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Poesie – Unnütz oder Notwendig?

Kreuzlingen – Mit einem Buchfest wurde am Niklaustagabend im Kulturzentrum am Münster in Konstanz das Gedichtbüchlein von Ingrid Riedel, der bekannten Autorin und Tiefenpsychologin, gefeiert. Das Fest gab Anlass zu einigen grundsätzlichen Gedanken über das Schreiben von Gedichten, über den Platz, den sich Poesie in unserer Zeit schafft. (Text: Dr. Hans-Rudolf Müller-Nienstedt)

Wer kennt es nicht, das Lied von Johann Gottfried Herder aus DES KNABEN WUNDERHORN:

Wenn ich ein Vöglein wär
und auch zwei Flügel hätt,
flög ich zu dir,
weil´s aber nicht kann sein
bleib ich allhier.

Oder das auch heute noch beliebte Kinderlied:

Kommt ein Vogel geflogen,
setzt sich nieder auf mein’ Fuss,
hat ein’ Zettel im Schnabel,
von der Mutter ein’ Gruss.

Beide Lieder stammen aus der Romantik, einer Zeit, in der das Schreiben von Versen, Gedichten, Liedern zum guten Ton gehörten. Sie wurden nicht nur in literarischen Kreisen gefeiert sondern entfalteten oft auch gesellschaftlich umwälzende Kraft.

Die Frage, die einen Bericht im Südkurier über das Poesiefestival «dichter dran» im Juni dieses Jahres einleitet, stellt dagegen die provokative Frage: «Wer braucht heute eigentlich noch Gedichte?».

Die junge Berliner Dichterin und Verlegerin Daniela Seel stellt im Interview zum Poesiefestival fest, dass die Vermittlung von Lyrik spätestens Anfang der 1960er Jahre aufhörte und zwar in der Schule und in der Universität. Überdies strichen oder reduzierten die Verlage ihre Lyrikangebote. Aber in den letzten Jahren scheint es eine Art Revival der Poetik zu geben mit jungen Autorinnen und Autoren. Neue Formen der Verdichtung von Sprache finden ihren Ausdruck auch im Rap und im Poetry Slam.

Der Schweizer Dramatiker, Essayist und Romancier Lukas Bärfuss geht der Frage nach dem Sinn von Dichtung in einer Zürcher Poetikvorlesung im November dieses Jahres nach: «Die Dichtung handelt nicht vom Raum. Ihr Gegenstand ist die Zeit, und sie ist durch die Technologie nicht erschliessbar. Es gibt in der Beziehung zurzeit keinen Fortschritt. Wir sind der Zeitlichkeit genauso ausgeliefert, wie unsere Vorfahren ihr ausgeliefert waren. Nichts, das wir seit den Tagen, als wir noch in Höhlen hausten, erfunden haben, enthebt uns der Zeit. Wir beherrschen den Raum, aber wir werden von der Zeit beherrscht. Diese Kontinuität der Erfahrung ist der Grund für die literarische Tradition, sie ist es, die uns jeden dichterischen Text verstehen lässt, egal, wann er geschrieben wurde.»

Ingrid Riedel, so können wir behaupten, entdeckt mit ihren Gedichten ein uraltes Bedürfnis neu: Das Bedürfnis nach der konzentrierten, dichten Sprache, die durch ihre Dichte und ihren Rhythmus einen Zugang öffnet in die Weite der Zeit und die uns das Gefühl zurück geben kann, wieder zu finden, was wir verloren glaubten. Sie schöpft ihre Gedichte aus intensivem Kontakt mit der Welt, mit der Natur. Aus tiefem Erleben und präziser Beobachtung entstehen fein gezeichnete Bilder, die Leserinnen und Leser zum Verweilen einladen und zum Dialog.

Ingrid Riedel liest ihre Gedichte (Bild: zvg).

Ingrid Riedel liest ihre Gedichte (Bild: zvg).

Prof. Dr. Dr. Ingrid Riedel ist bekannt als Expertin für den Dialog. Und ihr Werdegang zeigt, wie sie sich von Grund auf mit den Wissenschaften des Dialogs beschäftigt und ausgerüstet hat: Studium der ev. Theologie, der Literaturwissenschaften und Sozialpsychologie und der Analytischen Psychologie am C. G. Jung-Institut Zürich. Ihre Lehrtätigkeit an Universitäten und Lehrinstituten gründete sich aber v.a. auch in ihrer leidenschaftlichen Arbeit in der eigenen Praxis. Diese leidenschaftliche Arbeit für den Dialog zeigt sich auch in ihren zahlreichen Büchern, die in viele Sprachen übersetzt ein grosses Publikum erreichen.

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