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Die Hoffnungsträger der Konstanzerstrasse

Kreuzlingen – In den vergangenen eineinhalb Jahren haben sich mehrere Gewerbetreibende und Gastronomen auf das Wagnis Konstanzerstrasse eingelassen. Was viele Anwohner nervt, kommt ihnen mitunter gelegen: der Verkehr. Denn ihre Auslagen werden auch aus dem Auto heraus bemerkt.

In der Konstanzerstrasse in Kreuzlingen haben sich neue Geschäfte angesiedelt. (Bild: Thomas Martens)

In der Konstanzerstrasse in Kreuzlingen haben sich neue Geschäfte angesiedelt. (Bild: Thomas Martens)

Die Sperrung des Hauptzolls sorgt unter anderem in der Konstanzerstrasse für ein höheres Verkehrsaufkommen. Dabei stauen sich hier freitags und samstags ohnehin schon die Autos. Sonst ist nicht viel los: «Die vergessene Strasse» titelte zumindest die Thurgauer Zeitung noch im April letzten Jahres. Sechs Geschäftsinhaber und Gastronomen, die hier einen Neuanfang wagten, erzählten uns, wie es läuft.

Her mit dem Verkehr
Etwa Babette Laronche, die sagt: «Ich profitiere von der Autoschlange». Sie verkauft in ihrer Second Hand-Boutique Damenmode für Jung und Alt, dazu Accessoires wie Taschen, Schuhe, Schals und Schmuck. Das Geschäft laufe besser als am früheren Standort an der Hauptstrasse, berichtet Laronche. «Mehr Leute liefern Kleidung an und es kommen häufiger Auswärtige in den Laden.» Besonderen Wert legt die Ladenbesitzerin darauf, das Schaufenster des Öfteren neu zu gestalten. Sie ist sich sicher: Die Einkaufstouristen in ihren Autos, die sich im Schritttempo am «Balou» vorbeischieben, bemerken ihre Auslage. Hinzu kommen die Menschen, die auf dem Weg vom Bahnhof nach Konstanz an ihrem Laden vorbeilaufen. «Mir wurde abgeraten, hier unten weiterzumachen», sagt Babette Laronche. «Aber ich bin froh, dass ich es getan habe.»

Besonderer Standpunkt
Hochwertige, hautfreundliche und modebewusste Dessous von russischen Designerinnen können ab sofort im Fachgeschäft von Dasha Brauchli gekauft werden. Sie ist ebenfalls froh über den Verkehr auf der Konstanzerstrasse. «Täglich fahren so viele Autos vorbei, das ist die beste Werbung, die man sich vorstellen kann», sagt die Dessousverkäuferin. Die Lage habe sie auch wegen der Nähe zu Konstanz überzeugt: «Für meine deutschen Kunden ist es nur ein Katzensprung hierher.» Auch über eine Homepage können ihre Produkte gekauft werden. «Ich habe keinen Zweifel, dass das hier läuft», sagt die frischgebackene Ladenbesitzerin und blickt frohgemut in die Zukunft. Im Laufe des Jahres will sie ihr Sortiment um Dessous für füllige Frauen und Unterwäsche für Herren ergänzen.

Auf Ware aus zweiter Hand setzt hingegen Claudia Zürcher. Sie hat sich vor einem halben Jahr den Traum vom eigenen Laden erfüllt. Gleich beim Zollübergang Emmishofen, dort wo früher ein Schuhmacher werkelte, warten heute Reitstiefel, Hundeleinen, Näpfe und weiteres gebrauchtes Tierzubehör auf Käufer mit dem kleinen Geldbeutel. Über den Stau äussert sich die tierbegeisterte Ladenbesitzerin zwar skeptisch: «Die vorbeifahrenden Autos bringen mir nichts.» Trotzdem ist in ihrem Schaufenster immer Bewegung. Mit der Dekoration und einer Blache versucht Zürcher, die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Sie bemerkt: «Es kommen schon einige Auswärtige. Im Sommer war mehr los.»

Mehr Laufkundschaft wäre schön
Das Schreibwarenfachgeschäft «Büro Bührer» liegt an der Brückenstrasse, gehört aber trotzdem irgendwie zur Konstanzerstrasse dazu. Geschäftsführerin Yvonne Ammann beurteilt das Verkehrsaufkommen nicht immer positiv für ihre Kunden. Wer Richtung Konstanzer Einkaufsbummel vorbeirollt, bemerkt ihr Geschäft nicht. «Stau in die andere Richtung wäre besser.» Vor 16 Monaten zügelte sie aus der Bahnhofstrasse an den früher sehr lebendigen Platz gegenüber der ehemaligen Migros. Schön wäre es, wenn gegenüber wieder eine Markthalle für Leben im Quartier sorgen würde, findet Yvonne Ammann. «Unsere Kunden kommen gezielt. Sonst verirren sich leider wenige hierher.» Trotzdem sieht Yvonne Ammann der Zukunft positiv entgegen. «Wir haben hier einen guten Zusammenhalt», sagt sie.

Gastronomen kämpfen
Vom Verkehr bleibt auch für die Lokale nicht viel hängen. Aber auch die Neuankömmlinge unter den Gastronomen wollen nicht jammern.

Michel Dreier steht seit acht Monaten jeden Tag von 10 bis 20 Uhr in seinem «City Imbiss». Nur am Sonntag hat er geschlossen. «Der Tag ist mir heilig», sagt der Arboner, während hinter ihm der Dönerspiess langsam Farbe bekommt. Er trägt ein Sweatshirt mit dem Aufdruck «Paris, France», an der Wand hängt «Guten Appetit» in mehrere Sprachen übersetzt, neben Döner und Pizza gibt’s auch Poulet auf Vorbestellung oder Lotterielose bei ihm zu kaufen. Die ersten Gäste des Tages in den hellen, freundlichen und gemütlichen Räumlichkeiten sind Schüler. Seine Vorgänger hätten das Entscheidende versäumt, erzählt der Imbissbesitzer: «Ich habe immer auf – zuverlässig. Das ist enorm wichtig.»

Rund um die Uhr für Gäste da
Hubert Schmidt im «Don John» wirtet nach derselben Prämisse: Das Café-Restaurant hat gar keinen Ruhetag. «Es dauerte eine Weile, bis wir uns etabliert hatten», sagt Schmidt, der seit eineinhalb Jahren an der Konstanzerstrasse ist. Unter seinen Mittagspäuslern sind Stammgäste aus den umliegenden Büros, den Wochenhit gibt’s schon ab 10,50 Franken. Mit den Konstanzer Preisen können sie aber trotzdem nicht mithalten, sagt der diplomierte Küchenchef. «Mit Tapas am Freitag, den beliebten Churros oder anderen Specials haben wir es aber geschafft, das Lokal als Treffpunkt für die spanisch sprechende Community in Kreuzlingen zu festigen», so Schmidt. Es könnte trotzdem besser laufen. Seine Hoffnungen setzt er auf das Garden City, in dem noch viele Wohnungen und Geschäftsräume leer stehen.

Die unterschätzte Strasse
Auch munkle man, dass weitere Geschfäfte in der Denner-Ladenzeile eröffnen. «Man muss immer nach vorne schauen», macht Schmidt sich Mut, und sagt, was alle anderen Neuankömmlinge an der Konstanzerstrasse denken: «Sie ist nicht die vergessene, sondern die unterschätzte Kreuzlinger Strasse.»

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One thought on “Die Hoffnungsträger der Konstanzerstrasse

  1. Bruno Neidhart

    Mit dem damaligen Wegzug der „Migros“ und seinem Kind „Denner“ entstand ein Vakuum, das bis heute besteht, auch wenn die wenigen alten und neuen Geschäftsleute mutig daran glauben, dass hier wieder mehr Leben entstehen könnte. Zusammen mit den Bauten der „Garden-City“ stehen mittlerweile hunderte von Metern Schaufensterflächen leer. Das muss man einfach sehen. Solange man es hier an der Grenze nicht schafft, auch wieder für die deutsche Kundschaft ein „Einkaufserlebnis“ zu schaffen, wird sich die Situation nicht grundlegend ändern. Ich meine, die „Migros“ hätte noch immer Anlass, hier einen ordentlichen Laden anzubieten. Der Betrieb gigantischer Supermärkte auf grüner Wiese dürfte langsam seinem Ende entgegen gehen. Die Urbanisation „verloren gegangener Stadtquartiere“ hat durchaus Zukunft. So gesehen kann sich gerade an der Konstanzerstrasse tatsächlich allmählich wieder ein Kern entwickeln , in dem das Leben pulsiert und die Geschäftsleute durch Kreativität sicher dazu beitragen werden, dass hier – wie früher – ein internationales Flair die Stadt prägt. Es ist in diesem Zusammenhang eminent wichtig zu überlegen, wie weit die Strassengestaltung, die noch heute als „Durchgang“ konzipiert ist, einer Planung und Realisierung unterzogen werden kann, die mehr einer Platzgestaltung entspricht – auch mit viel Grün! -, welche sich zwischen Bahnlinie und Grenze für den Besucher auftut, sich auch in Nebenstrasse hinein zieht (Brückenstrasse etwa) Die Reduktion der Geschwindigkeit auf 20 oder sogar „Schritt“, zusammenhängend mit einer deutlichen Kennzeichnung sämtlicher (günstiger!) Parkierungsmöglichkeiten in diesem Gebiet ist eine weitere Ausgangslage, die für die Quartierbelebung befruchtend wirken wird. Und für den öffentlichen Verkehr braucht es an den Haltestellen mehr, als nur eine „Stange mit Fahrzeiten“. Es ist geradezu „peinlich“ zu sehen, wie hier etwa bei Regen auf den Bus zu warten ist. Stehend natürlich (betrifft übrigens – als Nebenbemerkung – weite Teile der Stadt!). Ein guter, bequemer Anschluss an die Städtischen Busse ist genau so wertvoll, wie eine neue Strassengestaltung in diesem Stadtbereich. Und so stehen denn die Chancen gar nicht so schlecht, dass hier die Geschäftsleute wieder einer erfreulicheren Zukunft entgegen sehen könnten. Ihr Durchhaltewillen ist anerkennenswert. Fazit: Hier in diesem Quartier muss die Stadt einiges investieren! Es lohnt sich umso mehr, als sich im nahen „Bellevuepark“, der bald vollständig überbaut sein wird (man kann dazu „leider“ sagen, aber es ist halt so!), sich die Tageskundschaft etablieren könnte. Zwischen Aldi/Denner/Landi, über die „Garden-City“, bis hin zum „glorreichen Portmann“ an der Grenze (mit seinen fantastischen, internationalen Tabakwaren!) ist viel Potenzial! Nur muss hier die Stadtstruktur kreativ verändert werden. Die Chancen, in dieser Ecke, nahtlos zu Konstanz, Attraktivität zu entwickeln, liegen offen da.

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