/// Rubrik: Region

Grenzüberschreitend und kritisch

Konstanz – Hier hat die Schreibe noch Pfeffer und auch heisse Eisen werden angepackt: Holger Reile und Hans-Peter Koch halten auf ihrem grenzüberschreitenden Blog «SeeMoZ» dem Ideal des kritischen Journalismus die Stange. Dabei schreiben sie stets informativ und unterhaltsam – auch über Kreuzlinger Themen.

Ursprünglich sollte der Blog eine gedruckte Monatszeitung vom See werden. (Bild: zvg)

Ursprünglich sollte der Blog eine gedruckte Monatszeitung vom See werden. (Bild: zvg)

«Kritisch – widerborstig – informativ» zu sein, das schreiben sich die Macher des Konstanzer Blogs SeeMoZ auf ihre virtuellen Fahnen. Wer seine Informationssuche über das Geschehen in der Region mit einem erfrischenden Seitenblick vervollständigen will, der kommt an den Artikeln, die Holger Reile und Hans-Peter Koch dort veröffentlichen, nicht vorbei. «Lesenswertes aus Kultur und Politik für den Bodenseeraum und das befreundete Ausland» beinhaltet auch regelmässig Kreuzlinger Themen, neben dem Theater an der Grenze auch Boulevard oder Xentrum. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit gefällig? Was Stadt und Bodensee-Arena sich mit dem unsäglichen Freiwild-Konzert für ein Ei ins Nest gelegt hatten, deckten die «Seemotzer» als Erste auf. Klar darf man sich fragen, ob über solch eine Band nicht besser der Mantel des Schweigens gelegt werden sollte, spielt doch jede Berichterstattung, auch kritische, nur den kalkulierenden «Musikern» und ihren Geldbeuteln in die Hände. Unnötige Publicity. Trotzdem sei jedem, der kritisch und unterhaltsam informiert werden möchte, der Nachbericht zum Konzert wärmstens empfohlen.

Man kann dem Blog nämlich vorwerfen, was man will, zum Beispiel dass oft genörgelt wird ob des Nörgelns Willen. Aber nicht, dass dies nicht unterhaltsam sei. In welcher Publikation darf denn sonst schon vom Sealife als dem «Fischeknast» oder von den Veranstaltern staubiger Kulturevents und ihren wenigen Besuchern als dem Mottenkistenbürgertum die Rede sein? Oder im Freiwild-Nachbericht: Braune Pfützen, die immer grösser werden. Herrlich.

Morddrohungen an die Redaktoren
Besonders lobenswert ist, dass sie mit ihrer Veröffentlichungspolitik auch dahin gehen, wo’s wehtut. Jüngstes Beispiel sind die Enthüllungen über Armin Schrott, den stellvertretenden Kreisvorsitzenden der NPD Bodensee-Konstanz. Er arbeitet bei der Deutschen Post. Einem Unternehmen, das eigentlich keine rechtsradikalen Aktivitäten in seinen Betrieben dulden will. Seit dem Erscheinen des Artikels über den gefährlichen braunen Biedermann wird die SeeMoZ-Redaktion mit Morddrohungen bombardiert. Dass die Redaktoren dies nicht auf die leichte Schulter nehmen, ist klar. Sie schalteten die Polizei ein. Zeitgleich kamen Solidaritätsbekundungen von anderen Schreibstuben aus der Region, hiermit auch von der Redaktion der KreuzlingerZeitung. Die Einschüchterungsversuche und Drohungen aus dem Neonazi-Millieu sind aufs Schärfste zu verurteilen.

S(üdkurier)kandal
Auf eine solche Erklärung vom Südkurier wird hingegen noch gewartet. Diesen Mittwoch fand das Blatt aber in anderer Weise Erwähnung auf dem Konstanzer Blog: Wegen seinem Wandel von der unabhängigen Tageszeitung zum Anzeigenblatt. Der Allensbacher Autor Wolfgang J. Koschnick hatte zu seinem neuen Buch «Der grosse Betrug. Die hartnäckigsten Lügen und Irrtümer über die Werbung» einem Südkurier-Redaktor ein Interview gegeben. Doch dieses durfte nie erscheinen, so die Order von oben. Darüber war Koschnick selbstredend wenig erfreut. In der von SeeMoZ veröffentlichten Mail an ihn gibt sein Interviewer den Grund für die Selbstzensur ganz unverhohlen preis: Angst vor Werbekunden. «In unserem Medienhaus würde das Interview auf wenig Verständnis stossen, da wir zu einem guten Teil vom Verteilen und Abdrucken von Werbung leben», so der Originalwortlaut. Unklar ist, ob die Mail denn auch von oben abgesegnet war oder ob da, ups, Interna weitergegeben wurden.

Unklar ist ebenfalls, wie es weitergeht. Der Vorfall zog bisher keine Kreise, zumindest nicht öffentlich. Ein Shitstorm ebenso wie die seriöse Behandlung des Vorfalls blieben aus. Sollte sich das nicht ändern, bedeutet es vor allem eines: Dass die Enthüllungen niemanden überrascht haben.

Die «Seemotzer» finanzieren sich übrigens aus Inseraten und Spenden. Wem kritische Artikel etwas wert sind, der findet hier Möglichkeiten zur Unterstützung. Frei nach George Orwell besteht Journalismus darin, das zu drucken, was irgendein anderer nicht gedruckt haben will. Alles andere sei PR. Und das ist keine Unterscheidung in richtig oder falsch. Das Etikett sollte allerdings stimmen. Beim  grenzüberschreitenden kritischen Blog SeeMoZ tut es das.

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2 thoughts on “Grenzüberschreitend und kritisch

  1. Bruno Neidhart

    Holger Reile, ein urechter Genosse der äussersten Linken (eine solche Sammlung existiert in CH in dieser Extremform heute noch höchstens am Genfersee), mag in seinem Blog „kritische Ergüsse“ abliefern, doch agiert er halt so ziemlich gegen alles, was sich da in Konstanz und Umgebung abspielt, sei es ein neues Konzerthaus, eine Universitätserweiterung, ein Konzilsjubiläum 2014-18, usw. Die Liste wäre endlos. Kann man machen. Nur trägt eben solch „Widerborstiges“ nicht weit, wenn es erkennbar arg politisch- ideologisch durchsetzt ist. Und „unterhaltsam“, wie Stefan Böker schreibt, reicht eben auf Dauer auch nicht, verduftet entsprechend wie „TV-Talk“ oder „Arena“.

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  2. schiesser

    @Bruno Neidhart
    Na, so „verduftet“ scheint da manche Kritik der Linken bzw. Reiles doch nicht zu sein, wenn man schaut, was da aus mancher „Blüte“ zum Konzilsjubiläum geworden ist… Schnell verwelkt, kann man da nur sagen. Und auch beim Konzerthaus scheint Reile nun doch näher am Puls der Konstanzer gewesen zu sein, als manchem Befürworter lieb gewesen sein kann. Da scheint doch manches „weiter zu tragen“ als Bruno Neidhart zugeben möchte. Nicht weinen, Herr Neidhart, für Sie gibt’s ja den „Südkurier“, da wird nicht so viel ge(see)motzt.

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