/// Rubrik: Topaktuell

Für Relevanz und Recherche

Konstanz – Im Rahmen des Hegau-Bodensee-Seminars referierte der ehemalige Chefredaktor der Thurgauer Zeitung und heutige Stadtammann Andreas Netzle über seinen «Seitenwechsel – Vom Subjekt zum Objekt journalistischer Bemühungen». Der Vortrag war ein Plädoyer für journalistische Qualitäten wie Recherche und Relevanz, Vertiefung und Differenzierung.

Stadtammann Andreas Netzle im Gespräch mit einem Schüler. (Bild: sb)

Stadtammann Andreas Netzle im Gespräch mit einem Schüler. (Bild: sb)

Politiker haben es schwer. Sie wollen Verantwortung übernehmen und das Zusammenleben der Menschen aktiv gestalten. Sie arbeiten hart und unterwerfen ihre Freizeit dem Wohl der Allgemeinheit. Was aber wird ihnen unterstellt? Dass sie vom Drang nach Macht und Selbstbereicherung geleitet sind. Und ihnen ständig auf den Fersen: Journalisten auf der Jagd nach der nächsten Skandalgeschichte.

«Politiker sind in der Regel besser als ihr Ruf», brachte es Stadtammann Andreas Netzle am vergangenen Dienstagabend auf einen Punkt. Im Zeichensaal des Konstanzer Humboldt-Gymnasiums brach er mit seinem Vortrag vor Schülern, Ehemaligen, Lehrern und vereinzelten Interessierten eine Lanze für den Qualitätsjournalismus alter Schule – und für (Lokal-)Politiker.

«Grösste Kritiker der Elche …»
Netzle kennt beide Seiten des Spannungsfeldes zwischen Politik und Journalismus: Nach 22 Jahren im Beruf des Journalisten wechselte er 2006 die Seiten und wurde zum Stadtammann von Kreuzlingen gewählt. Dadurch habe er viele Einsichten gewonnen, erklärte Netzle.

«… waren früher selber welche.»
Schon der Begriff «Bemühungen» im Titel verwies auf den kritische Unterton seiner Ausführungen. Traditionelle Qualitätskriterien wie Wahrheit, Objektivität und Relevanz würden heute im journalistischen Alltag oftmals auf der Strecke bleiben, bemängelte Netzle. Trends wie die Jagd nach dem Primeur oder die Boulevardisierung der Qualitätszeitungen verstärkten diese Entwicklung.

Negativtrend: Boulevardisierung
Es sei verständlich, dass Verlage Rendite erzielen wollen und müssen. Das fördere aber Skandalisierungen und führe dazu, das Nachrichten emotionalisiert und personalisiert werden, so Netzle weiter in seiner Medienkritik. Als «Objekt journalistischer Bemühungen» falle ihm auf, dass der «Dissenz gegenüber dem Konsens», die «Kritik gegenüber dem Lob» und das «Misstrauen gegenüber dem Vertrauen» von Journalisten heute stärker gewertet werden.

Doch was wünschen sich Politiker, was wünscht sich Andreas Netzle von den Medien? «Ich wünsche mir, dass die Verlage den Redaktionen die Zeit geben, den Dingen auf den Grund zu gehen, diese richtig zu verstehen und zu erklären», so Netzle. Statt Schwarz-Weiss-Malerei sollten «tiefere Zusammenhänge» gezeigt werden und auch mal das «Unspektakuläre» und «das, was funktioniert» dargestellt werden. Er wünsche sich Besonnenheit und Differenzierung statt «Vereinfachung, Zuspitzung und Emotionalisierung».

Heutzutage sei ein «Grundmisstrauen» auszumachen, welche das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» dazu veranlasste, den Begriff des «Wutbürgers» zu erfinden. Journalisten sollten dem Objekt ihrer Bemühungen aber nicht von Grund auf misstrauisch, sondern mit einer gesunden Skepsis gegenüberstehen.

Schüler stellten Fragen
Im Anschluss an den Vortrag des ehemaligen Chefredaktors entspann sich eine interessante Fragerunde. So wollte ein Schüler wissen, wie realistisch Netzles Wünsche an die Medienschaffenden seien angesichts der modernen Lesegewohnheiten der Menschen. Denn deren Umsetzung hätte umfangreichere (und damit gleichzeitig kompliziertere und unattraktivere) Texte zur Folge. «Was kam zuerst: Die kurzen Texte oder das Bedürfnis der Leser nach diesen?», fragte Netzle zurück, liess aber auch gelten, dass es durchaus eine Kunst für sich sei, Sachverhalte in so wenigen Zeilen korrekt darzustellen.

Wie kann die Politik Einfluss nehmen, um Sachverhalte wie gewünscht darzustellen, wollte eine Schülerin wissen. Netzle verwies auf die stadträtlichen Botschaften, welche in voller Länge im Netz einsehbar sind, es jedoch nur stark gekürzt in die Zeitungen schaffen. «Das Internet bietet den Vorteil, dass die Quellen dort vollständig einsehbar sind.» Die Entwicklungen aufzuhalten, die er zuvor beschrieben habe, sei jedoch schwer.

Stimme es denn nicht, dass gewisse Akteure mit ihrem Verhalten die Sensationsgier des Publikums anheizten, wollte ein Anwesender wissen. Dies sei eine Charakterfrage, entgegnete Netzle. So würden ja auch viele Prominente ihr Privatleben streng vor der Öffentlichkeit versteckt halten.

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