/// Rubrik: Topaktuell

Wie nett sind Teens im Internet?

Kreuzlingen – Cybermobbing, das Medienhandeln der Thurgauer Jugendlichen und Konsequenzen und Ansatzpunkte für den Unterricht waren die Themen, die am vergangenen Mittwoch an einer Fachtagung sowie am Fördervereinsanlass an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG) im Zentrum standen.

Prof. Dr. Sonja Perren, Walter Hugentobler, Präsident Förderverein, und Fabio Sticca (v.l.) beantworten Fragen des Publikums. (Bild: zvg)

Prof. Dr. Sonja Perren, Walter Hugentobler, Präsident Förderverein, und Fabio Sticca (v.l.) beantworten Fragen des Publikums. (Bild: zvg)

Prof. Dr. Sonja Perren, Brückenprofessorin der PHTG und der Universität Konstanz, und ihr Mitarbeiter Fabio Sticca stellten eine Studie der PHTG und den Universitäten Konstanz, Zürich und Bern zum Thema Cybermobbing vor, an der sie massgeblich mitgearbeitet haben. Rund 950 Jugendliche wurden von den Psychologinnen und Psychologen zu ihren Erfahrungen mit Cybermobbing befragt.

Fabio Sticca erklärte den Anwesenden wie die Forschenden die Daten erhoben haben. Die Studie, an der auch Schülerinnen und Schüler aus dem Thurgau involviert waren, zeigt, dass traditionelles Mobbing weit häufiger als Cybermobbing vorkommt. «Beim Cybermobbing handelt es sich meist um gemeine Textnachrichten und Bilder, die an Kollegen verschickt werden. Dass diese Inhalte auch über Facebook oder andere Kanäle öffentlich verbreitet werden, ist sehr selten», erläutert Sticca. Bezüglich der wahrgenommenen Konsequenzen für die Mobbingopfer spiele das Medium (cyber vs. traditionell) in den Augen der Jugendlichen eine untergeordnete Rolle. Für sie sei es bedeutsamer, ob das Mobbing privat oder öffentlich und ob es mit identifizierbarem Absender oder anonym erfolgt. Am schlimmsten wurden öffentliche und anonyme Angriffe bewertet, unabhängig vom Medium.

Keine reinen Cybermobber
Die Studie zeigt auf, dass es fast keine reinen Cybermobber gibt. Sticca führt weiter aus: «Wer im Cyberspace andere Personen mobbt, tut dies meist auch in der realen Welt. Für Mobber sind moralische Werte wie «ehrlich, fair, echt und loyal sein» weniger wichtig als für andere Jugendliche.» Die traditionelle Mobbingprävention wirke auch gegen Cybermobbing. Dazu gehöre unter anderem auch die Förderung der sozialen und moralischen Kompetenzen der Jugendlichen, welche so früh wie möglich beginnen muss.

Prävention in der Schule
Konkrete Ansatzpunkte für Schulen und Lehrpersonen nannte Prof. Dr. Thomas Merz, Fachbeauftragter Medienbildung der PHTG, in seinem Referat. Auch wenn Cybermobbing seltener vorkomme als in der Öffentlichkeit oft vermutet, so sei es zentral, dass Schulen sich mit der Thematik auseinandersetzten und vorbereitet seien. Denn wenn ein Fall eintrete, sei rasches Handeln entscheidend. Vor allem gehöre aber auch die Prävention zu den schulischen Aufgaben. Eine Prävention, die Cybermobbing nicht isoliert betrachtet, sondern in die Gesundheitsförderung des ganzen Schulhauses einbettet.

Überlegungen zu Schulklima und Klassenführung bis hin zur Förderung sozialer Kompetenzen oder Auseinandersetzungen mit ethischen Fragen seien wichtige Elemente, um Mobbing vorzubeugen. Wichtig sei zudem eine umfassende Medienbildung der Jugendlichen. Diese schärfe ihr Bewusstsein für die Wirkung des eigenen Verhaltens in Online-Umgebungen: Welche Folgen kann ein Beitrag für mich und andere haben, wenn ich ihn im Internet verbreite? Wie kann ich mich verhalten, um eine Eskalation bei Auseinandersetzungen zu vermeiden? Wie muss ich mich verhalten, wenn ich Mobbing oder Belästigung im Internet entdecke oder sogar selbst betroffen bin?

Das Medienhandeln der Thurgauer Jugendlichen
Womit beschäftigen sich Jugendliche im Internet? Mit welchen Motiven begegnen sie sich in virtuellen sozialen Räumen und was machen sie dort? Was erleben sie dabei und worin liegt die Faszination? Matthias Fuchs, Stellvertretender Prorektor Lehre der PHTG, befragte hierzu gegen 500 Thurgauer Jugendliche der 2. Sekundarstufe und präsentierte an der Fachtagung erste Ergebnisse seiner Untersuchung. Die Lieblingsmedien der Thurgauer Jugendlichen seien an erster Stelle das Handy, gefolgt vom Fernseher und dem Computer. Die Schülerinnen und Schüler nutzen diese Geräte vor allem zur Unterhaltung und Kommunikation.

Die Meinung, dass die heutigen Jugendlichen «digital natives – digitale Eingeborene» sind und sich deshalb mühelos in der digitalen Welt bewegen, könne man so pauschal nicht behaupten. Computer und Handy werden einseitig zur Unterhaltung und zur Kommunikation verwendet. Andere Kompetenzen wie das Gestalten, Präsentieren und Recherchieren mit dem Computer sind hingegen wenig ausgeprägt. Fuchs plädiert deshalb für mehr Medienbildung in den Schulen.

Schülerinnen und Schüler, die täglich deutlich mehr als zwei Stunden Zeit am Computer und im Internet verbringen, gibt es auch in den Thurgauer Schulen. Circa jeder zehnte Jugendliche zeigt heikle Symptome im Umgang mit Medien. Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler im Kanton Thurgau beschäftigt sich in ihrer Freizeit jedoch häufiger mit Hausaufgaben, Hausarbeiten und anderen Freizeitaktivitäten wie Sport. Auch Matthias Fuchs‘ bisheriges Fazit seiner Untersuchung belegt, dass Cybermobbing ein überschätztes Phänomen ist: «Nicht alle Teens sind nett zueinander, doch dies war auch ohne Computer und Handy so.»

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