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Im Takt für bessere Noten und ein gesünderes Leben

Chrono-Typen – Die Nächte sind hell geworden, grell und betriebsam. Viele Jugendliche gehen erst dann aus dem Haus, wenn ihre Eltern zu Bett gehen. Fitness-Center geben Trainingszutritt während 24 Stunden und Nachtarbeit gehört zum normalen Broterwerb. Wer müde wird, vertreibt den «Schwächeanfall» mit Kaffee oder einem Energiedrink. Nur wenigen scheint bewusst zu sein, dass diese moderne Lifestyle- und Arbeitskultur brandgefährlich ist für Schönheit, Gesundheit und Leben. (Text: Dr. Paul Paproth)

Paul Paproth, Dr. rer. nat. (Bild: klz)

Paul Paproth, Dr. rer. nat. (Bild: klz)

Die Gefahr lauert vor allem in einem Teil unseres Gehirns, dem sogenannten Nukleus Suprachiasmaticus (SCN). Diese kleine Neuronengruppe ist nahe bei den Sehnerven und erhält von den Augen Informationen über die Lichtverhältnisse. So kann sie sich mit dem Tag-/Nachtrhythmus synchronisieren und gibt den Takt an, nach der unsere inneren Uhren schlagen. Wer sich längere Zeit diesen genetisch angelegten Zeitgebern entgegenstellt, läuft Gefahr, psychisch und körperlich krank zu werden.

Zuviel essen zu wenig schlafen
Wichtig ist die Erkenntnis, dass der richtige Tag-/Nachtrhythmus mit seinem Hell-Dunkelspiel einen wesentlichen Einfluss auf das Zusammenwirken zwischen dem Schlafhormon Melatonin und zahlreichen weiteren Botenstoffen in unserem Körper hat. Melatonin wird dabei eine zentrale synchronisierende Rolle im Konzert der Organsteuerung zugeschrieben. Wird seine Produktion gestört, findet eine Desynchronisation statt. In der Folge können Organe aus dem Takt geraten und in ihrer Funktion beeinträchtigt und krank werden.

Ein Beispiel dafür ist der Typ II Diabetes, der ständig im Ansteigen begriffen ist. Er ist gekennzeichnet von einem zu viel an Kalorien. Das hat zur Folge, dass von der Bauchspeicheldrüse ständig zu viel Insulin ausgeschüttet wird. Gleichzeitig verhindert Insulin, dass das Schlafhormon Melatonin im Gehirn freigesetzt wird. Wenn es dunkel wird, beginnt die Zirbeldrüse im Gehirn Melatonin zu produzieren und der umgekehrte Effekt tritt ein. Melatonin blockiert dann die Insulinproduktion – diese Schlafpause ist notwendig. Wenn wir jedoch ständig zu viel essen (auch spät Abends), muss unser Körper permanent Insulin freisetzen. Und wenn die Bauchspeicheldrüse durch Dauerbetrieb überfordert wird, stellt sie die Insulinproduktion irgendwann ganz ein. Das Ergebnis heisst Diabetes Typ II. Wenn wir an beiden Schrauben drehen: Zu viel essen und ständig zu wenig schlafen, sind wir doppelt gefährdet.

Schlafqualität stärkt Immunsystem
Eine neuere Studie zeigt, wie sehr Schlafdauer und Schlafqualität das Immunsystem beeinflussen. Bei einem Versuch wurde 150 Probanden Schnupfenviren in die Nase geträufelt. Wer weniger als 7 Stunden schlief, war dreimal häufiger anfällig für eine Erkältung als jene Studienteilnehmer, die acht und mehr Stunden geschlafen hatten. Noch mehr Einfluss zeigte die Schlafqualität. Wer schlechter schlief, hatte sogar ein fünfeinhalbfach erhöhtes Risiko eine Erkältung zu bekommen. Auch hier zeigt sich die Bedeutung des Schlafhormons Melatonin auf unser Immunsystem.

Andere Untersuchungen berichten darüber, dass Dauer-Nachtarbeitende spürbar häufiger an Krebs erkranken als jene Menschen, die einer geregelten Tagesarbeit nachgehen. In der Schweiz kennt man dieses Nachtarbeitsrisiko und gibt deshalb in Pflegeberufen Nachtzuschläge, die als Freizeit kompensiert werden können.

Schulbeginn zu früh
Doch genügend Schlaf zu haben heisst nicht, dass jeder zur gleichen Zeit, vielleicht um 22:00 Uhr, zu Bett gehen und um 6:00 Uhr aufstehen soll. Es gibt Menschen, bei denen stimmt das. Das sind die sogenannten Lerchen (Frühaufsteher). Im Gegensatz dazu gibt es die sogenannten Eulen (Spätaufsteher). Die sind von Geburt an genetisch so programmiert, dass sie ihren Tiefschlaf- Höhepunkt erst in den frühen Morgenstunden haben. Deshalb schlafen sie später ein und müssen auch in den Morgen länger hinein schlafen, um tagsüber hellwach zu sein. Allerdings kann sich diese Einteilung in Eulen und Lerchen im Laufe eines Lebens ändern.

So sind fast alle Teenager während ihrer Pubertätszeit späte Chrono-Typen (Eulen). Ihr Schlafdruck ist in den frühen Morgenstunden am höchsten, doch dann müssen sie zur Schule gehen. Das Ergebnis: Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zum schulischen Sekundenschlaf und schlechten Noten. Fachleute plädieren deshalb für die Verschiebung des morgendlichen Schulbeginns um eine Stunde, von acht auf neun Uhr. Alternativ dazu gibt es auch die Möglichkeit die Klassenzimmer mit sogenannten Tageslichtleuchten auszustatten. Bereits dieser Effekt brachte in der Praxis markant bessere Schulleistungen.

Chrono-Medizin zeigt Ergebnisse
Noch spannender gestaltet sich derzeit die Chrono-Medizin. Aufgrund der Tatsache, dass die Organe unseres Körpers zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten ruhen oder aktiv sind, reagieren sie ganz unterschiedlich auf Medikamente. So hat man selbst in der Krebstherapie sensationelle Erfolge erzielen können, wenn man die Chemotherapie organspezifisch, nach den Erkenntnissen der individuellen Zeitgeber verabreichte.

Eine Herausforderung für jeden Einzelnen ist für sich selbst zu erkennen, welcher Chrono-Typ er ist. Mittags reagieren wir auf Alkohol anders als abends. Schmerzen beim Zahnarztbesuch empfinden wir im Tagesverlauf ganz unterschiedlich. Viele von uns haben gegen Mittag ein Tief und würden gerne ein kleines Nickerchen einlegen. Wir haben zu bestimmten Tageszeiten Lust zu joggen, zu anderen können wir uns am besten konzentrieren, Rätsel lösen oder Fremdsprachen lernen. Wer diesen inneren Rhythmen folgt, wird ein wacheres Leben führen können und womöglich länger gesund bleiben.

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