/// Rubrik: Topaktuell

Neue Grenze für Schüler aus der Schweiz

Kreuzlingen/Konstanz – Der Konstanzer Schulausschuss hat beschlossen, dass ab dem nächsten Schuljahr keine Primarschüler aus der Schweiz in Konstanz aufgenommen werden. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen.

85 Primarschüler aus der Schweiz haben im Schuljahr 2012/13 Konstanzer Primarschulen besucht. (Bild: Thomas Martens)

85 Primarschüler aus der Schweiz haben im Schuljahr 2012/13 Konstanzer Primarschulen besucht. (Bild: Thomas Martens)

Kreuzlingens Stadtammann Andreas Netzle und Schulpräsident Jürg Schenkel setzen sich seit Jahren für die komplette Beschulung in Kreuzlingen ein. Ob sie aber auch Konstanzer Gemeinderäte für sich gewinnen konnten, ist nicht bekannt. Aus dessen Reihen jedenfalls mehrten sich in den vergangenen Wochen und Monaten die Stimmen, welche die bisherige Praxis ablehnten. Denn manche Eltern aus der Schweiz leiteten daraus den Rechtsanspruch ab, dass ihr Kind auch eine weiterführende Schule – bevorzugt das Gymnasium – in Konstanz besuchen dürfe.

Im Schuljahr 2012/2013 waren insgesamt 305 Schülerinnen und Schüler (etwa vier Prozent der Gesamtschüler) aus der Schweiz auf Konstanzer Schulen (wir berichteten). In die weiterführenden Schulen wurden in den letzten Jahren aufgrund der hohen Nachfrage nur dann Schüler aus der Schweiz aufgenommen, wenn alle aus Baden-Württemberg versorgt waren und dann noch ein Platz in der jeweiligen Schule/Klassenstufe verfügbar war. Gleichzeitig durfte es nicht zu einer weiteren Klassenteilung kommen. Diese Regelung stiess gemäss Schulamt der Stadt durch die hohe Übergangsquote in die Gymnasien zuletzt an ihre Grenzen.

Privatschulen keine Entlastung
Das Schulangebot für Konstanzer Schülerinnen und Schüler wird seit vielen Jahren ergänzt durch die beiden privaten Schulen, die Steiner-Schule sowie die Internationale Schule in Kreuzlingen (ISKK). Die Steiner-Schule hat im Schuljahr 2013/2014 insgesamt 151 Schüler, 15 haben ihren Wohnsitz in Konstanz, weitere acht kommen aus umliegenden deutschen Gemeinden.

Sie verzeichnet einen Schülerrückgang aus Deutschland. In den vergangenen Jahren setzte sich die Schülerschaft zu etwa einem Drittel aus Kindern aus Deutschland zusammen. Das städtische Schulamt Konstanz vermutet den Grund darin, dass es seit zwei Jahren eine Waldorfschule mit Grundschulangebot in Konstanz gibt. Die ISKK mit Kindergarten, Primar- und Sekundarstufe hat insgesamt 56 Schüler, 17 stammen aus Konstanz und drei haben ihren Wohnsitz in deutschen Nachbargemeinden.

Knackpunkt Finanzierung
Für alle Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen, auch für die aus der Schweiz, erhält die Stadt Konstanz als Schulträgerin den jeweiligen Sachkostenbeitrag des Landes, abhängig von der Schulart, die der Schüler besucht. Das sind zwischen 568 und 1119 Euro pro Schüler und Schuljahr.

Für Primarschüler gibt es vom Land allerdings keinen Sachkostenbeitrag, die Finanzierung der Primarschüler liegt ausschliesslich bei der Stadt Konstanz. Auf Anfrage war diese aber nicht in der Lage, mitzuteilen, wie viel denn die Primarschüler aus der Schweiz die Stadt Konstanz kosten. Auch aus der Sitzungsvorlage geht ebenfalls nichts dazu hervor. Die Ausschussmitglieder hatten folglich diskutiert und beschlossen, ohne über die tatsächlichen Kosten im Bilde zu sein.

Kein Geld aus der Schweiz
Eine finanzielle Beteiligung wurde von Schweizer Seite übrigens mehrfach abgelehnt, weil sich die Kinder aus der Primarstufe in die Schweizer Kommunen integrieren sollen. Auch den Konstanzer Räten liegt dies sehr am Herzen, jedenfalls klang dies bei der Ausschusssitzung am Dienstag mehrfach an und wurde sogar zum Hauptargument für den Beschluss.

«Wir wollen damit eine klare Regelung schaffen, schliesslich gibt es in Konstanz Schulbezirke und Kreuzlingen gehört da nicht dazu», sagte Stadtsprecher Walter Rügert auf Anfrage. Wer in die Schweiz zieht, müsse auch mit den Konsequenzen leben. Für deutsche Eltern in Kreuzlingen ist dieses Votum natürlich ein Schlag ins Gesicht: «Im deutschen Schulsystem haben meine Kinder viel mehr Möglichkeiten», sagt Kerstin Conz. Die Journalistin beschäftigt sich seit Jahren mit Bildungsthemen und weiss, dass es in der Schweiz wesentlich weniger Akademiker gibt, als in Deutschland: «Das Abitur ist leichter, als die Matura, viele schaffen sie einfach nicht.»

Dialekt und Ferien
Eine Mutter, die nicht genannt werden möchte, meint: «Es gibt nur wenige Schweizer, die international Karriere gemacht haben, was bestimmt auch am Dialekt liegt.» Sie möchte, dass ihr Kind Hochdeutsch lernt und spricht.

Sonja Sopper wohnt in Kreuzlingen, ist Lehrerin in Konstanz und hat ein ganz anderes Problem – die unterschiedlichen Ferienzeiten: «Wir können dann als Familie kaum mal zusammen Urlaub machen.» Sie plädiert für eine weiterhin flexible Lösung, auch im Sinne des vielgepriesenen grenzüberschreitenden Agglomerationsgedankens, und wäre – wie andere Familien auch – sogar bereit, Schulgeld in Konstanz zu zahlen.

Andreas Hipp, Geschäftsführender Schulleiter der Konstanzer Grundschulen, sieht das ähnlich und hat mit der bisherigen Praxis keine Probleme: «Viele Kinder aus der Schweiz sind zum Beispiel auch in Konstanzer Vereinen aktiv, das kann man auch nicht verbieten.»

Fraglich ist aber, ob ein entsprechender Gemeinderatsbeschluss überhaupt rechtlich haltbar ist. Laut Schulgesetz des Landes liegt die Aufnahme von Schülern in der Kompetenz der jeweiligen Schulleiter. Das Kultusministerium des Landes hat sich eingeschaltet und prüft gerade.

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One thought on “Neue Grenze für Schüler aus der Schweiz

  1. Bruno Neidhart

    Man erkennt, wie Grenzen noch immer trennen können. Grundsätzlich ist nicht einzusehen, warum etwa im universitären Bereich eine Schulung im Ausland als durchaus „normal“ anzusehen ist, ja sogar z.B. durch das europäische Erasmusprogramm bewusst noch weiter gefördert wird, andererseits im Grundschulalter jetzt versucht wird, Grenzen aufzuziehen. Der schulische Werdegang ist nun mal „hüben und drüben“ unterschiedlich geregelt. In Deutschland ist zum Beispiel der Zugang zum Gymnasium deutlich breiter aufgestellt. Bereits ab Klasse vier können Weichen gestellt werden. Darüber hinaus existieren Gesamtschulen. Die Schweiz hat dagegen ein völlig anderes Bildungssystem (ganz abgesehen vom „Schwizertütsch ab „Kinsgi“ – mit latent möglichen Nachteilen im späteren Berufsleben). Wie man aus den gegenseitigen „Verlautbarungen“ herauslesen kann, ist die „Finanzierung“ ein Hauptargument. Daran sollte es nun wirklich nicht scheitern. Und dann kommt noch das Argument der „Integration“. Nun: diese mit „Zwang“ durchführen zu wollen ist die schlechteste aller integrativen Möglichkeiten. In einem freien Europa müssen wir übernational denken lernen. Einigen scheint das nach wie vor schwer zu fallen – „hüben und drüben“!

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