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Anlaufstelle für Betroffene von Zwangsmassnahmen

Kantonales – Der Kanton Thurgau wird den Direktbetroffenen von ehemaligen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen eine Anlauf- und Informationsstelle bieten. Der Regierungsrat hat das kantonale Staatsarchiv mit dieser Aufgabe betraut.

Bis Anfang der 1980er Jahre existierte in der Schweiz die Praxis von sogenannten «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen». Dabei konnten Verwaltungsbehörden einschneidende Massnahmen wie administrative Versorgungen (Einweisungen in geschlossene Institutionen oder Strafanstalten), Schwangerschaftsabbrüche, Zwangskastrationen und Zwangssterilisierungen sowie Zwangsadoptionen und Fremdplatzierungen (Verding- oder Heimkinder) anordnen. Die Betroffenen verfügten in der Regel über keine Rechtsmittel, um sich gegen diese Massnahmen zu wehren. Betroffene waren Menschen, die den damaligen gesellschaftlichen und moralischen Wertvorstellungen nicht entsprachen.

Eine politische Diskussion um die Aufarbeitung des Themas und die Frage der Rehabilitierung der Direktbetroffenen ist zurzeit in verschiedenen Kantonen und auf Bundesebene im Gang. Am 19. Dezember 2012 hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga den ehemaligen Ständerat Hansruedi Stadler-Ineichen zum Delegierten für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ernannt. Am 11. April 2013 findet in Bern ein nationaler Gedenkanlass statt, an dem die Direktbetroffenen und ihre Erfahrungen im Zentrum stehen.

Gleichzeitig sind die Kantone aufgerufen, auf diesen Zeitpunkt hin eine kantonale Anlauf- und Informationsstelle für die Direktbetroffenen zu bezeichnen. Da die Aufarbeitung dieser Jahrzehnte zurückliegenden Zwangsmassnahmen ohne die Beibringung und das Studium der entsprechenden Akten nicht gelingen kann, hat der Regierungsrat das Staatsarchiv als kantonale Anlaufstelle bestimmt.

Das Staatsarchiv hat in den letzten zwanzig Jahren fast alle der relevanten Aktenbestände in seine Obhut übernommen und grossenteils schon geordnet und verzeichnet, darunter auch Archive von privaten Institutionen. Bis Ende 2013 zentralisiert es auch die Vormundschaftsakten aller 80 Gemeinden aus den letzten 50 Jahren. Zudem hat das Staatsarchiv eine breite Erfahrung bei der Behandlung von Akteneinsichtsgesuchen und bei der Begleitung der Gesuchstellerinnen und Gesuchsteller in einem oft schwierigen Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Das Staatsarchiv wird in Verbindung mit dem Delegierten des Bundes treten.

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