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Kaum gute Beziehungen über die Grenze

Kreuzlingen – Durch Einwanderung wächst die Bevölkerung in der Schweiz rasant. Auch Kreuzlingen ist ein beliebtes Ziel, insbesondere von Deutschen. Diese liessen die Einwohnerzahl innerhalb der vergangenen Jahre auf mehr als 20000 hochschnellen. In der mittlerweile teils intensiven und gar hitzigen öffentlichen Debatte, die nicht ganz frei von Polemik und Vorurteilen ist, werden Fachkräftegewinn, wachsende Steuereinnahmen und Wirtschaftswachstum einerseits sowie Wohnungsnot, Angst vor Überfremdung und zunehmender Konkurrenzdruck andererseits kontrovers diskutiert. Das Bodensee Wirtschaftsforum in Kreuzlingen wollte mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zur Versachlichung der Diskussion beitragen.

Dr. Katrin Schmelz, Dr. Miryam Eser Davolio und Prof. Dr. Thomas Hinz (v.l.) beim Thurgauer Wirtschaftsforum. (Bild: Thomas Martens)

Dr. Katrin Schmelz, Dr. Miryam Eser Davolio und Prof. Dr. Thomas Hinz (v.l.) beim Thurgauer Wirtschaftsforum. (Bild: Thomas Martens)

Rund 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren am Donnerstag im Zentrum zum Bären erschienen und erlebten eine Veranstaltung, die auf Grund ihrer Kürze die meisten Probleme nur oberflächlich streifte. Viele Fragen blieben deshalb auch unbeantwortet. Miryam Eser Davolio von der Fachhochschule Nordostschweiz stellte die Ergebnisse ihrer Untersuchung von Schweizern und Deutschen im Arbeitsalltag aus dem Jahr 2008 vor. «Schweizer lassen sich ungern von Deutschen managen», war eines ihrer zentralen Erkenntnisse.

Viele Probleme oder Schwierigkeiten seien Folge eines unterschiedlichen Kommunikationsverständnisses, weshalb Deutsche als neue Arbeitskräfte in Schweizer Firmen oftmals kein Fettnäpfchen ausliessen. Deutschen schlage am Arbeitsplatz kaum, aber im öffentlichen Raum der Schweiz des Öfteren auch blanker Hass entgegen, der durchaus als Rassismus zu bezeichnen sei: «Das wird als sehr verletzend empfunden.» Die Forscherin schränkt aber ein, dass regionale Unterschiede wahrscheinlich seien, von ihr aber nicht untersucht worden waren.

Prägende Erfahrungen
Bei der zunehmenden Rückkehrwilligkeit würden solche negativen Erfahrungen natürlich prägen. «Viele wollen ihren Kindern in den Schulen solche Erfahrungen ersparen und schicken sie nach Deutschland, vor allem im Grenzgebiet», hat Eser Davolio herausgefunden. Empfehlungen für ein künftiges besseres oder einfacheres Miteinander sprach die Wissenschaftlerin hingegen keine aus.

Das Zusammenleben in Konstanz und Kreuzlingen rückte Prof. Thomas Hinz von der Universität Konstanz in den Mittelpunkt. Basierend auf einer Studie aus dem Jahr 2011 kommt der Soziologe zum Ergebnis: «Die Grenze hat eine stark strukturelle Wirkung.» Er begründet diese Aussage mit Befunden, die er durch die allerdings «nicht repräsentative» Befragung von 900 Personen in beiden Städten gewonnen hat. Zwar besuchen einige Deutsche (17 Prozent) und noch mehr Schweizer (32 Prozent) mehrmals pro Monat die jeweils andere Stadt, dennoch gebe es relativ wenig Beziehungen und gute Kontakte über die Grenze hinweg.

Paradies für Deutsche
80 Prozent der Deutschen, die in Kreuzlingen wohnen, fahren regelmässig nach Konstanz, «wohl, um die dortige Infrastruktur zu nutzen», mutmasst Hinz. Für die Einwohner beider Städte gelte ihm zufolge gleichermassen: «Man wohnt hier, arbeitet aber woanders.» Die Lebenszufriedenheit sei in Kreuzlingen und Konstanz hoch, vor allem aber für Deutsche in Kreuzlingen: «Die sind im Paradies angekommen», scherzt Hinz.

Um das Entscheidungsverhalten in ganz bestimmten Situationen geht es zurzeit bei Katrin Schmelz vom Thurgauer Wirtschaftsinstitut. Mit Hilfe einer neuartigen und komplexen Internetstudie zum Thema «Kleine oder grosse Geste» möchte sie herausfinden, wer besser mit Kontrolle umgehen kann oder sich vielleicht sogar lieber von Chefs kontrollieren lässt – Schweizer oder deutsche Arbeitnehmer. Denn die Aussage, «Schweizer wollen keine deutschen Chefs», sei bisher lediglich eine pauschale Annahme, keine wissenschaftlich abgesicherte Tatsache.

Mit Geste ist gemeint, wer bereit ist, in einer Kontrollsituation mehr zu geben, als vielleicht von ihm verlangt wird. Klingt zunächst überaus theoretisch, mit einem konkreten Beispiel wird’s aber klar. Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter direktiv führen, wirken auf manche leistungsfördernd, bei anderen aber eher negativ. Eine dritte Gruppe verhält sich wiederum neutral.

Erstaunliche Tendenz
Den Fokus legt Schmelz zunächst auf das Grenzgebiet Kreuzlingen/Konstanz und befragt hier in den nächsten Wochen und Monaten online 800 Bürger beider Städte. Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist und es beim Versand der Anmeldeunterlagen zu Verzögerungen kam, hatten bis vergangene Woche erst rund 300 Personen daran teilgenommen. «Alle, die sich angemeldet haben, können noch mitmachen. Konkrete Aussagen sind deshalb aber verfrüht», sagt die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin.

Eine erste Tendenz sei aber bereits abzulesen und die ist dann doch erstaunlich: «Die Befragten reagieren mehrheitlich neutral auf Kontrolle, es gibt keine Unterschiede in Konstanz und Kreuzlingen.» Möglich, dass die Ergebnisse in anderen Schweizer Städten, etwa in der Innerschweiz, völlig anders liegen, aber das wäre dann Gegenstand einer neuen Untersuchung.

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