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Update für den Supercomputer

Hirndoping – Das menschliche Gehirn, Supercomputer und Denkfabrik zugleich. Doch was, wenn die grauen Zellen schlapp machen und mit den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr so recht Schritt halten? Doping fürs Gehirn scheint die Lösung, doch Vorsicht bei chemi-schen Wunderwaffen, rät der Kreuzlinger Mediziner Dr. Roland Ballier. Er setzt vielmehr auf die Wirkung herkömmlicher Mittelchen.

Dr. Roland Ballier setzt auf die natürliche Kraft des Kaffees. (Bild: tm)

Dr. Roland Ballier setzt auf die natürliche Kraft des Kaffees. (Bild: tm)

Herr Dr. Ballier, was genau versteht man unter «Hirndoping»?
Alle Massnahmen, die das Ziel verfolgen, eine Leistungssteigerung bezüglich der diversen Hirnfunktionen (sogenannte kognitive Leistungsfähigkeit) beim Gesunden zu erreichen.

Welche Präparate gibt es?
Schon vor 5000 Jahren wurde in China «Ma Huang Tee» hergestellt. Dieser enthielt das sogenannte Ephedrin und damit ein erstes Mittel, von welchem bekannt wurde, dass es die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern sollte. Um 1800 folgte Kokain, heute verwendet man die sogenannten Amphetamine, Nootropika, Acetylcholinesterasehemmer und diverse Psychopharma- ka. Streng genommen zählt aber auch Coffein zu den Substanzen, von denen bekannt ist, dass sie z.B. die Aufmerksamkeit zumindest vorübergehend verbessern können.

Viele Mittelchen sind ja nicht grundsätzlich illegal …
Das gilt sicher für Kaffee, oder auch Red Bull, welches neben Coffein auch Taurin enthält. Darüber hinaus sind Psychopharmaka immer dann, wenn diese vom Arzt verordnet werden, auch nicht illegal. Allerdings gelten für diese Arzneimittel strenge Indikationen, im Sinne eines Hirndopings darf der Arzt diese Substanzen deshalb nicht rezeptieren. Der Gebrauch von Kokain, Cannabis, Heroin und diversen anderen Halluzinogenen wie z.B. LSD ist dagegen in fast allen Ländern illegal.

Gerade mit Kokain ist man ja früher durchaus sorglos umgegangen …
Ja, es war ursprünglich in Coca Cola enthalten, deshalb Namensgeber dieses Getränkes, und wurde z.B. von Siegmund Freud zur Behandlung von Depressionen eingesetzt

Welche Nebenwirkungen können bei den Präparaten auftreten?
Je nach Substanz ist fast alles möglich, von Herz-Kreislauf- und Atemproblemen bis zu Erbrechen, Halluzinationen und Koma. Überdosierungen mit Todesfolge treten gerade bei illegalen Drogen immer wieder auf. Bei den speziell für das Hirndoping genutzten Substanzen sind diese Nebenwirkungen weniger gravierend, gemeinsam ist aber allen Substanzen die Gefahr der Abhängigkeit nach wenigen Anwendungen. Meist kommt beim Hirndoping noch dazu, dass die als positiv empfundenen Effekte, wie vermehrte Vigilanz, Stimulation und Stimmungslage meist nur von vorübergehender Art sind und von gegenteiligen Empfindungen (Müdigkeit, depressive Verstimmung) gefolgt werden.

Wie ist das eigentlich mit Coffein und Nikotin: Helfen zehn Liter Kaffee oder 20 Zigaretten am Tag? Vom Lungenkrebs mal abgesehen …
Was das Coffein betrifft, kann man damit schon gewisse Schwäche- und Müdigkeitsphasen kaschieren. Bestes Beispiel waren Piloten im Zweiten Weltkrieg, die sich auf Langstreckeneinsätzen mit ihren Bombern mittels Coffeinpräparaten über 20 und mehr Stunden wach hielten. Zehn Liter Kaffee wären in dieser Hinsicht jedoch massiv überdosiert und sehr gefährlich. Dagegen scheinen wir vier bis sechs Tassen täglich ohne langfristige Nachteile konsumieren zu können. Was das Nikotin betrifft, liegen die Dinge anders. Hier sind bereits kleine Dosen nachweislich schädlich, auch der stimulierende Effekt ist eher durch die Gewohnheit gegeben. Physiologisch sind keine Hinweise bekannt, die im Sinne einer Stimulation interpretiert werden könnten.

Körperfremde Substanzen zur Leistungssteigerung sind ja immer zu hinterfragen. Wie lässt sich denn Ihrer Meinung nach das Gehirn zu Höchstleistungen bringen? Was würden Sie zum Beispiel Studenten raten, die vor Prüfungen stehen?
Erstens – wer hätte es gedacht – ausreichender und tiefer Nachtschlaf. Zweitens sollte man das Gehirn mit allem versorgen, was es braucht, um optimal zu funktionieren. Dazu gehören Sauerstoff (der Körper wird beim Sport optimal damit durchflutet), hochwertiges Eiweiss (z.B. pflanzlicher Natur, wie in Soja, Bohnen und Linsen, aber auch Fisch, helles Fleisch und Milchprodukte), eine gewisse Menge an Kohlenhydraten (das Gehirn verbrennt fast ausschliesslich Zucker), und bestimmte Spurenelemente und Vitamine (vor allem der sogenannte Vitamin-B-Komplex). Bei den Fetten scheinen sich die Omega-3-Fette positiv auszuwirken, vor allem bei Kindern und jungen Menschen.

Geht das auch noch bis ins hohe Alter?
Im Alter hilft alles nach dem Motto «use it or loose it», also ständiges Hirntraining, denn was rastet, das rostet. Ob Kreuzworträtzel, das Erlernen eines Musikinstruments, oder einer neuen Sprache – ganz ideal ist auch Tanzen, all dies hilft dem Gehirn, seine Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Zur Person
Dr. Roland Ballier (64) ist Arzt für Allgemein- und Notfallmedizin (D). Seine Schwerpunkte sind Notfallmedizin und Präventivmedizin. Er ist seit fast 40 Jahren Arzt, seit 2004 in der Schweiz tätig und seit 1. Oktober 2012 leitender Arzt im «santémed» Gesundheitszentrum Kreuzlingen.

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