/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Denn die Bilder gaben ihm Kraft

Kreuzlingen – Günter Dittmans Leben wurde durch einen Unfall im Sommer 1999 auf den Kopf gestellt. Arbeiten konnte er danach nicht mehr, aber damals wie heute verwirklichte sich der ehemalige Architekt kreativ. Nun haben Werke von ihm den Weg zurück zu ihrem Ursprung gefunden: Im Graubündner Ort Poschiavo werden Landschaftsbilder von Dittmann ausgestellt, die 1997 auf einem Zeichenausflug eben dort entstanden sind.

Für Freunde und Familie fertigt Günter Dittmann auch Kalender mit seinen Bildern an. (Bild: sb)

Für Freunde und Familie fertigt Günter Dittmann auch Kalender mit seinen Bildern an. (Bild: sb)

Günter Dittmann war ein erfolgreicher Architekt, der ausserdem an der Fachhochschule Konstanz ehrenamtlich Freihandzeichen unterrichtete. Auch in seiner Freizeit betätigte er sich künstlerisch, seine Werke wurden in Ausstellungen gezeigt. An den Tag, der sein Leben veränderte, erinnert er sich teilweise. «Wir machten einen Ausflug auf die Rheinau, um Landschaftsbilder zu zeichnen. Was zunächst nach einem schönen Tag für mich und die anderen Architekten  aussah, änderte sich plötzlich auf dem Rückweg. Wolken zogen auf, es begann zu tröpfeln. Keiner hätte daran gedacht, dass so etwas passieren könnte. Den Rest weiss ich nur aus Erzählungen.»

Günter Dittman war 55 Jahre alt, als ihn der Blitz traf. «Offenbar fiel ich jäh um. Keiner wusste wieso. Ich selbst nicht und auch die anderen hatten keinen Blitz gesehen. Mein Herz hatte aufgehört zu schlagen.» Zum Glück leiteten seine Begleiter sofort Wiederbelebungsmassnahmen ein. Ein Helikopter flog ihn ins Uni-Spital Zürich.

Wie ein Kind alles neu erlernen
Es dauerte einen Monat, bis der Zeichencoach aus dem Koma erwachte. «Erst dann erfuhr ich, was passiert war.» Zwei Zehen, dort wo der Blitz in seinen Körper eingetreten war, waren gefühllos. Er hatte Hirnschäden, konnte nicht mehr richtig reden und erinnerte sich nicht mehr an vertraute Dinge. Seine Heimat Bottighofen musste er auf Spaziergängen neu entdecken, seine Töchter zeigten ihm Fotos. In alten Skizzen entdeckte er Orte der Vergangenheit. «Drei Jahre dauerte es, bis ich wieder halbwegs genesen war und mit einem Stock gehen konnte», berichtet Dittmann. Selbst heute noch hat er Schwierigkeiten, spontan Wörter zu finden. Oft muss er im Duden nach der Schreibweise nachschlagen.

Seinem zeichnerischen Talent konnte der Blitz indes nichts anhaben. Zeichnen half ihm, den Schicksalsschlag zu verkraften. In der Reha-Klinik Zihlschlacht führte Dittmann ein Tagebuch, in das er seine Eindrücke skizzierte und niederschrieb. «Den Blitzschlag als Urknall», so habe er das damals versucht aufzufassen, erinnert er sich. «Das gab neue Ideen.» Er machte aus dem Nachteil einen Vorteil.

Heute lebt der 69-jährige mit seiner drei Jahre jüngeren Frau in einer Wohnung im Alterszentrum Kreuzlingen, weil er sich dort um sie kümmern kann. Er fühlt sich wohl im AZK. «Ich bin gern unter Menschen», sagt der Präsident des Vereins Sorgenfreies Alter (Sof-A). Sof-A organisiert einen Mittagstisch und Gesprächsrunden, die alle 14 Tage stattfinden. Auch die Aphasie-Werkstatt in Zihlschlacht half Dittmann aufzubauen.

Und so ist sein liebster Zeitvertreib auch heute noch kreativ: «Ich zeichne und fertige Trickfilme an. Dafür habe ich auch schon Preise gewonnen.» Über 50 stehen schon in seinem Regal – sie enstehen in aufwändiger Arbeit, bei der er Einzelbilder fotografiert und später zu einem bewegten Film zusammenfügen lässt. «Zu meinem Privatvergnügen», sagt Dittmann, der die Filme vor allem Freunden, Bekannten und Familien, eher selten der Öffetntlichkeit, zeigt.

Für den Hintergrund verwendet er auch Zeichnungen aus vergangenen Tagen. «Unterwegs in der Schweiz» lautet ein Titel beispielsweise. Zu sehen ist eine Taube, die von Basel aus kreuz und quer durch die Schweiz fliegt, dabei unter anderem das Schloss Frauenfeld oder den Laggo Maggiore überfliegt. Am Schluss entschwebt sie in Bern ins Bundeshaus. «Die Bilder sind teilweise richtig alt», erklärt der Trickfilmer. «Die aus Basel habe ich als 22-Jähriger gezeichnet.»

Bilder aus dem Puschlav
Den grössten Anteil in diesem Film machen Landschaftsbilder aus Poschiavo, einem Städtchen in Graubünden, im Puschlav, aus – und das nicht ohne Grund. Denn dort weilte der Architekt 1997 auf einer seiner zahlreichen Exkursionen. Und dort werden die Bilder im Dezember und Januar in einer Sammelausstellung zu sehen sein. «Der Kontakt entstand durch eine Bekannte, die in Poschiavo aufgewachsen ist, und in Berlingen wohnt», berichtet der Freizeit-Künstler. «Ich wollte der Frau eine Freude mit meinen Landschaftsskizzen machen.» Sie reichte die Bilder an ihre Nichte weiter, die Kuratorin der Ausstellung ist.

Ihr Name ist Arianna Nussio. Sie war begeistert: «In der Ausstellung geht es um Künstler die eine Verbindung zur Region haben oder von hier sind. Günter Dittmanns Bilder haben mich positiv beeindruckt.» Gezeigt werden sie in einer kleinen Galerie am Dorfplatz von Poschiavo, die vom Kulturverein Pro Grigioni Italiano geführt wird. Bis 5. Januar sind Günter Dittmanns Werke im Rahmen einer Sammelausstellung zu sehen. Insgesamt stellen zwölf Künstler aus den Bereichen Malerei, Skulptur und Fotografie aus.

Die Vernissage findet am 21. Dezember statt. Dann wird auch Günter Dittmanns Film «Unterwegs in der Schweiz» gezeigt. «Damit hatte ich nicht gerechnet», meint der ehemalige Architekt. «Ein Winterbild hat es gar auf den Flyer der Ausstellung geschafft.» Und so ist es für Günter Dittmann zwar nicht die erste Ausstellung, aber eine, die ihn ganz besonders freut.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.