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Da will keiner lange bleiben

Kreuzlingen – Das regionale Untersuchungsgefängnis in Kreuzlingen steht im Ruf, nicht besonders sicher zu sein. Zuletzt gelang einem 30-jährigen mutmasslichen Räuber die Flucht durchs Fenster. Ein Besuch bringt Licht ins Dunkel des Straf- und Massnahmenvollzugs.

Durch ein ähnliches Zellenfenster gelang einem Häftling die Flucht. (Bild: tm)

Durch ein ähnliches Zellenfenster gelang einem Häftling die Flucht. (Bild: tm)

Es ist ein ziemlich mulmiges Gefühl, wenn man den Keller der Häuser Haupstrasse 3 und 5 (Bezirksgebäude) in Kreuzlingen betritt. Auch wer kein schlechtes Gewissen hat, kann beim Anblick halbdunkler Gänge und schwerer, mehrfach gesicherter Stahltüren zitternde Knie bekommen. Hier befindet sich eines von drei regionalen Untersuchungsgefängnissen, aus dem im Jahr 2007 drei Rumänen und zuletzt in der Nacht auf den 4. Juli ein Mazedonier flüchten konnten (wir berichteten).
Gegen 6.45 Uhr wurde festgestellt, dass sich der mutmassliche Räuber nicht mehr in seiner Zelle befand. Die Flucht – oder «Entweichung», wie es die Staatsanwaltschaft Kreuzlingen in ihrer Mitteilung verniedlichend ausdrückte – gelang dem 30-Jährigen, nachdem er die etwa zwei Zentimeter dicken Gitterstäbe beim Fenster durchgesägt hatte. «Das ist für uns natürlich ärgerlich, mit dem Straf- und Massregelvollzug haben wir aber nichts zu tun», kommentiert dazu Generalstaatsanwalt Hans-Ruedi Graf.

Wie konnte es dazu kommen? Man stelle sich vor, der Mann wäre ein noch härteres Kaliber und dadurch eine Gefahr für die Nachbarschaft gewesen. Die Verantwortlichen um Ernst Scheiben, der beim Kanton Thurgau für den Straf- und Massregelvollzug und vier Gefängnisse zuständig ist, können es sich nicht erklären.

Hilfe von aussen
«Er muss wohl Hilfe von aussen gehabt haben», vermutet Scheiben. Mit irgendeinem technischen Hilfsmittel, das ihm von Besuch oder vielleicht auch durchs Fenster gereicht worden sein könnte – «die klassische Feile in der Torte wird’s wohl kaum gewesen sein». Trotz des Vorfalls hat Scheiben, der den Job bereits seit 22 Jahren macht, seinen Humor nicht verloren.

Ein Blick in die Zelle verrät, wie «gesichert» sie ist. Während die schwere Stahltür mit mehreren Schlössern mittlerweile unüberwindbar ist – die drei Rumänen waren vor sechs Jahren durch die Essensluke verschwunden – sind die Fenster die grosse Schwachstelle. Erste Hürde von innen ist das Glasfenster. «Je nach Bewilligung kann dieses vom Häftling sogar ganz normal geöffnet werden», erklärt Scheiben. Selbst wenn kein Griff vorhanden wäre, ist es mit einem Vierkantschlüssel oder ähnlichen Werkzeug rasch und einfach auf. Nächste und grösste Herausforderung sind die Gitterstäbe, zum Teil fest verankert und einbetoniert im harten Mauerwerk. Diese sind nur mittels Metallsäge oder härterem Werkzeug zu durchtrennen. Zuletzt steht der Ausbrecher vor einem dünnen Gitternetz oder einer Glasscheibe, die mit verhältnismässig leichtem körperlichen Aufwand kein Hindernis mehr darstellen.

Aus Schaden wird man klug und so haben die Verantwortlichen nach dem Ausbruch 2007 mit Sicherheitsmassnahmen reagiert. Die Durchreiche in der Tür ist nun ebenfalls mit einem Schloss versehen und es wurden im Gang neue Türen installiert, die gemäss Ernst Scheiben immer geschlossen seien. Im Aussenbereich gebe es lediglich «Schockbeleuchtung», also Lampen mit Bewegungsmelder, aber keine Kameras.

Im Zuge der neuerlichen Flucht werde nun überlegt, wie das Gefängnis noch sicherer gemacht werden kann. Denn, obwohl Scheiben ganz offen Rede und Antwort steht und bereitwillig die Zellentür öffnen lässt, wenn auch nicht die der jüngsten Flucht, ist ihm der Vorfall sichtlich unangenehm. Über das Ausbrecher-Trio von 2007 möchte er am liebsten gar kein Wort mehr verlieren.

Flucht nicht strafbar
Wann immer Menschen eingesperrt sind, wird es sie in die Freiheit drängen. «Die Flucht an sich ist nicht strafbar», stellt Hans-Ruedi Graf fest. Kreativ und wenn’s sein muss zu allem bereit könnten Häftlinge und ihre Helfer sein. Und so wird es eine maximale Sicherheit nicht geben, auch nicht im Kreuzlinger Untersuchungsgefängnis. Das Risiko liesse sich aber minimieren. Nicht zuletzt deshalb laufen in anderen Haftanstalten Wärter öfter Patrouille und ist Videoüberwachung installiert. «Für uns kein Thema», winkt Scheiben ab. Dies wäre in Kreuzlingen nicht zu überwachen und eine «trügerische Sicherheit».

Das Gefängnis
Das regionale Untersuchungsgefängnis Kreuzlingen wurde 1910 erbaut und verfügt über elf Plätze in neun Zellen. Hier sind ausschliesslich Untersuchungshäftlinge untergebracht, im Schnitt rund drei Tage. Die Fluktuation ist hoch, jährlich gibt es etwa 1300 bis 1600 Übernachtungen. Die Zellen sind absichtlich spartanisch eingerichet und mit dem allernötigsten ausgestattet: fest verankerte Sitzgelegenheit und Bett, Waschbecken und WC. Zum Duschen werden die Insassen vom Wärter abgeholt. Täglich gibt’s für eine Stunde Ausgang im gesicherten Spazierhof.

Es gibt drei Mahlzeiten am Tag, die vom «Abendfrieden» geliefert werden. Auf Nahrungsmittelallergien und  -unverträglichkeiten wird Rücksicht genommen. Raucher bekommen zu den Mahlzeiten jeweils drei Zigaretten und Streichhölzer. Ihre Ausweispapiere müssen die Insassen abgeben. Nur fünf bis sechs Prozent der Häftlinge sind Frauen. «Kriminalität ist männlich», stellt Ernst Scheiben dazu fest.

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