sb)

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg im Rosenegg. (Bild: sb)

Thema der «Literatur in den Häusern» sind in diesem Jahr die deutsch-schweizerischen Beziehungen. Im Stucksaal des Museums Rosenegg wurde am frühen Sonntagabend aber nicht nur über (Landes-) Grenzen, Sprachunterschiede und Befindlichkeiten geredet.

Zeit des grossen Pathos vorbei
Nach grossem Applaus ging es los. Auch ohne Mikrofon war die Stimme des erkälteten und stimmlich angeschlagenen Autors gut zu hören. An Vita und Werk Adolf Muschgs entlang führte Südkurier-Kulturredaktor Siegmund Kopitzki durch das Gespräch. Zur Sprache kam Muschgs «vorgeburtliche Prägung» auf Japan durch seine Schwester, seine akademische Laufbahn und das politisches Engagement in den 70er Jahren. Muschg erklärte, warum ihn Kriminalromane literarisch faszinieren und warum Erzählen heilenden Wirkung hat. Ein Drehbuch für einen «Tatort» werde er dennoch niemals schreiben, versicherte Muschg. Zum Engagement: «Von dem damaligen Selbstgefühl, gegen das ich angeschrieben habe, ist heute fast nichts mehr übrig geblieben.» Die Zeit des grossen Schweizerischen Pathos sei vorbei.

Seinen mitgebrachten Text, «Wie deutsch ist die Schweiz? – Von mangelhafter Zweiseitigkeit», verliess der Schriftsteller immer wieder, um weiter ausholen zu können. Schliesslich stoppte er das Lesen ganz und die beiden Germanisten vertieften ihren Chat – ganz im Sinne einer Unterhaltung, welche die Zuhörenden unterhält. Immer mehr Themen wurden gestreift, wie Religion, Wilhelm Tell, der Fluglärm-Streit oder der Charakter-Wandel des Mundart-Sprechs weg vom «Geruch nach braunem Sumpf» hin zur «Sprache der Avantgarde» und schliesslich zum SMS-Wortmaterial Schweizer Teenager, die keine Zeile Hochdeutsch mehr ins iPhone tippen. Mundart habe heute über das Marketing den Weg zur schicken, jungen Sprache gefunden, befand Muschg. Zur Europäischen Union bekannte er sich mit den Worten: «Verbünden kann gar nicht oft genug geübt werden.» Hier seien wir zur Solidarität verpflichtet.

Ein Fazit hinsichtlich der Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz konnte Siegmund Kopitzki am Schluss des Gesprächs nicht ziehen: «Das Thema bleibt offen.» Mit grossem Applaus endete die Veranstaltung.

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