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Von der Chemie des Haarefärbens

Haarefärben – Manche Menschen lieben ihre Naturhaarfarbe, andere nicht. Dank der grossen Auswahl an Kolorationen lässt sich heute fast jeder Farbwunsch erfüllen, ganz egal ob Platinblond, Schokobraun oder gar leuchtendes Pink. Eigentlich praktisch – wenn die Cremes nicht auch gesundheitliche Risiken enthalten würden.

Mit einer neuen Haarfarbe können wir spielend leicht unseren Typ verändern. Doch stecken auch allergene Stoffe in den Haarfärbemitteln. So besteht immer ein gesundheitliches Risiko. (Bild: archiv)

Mit einer neuen Haarfarbe können wir spielend leicht unseren Typ verändern. Doch stecken auch allergene Stoffe in den Haarfärbemitteln. So besteht immer ein gesundheitliches Risiko. (Bild: archiv)

Das Haupthaar hat für den Menschen eine besondere Bedeutung. Längst ist es nicht mehr nur nützlicher Wärmeregulator und Schutz vor schädlichen Einflüssen des Sonnenlichts. Mit unserer Frisur drücken wir unsere Persönlichkeit aus, sie schmückt uns. Um graue Strähnen zu kaschieren, der Experimentierfreude Ausdruck zu verleihen oder weil sie eine andere Haarfarbe einfach typgerechter finden, greifen heutzutage rund 40 Prozent aller Frauen zum Farbtopf – auch die Zahl der Männer ist steigend.

Die häufigste Methode, um seinem Haar eine andere Farbe zu geben, ist die Zweikomponenten-Färbung. Sie beruht auf aromatischen Farbstoffverbindungen, die in die Haarstruktur, das Keratin, eingebunden werden. «Dafür braucht es einen scharfen Chemiecocktail», weiss  Simon Wagner, Facharzt für Dermatologie und allergische Erkrankungen in Kreuzlingen. Um die gewünschte Haarfarbe zu erlangen, sind unter anderem auch chemische Farbnuancierer sowie Wasserstoffperoxid enthalten. Dem Facharzt ist es ein Anliegen, über das Risiko des Haarefärbens zu informieren, denn «es ist grösser, als es in der Allgemeinheit eingeschätzt wird.»

Erhebliche Allergie-Gefahr
Eine mögliche Nebenwirkung ist die Kontaktallergie auf einen der Inhaltsstoffe der Färbemittel. «Es kann zu Rötungen, Juckreiz und nässender Kopfhaut kommen», erklärt der Facharzt, «wobei die Wirkung auch erst nach Tagen auftreten kann.» In seltenen Fällen nimmt die allergische Reaktion weit drastischere Ausmasse an: das ganze Gesicht kann anschwellen, bis hin zur akuten Atemnot.

Gefährliche Farbstoffe
Ein problematischer Bestandteil ist zum Beispiel der Farbstoff Paraphenylendiamin, kurz PPD. Er kann nicht nur in Kolorationen vorkommen, sondern auch in gefärbten Textilien, Pelzen, Leder- und Gummiartikeln. Zahlreiche Menschen sind auf diesen Stoff allergisch und das Risiko erhöht sich, je öfter man mit den Chemikalien in Berührung kommt. «Das heisst natürlich nicht, dass jeder Mensch auf diesen oder einen der anderen Inhaltsstoffe reagiert, doch besteht die Möglichkeit, die Allergie über Jahre hinweg zu erwerben.» Grund dafür ist unser Immunsystem. Es kann sein, dass es körperfremde Stoffe irgendwann nicht mehr toleriert und verschiedene Abwehrmechanismen dagegen entwickelt.

«Ist man erst mal allergisiert, wird man es ein Leben lang sein», betont Hautfacharzt und Allergiespezialist Wagner. Wer sich trotzdem regelmässig die Haare färbt, muss von mal zu mal mit einer schlimmeren Reaktion rechnen. Der Facharzt spricht hier von «Boosterung». «Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn potentiell reagiert man auf die ganze Stoffgruppe allergisch und nicht auf einen einzelnen Faktor (Kreuzallergie).»

Krebsrisiko und toxische Wirkungen
Synthetische Farbstoffe (Azofarbstoffe), zu denen auch PPD zählt, werden schon seit über 100 Jahren benutzt. Einige von ihnen sind bereits verboten worden, da sich der Verdacht auf eine krebserregende Wirkung ergab. Gesicherte Erkenntnisse, dass dies auch bei den heute noch verwendeten Farbstoffen der Fall ist, gibt es jedoch nicht.

Darüber hinaus ist das Wasserstoffperoxid eine nicht unbedenkliche Komponente der Kolorationen. «Es ist ein sehr aggressiver Stoff», warnt Hautspezialist Wagner. «Bei unsachgemässer Anwendung kann es zu verätzter Kopfhaut und bleibenden Vernarbungen kommen. An diesen Stellen bleiben dann auch die Haare aus.»

Pflanzenfarben – die bessere Alternative?
Wer zu natürlichen Färbemitteln wie zum Beispiel Henna, Indigo oder Kamille greift, wählt nicht unbedingt das kleinere Übel. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, geht es nicht ohne Chemie. Wagner: «In Henna-Farben ist oft ebenfalls das allergene PPD enthalten. Zudem kann der Mensch auf planzliche Stoffe genauso allergisch reagieren, wie auf chemische.» Das menschliche Immunsystem kann nämlich nicht unterscheiden, ob ein Stoff aus der Natur oder dem Labor stammt. «Es entscheidet selbst, ob es eine Substanz als fremd einstuft oder nicht.»

Haarefärben in der Schwangerschaft?
Unbedingt das Haarefärben vermeiden sollte, wer bereits eine bekannte Allergie auf einen der Inhaltsstoffe hat. Oft fragen sich auch schwangere Frauen, ob sich das Färben auf das Kind auswirken kann. Der Allergiespezialist gibt teilweise Entwarnung: «Es gibt keinen Nachweis, dass die Chemikalien bei sachgemässer Anwendung dem ungeborenen Kind schaden. Wenn die Mutter allerdings allergisch reagiert und möglicherweise eine medikamentöse Behandlung braucht, ist das auch ein Risiko für das Kind.»

Auch Minderjährigen kann der Facharzt das Haarefärben nicht empfehlen: «Sie sollten es erst tun, wenn sie sich auf informierter Basis selbst entscheiden können. Reagieren aber Kinder und Jugendliche allergisch auf z. B. PPD, können sie sich sogar gewisse Berufswünsche, wie Friseur oder Kosmetikerin, Maler oder Lastwagenchauffeur nicht erfüllen. Hier bestünde ständige Allergiegefahr.»

«Kolorationen zählen zu den stärksten Chemikalien, die am Menschen angewendet werden», macht der Dermatologe deutlicht. Verschiedene Komponenten reagieren miteinander  auf dem Kopf zu neuen Stoffen – das kann auch bislang unbekannt Folgen haben. Ein Restrisiko besteht also immer, egal, ob chemische oder pflanzliche Färbemittel, ob eine ganz neue Haarfarbe oder einzelne Strähnchen. «Wichtig ist, dass man sich des möglichen Gesundheitsrisikos bewusst wird. Dann kann jeder für sich entscheiden, ob er es eingeht, oder nicht.»

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