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Von der Bruchbude zum Bijou

Kreuzlingen – Die Kreuzlinger Filmerin Monica Schär dokumentiert in ihrem dritten Film die Verwandlung eines der ältesten Kreuzlinger Häuser vom Abbruch- zum Traumobjekt. Nach aufwändiger Restauration erstrahlt dieses heute als Zeitzeuge vergangener Jahrhunderte.

Monika Schär und Christian Winterhalter auf dem Estrich. (Bild: zvg)

Hier wurde fleissig renoviert: Monika Schär und Christian Winterhalter auf dem Estrich. (Bild: zvg)

Für viele Passanten war das 1522 gebaute Haus an der Schmittenstrasse 3 wahrscheinlich nur mehr ein Schandfleck. Jahrelang stand es leer, der letzte Bewohner war ein Fuchs. Durch ein Loch in der Wand muss das Tier in einen Wohnraum gelangt sein und hatte sich dort seinen Bau erstellt, während unter dem Dach schon Bäume ihre Zweige ins Innere streckten und fast 500 Jahre alte Balken oben und unten vor sich hin faulten. «Man hätte es vielleicht für eine Feuerwehrübung nutzen können, so dachte ich damals», sagt die Filmemacherin Monica Schär. «Es war in einem grauenhaften Zustand, ein furchtbarer Schopf.»

Wer heute daran vorbeiläuft, kann sich indes schwer vorstellen, in welch erbärmlicher Verfassung sich das Traumhaus im Schindelkleid vor der Renovation befand. Mit ihrem Film «wachgeküsst …» zeichnet Schär die Geschichte des Gebäudes nach und dokumentiert dessen Metamorphose von der Bruchbude zum Bijou. So zeigt sie Bilder aus alten Zeiten und von der Baustelle, lässt Fachleute wie eine Kunsthistorikerin, den ehemaligen kantonalen Denkmalpfleger oder den verantwortlichen Zimmermann zu Wort kommen.

Sie veranschaulichen die bewegte Geschichte des Hauses, welche sich auch in der Bausubstanz spiegelt. Das bäuerliche Fachwerkhaus mit spätmittelalterlichem Kern hatte vom Bauern über Handwerker bis hin zu Herrschaften viele verschiedene Bewohner. Uneinheitlich treffen hier viele Bauweisen aufeinander.

Das Haus vor der Renovation ... (Bild: zvg)

Das Haus vor der Renovation … (Bild: zvg)

In der Instandsetzung steckt viel Herzblut. Der Film zeigt dies, beweist, was alles überhaupt technisch möglich ist und welch meisterliche Handwerkskunst hinter der Renovation steckt. So konnte das abgesackte Haus um 25 Zentimeter angehoben werden, es bekam einen Betonuntergrund, die Zimmerhöhen wurden korrigiert. Die Rettung dauerte über zwei Jahre.

Ein mutiger Kauf
Ihr vorangegangen war «ein mutiger Kauf», so Schär. Denn lange Zeit wollte keiner die Liegenschaft haben. Christian Winterhalter, selbst Architekt und ehemaliger Kreuzlinger Bauverwalter, erkannte den baulichen Wert des Hauses jedoch und erwarb es 2006. Mit Spezialisten und in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege restaurierte er den historischen Wohnteil nach denkmalpflegerischen Kriterien. Zusätzlich bekam dieser einen Anbau, welcher genau so gross und hoch wie die alte Scheune ist – ein Mammutprojekt. An einer Stelle im Film sagt Denkmalpfleger Urs Frankenhauser, dass es einen Moment gab, an dem selbst er am umfangreichen Vorhaben zweifelte. Letztendlich glückte die Renovation.

Und wie: So viel Altes blieb erhalten. Die prächtige gotische Balkendecke, der Dachstuhl aus dem 16. Jahrhundert, lehmverputztes Fachwerk, eine Papiertapete aus dem 19. Jahrhundert, schöne Täfer oder die geschwärzten Balken der Küferwerkstatt. Auf dem Dach liegen noch Originalziegel von Haus und Schopf. «Ich habe das auch gemacht, weil ich mir der Verantwortung für die gebaute Geschichte Kreuzlingens bewusst bin», begründet Christian Winterhalter seine Motivation.

... und das Haus heute. (Bild: zvg)

… und das Haus heute. (Bild: zvg)

Eigentümer wollten abbrechen
Der Film dokumentiert ausserdem den bürokratischen Hickhack um das Haus. Zum «Krimi», wie Schär sagt, wurde die Geschichte des Hauses, als um dessen Abbruch oder Erhalt gezankt wurde. 1993 hatte es das Amt für Denkmalpflege als wertvoll eingestuft, 1999 wollten es die Eigentümer, eine Erbengemeinschaft, abreissen lassen, vier Monate später stellte es die Stadt Kreuzlingen unter Schutz. Später kam es auf eine «rote Liste», um einen Käufer zu finden – denn die Liegenschaft rottete unaufhaltsam vor sich hin. Für Winterhalter wurde dann extra die Gestaltungsplanpflicht aufgehoben, damit die Arbeiten so schnell wie möglich beginnen konnten.

Aber auch ehemalige Nachbarn erzählen im Film. Sie kannten die Familie Müller noch persönlich, drei Geschwister, welche als letzte Eigentümer in der Liegenschaft lebten. Schär interviewte auch die Tochter der ehemaligen Pächterfamilie des Schlosses Bernegg. Ihr Vater war der Vormund von Rudolf Müller, welchem er 1959 Land und Haus abkaufte. Später hatten seine Erben keine finanziellen Mittel, um das Haus instand zu halten. Die Tochter erzählt im Film, wie Rudolf Müller täglich den Weg auf Bernegg ging, um zu arbeiten und zu essen.

Monica Schär arbeitete ein Jahr an ihrem dritten Film. Sie war erst richtig davon überzeugt, diesen zu machen, als die Protagonisten begannen, mit ihr zu reden. Die Filmerin fängt Feuer beim Sammeln der vielen Geschichten, sie fügt Stück um Stück zusammen. «Die Geschichten sind es, welche mich faszinieren. Alle konnte ich zwar nicht bringen, das hätte den Rahmen gesprengt», erklärt sie. Der Film sollte die 45-Minuten-Grenze schliesslich nicht überschreiten. Mit ihrem Film konservierte Schär auf diese Weise ein Stück Kreuzlinger Geschichte, ebenso wie im Haus Baugeschichte erhalten blieb.

Der Film von Monika Schär wird in zwei Vorstellungen Interessierten gezeigt, am Sonntag, 29. September, 11 Uhr, und am Mittwoch, 2. Oktober, 19 Uhr, im Museum Rosenegg.

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