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Baumbestattungen ade in Bottighofen

Bottighofen/Region – Die Gemeinde Bottighofen reagiert als eine der ersten auf die überarbeitete Richtlinie für letzte Waldruhestätten: Sie verbietet bis auf weiteres Baumbestattungen auf den zwei von der Firma Waldesruh genutzten Parzellen.

Blick auf den See von der Bottighofer Waldruhestätte. (Bild: zvg)

Blick auf den See von der Bottighofer Waldruhestätte. (Bild: zvg)

«Erstens wollen wir keinen Verkehr im Wald und zweitens sehen wir keinen Bedarf», sagt der Bottighofer Gemeindeammann Urs Siegfried. Die Entscheidung des Gemeinderats sei einstimmig gefallen und habe eine Vorgeschichte. Die Firma Waldesruh GmbH bietet auf Bottighofer Gebiet die naturnahe Alternative zum Begräbnis auf dem Friedhof an und musste vor rund zwei Jahren eine Baubewilligung beantragen, erklärt Siegfried. «Denn damals galt noch, dass Ruhestätten, die mehr als 20 Bäume umfassen, eine Bewilligung benötigen.» Daraufhin gab es Einsprachen.

Verkehr im Wald befürchtet
Weil der Kanton neue Richtlinien angekündigt hatte, sei die Bearbeitung zurückgestellt worden. «Der nächste Parkplatz ist zu weit entfernt. Wir befürchten unter anderem, dass die Leute mit dem Auto in den Wald fahren und wild parkieren», begründet der Gemeindeammann die Entscheidung.

Entscheid durch die Gemeinden
Diese stützt sich auf die neue «Richtlinie letzte Ruhestätten im Wald». Sie überträgt den ersten Entscheidungsschritt von Kantons- auf Gemeinde-ebene. Die neue Regelung besagt wörtlich, dass «die Standortgemeinde zunächst entsprechende Areale auszuscheiden hat, wenn sie solche Begräbnisstätten zulassen will». Erst daraufhin kann der Betreiber ein entsprechendes Bewilligungsgesuch für den Betrieb eines «Friedwaldes» beim Forstamt des Kantons Thurgau einreichen. Das gilt auch für bestehende Begräbnisstätten. Die Gebietsausscheidungen durch die Gemeinde für bestehende, noch nicht bewilligte Ruhestätten im Wald müssen bis spätestens 31. Dezember 2014 erfolgen.

Grundsätzlich erfolgen sie auf Ersuchen der Betreiber an die Politische Gemeinde oder von der Gemeinde von sich aus.  Das Forstamt gilt davor anzuhören.

Wenn eine Gemeinde diese in der Regel bis zu zwei Hektar grossen Baumfelder nicht will, siehe Bottighofen, gilt ausschliesslich der gesetzliche Friedhofszwang. Da bis anhin die Bewilligungspflicht fehlte, kann es durchaus sein, dass Gemeinden nicht einmal wussten, wenn auf ihrem Gebiet eine solche Stätte existierte. «Waldbestattungen sind beliebt. Mit der neuen Regelung wird Wildwuchs vorgebeugt», erklärt der stellvertretende Thurgauer Forstingenieur Gerold Schwager.

Waldesruh und Friedwald
Im Thurgau werden Waldbestattungen hauptsächlich von zwei Firmen angeboten: Der Friedwald GmbH und der Waldesruh GmbH. Im Bezirk Kreuzlingen betreiben diese mehrere Orte für die alternative Bestattungform, Friedwald in Kreuzlingen, Tägerwilen und Ermatingen, Waldesruh neben Bottighofen auch in Salenstein und Siegershausen.

Betreiber befürchtet Willkür
Für Fritz A. Staible, Geschäftsführer der Waldesruh GmbH, ist die neue Regelung «gut gemeint, aber nicht optimal». Den Gemeinden werde zwar mehr Spielraum eingeräumt, es bleibe ihnen aber auch überlassen, ob sie mit «Wohlwollen oder Willkür» reagieren. Staible hat bereits Rekurs gegen die Bottighofer Entscheidung eingelegt. «Wir sind seit rund sieben Jahren in Bottighofen, bisher gab es keine Reklamationen», sagt der Waldbestatter und betont: «Das Bedürfnis nach einer letzten Ruhestätte im Wald ist ausgewiesen. Alleine aus Bottighofen und Scherzingen sind es bereits sechs Familien und einige weitere haben unsere Unterlagen angefordert. Sie möchten diese künftige Bestattungsform in der Familie besprechen. Bis zur endgültigen Übernahme eines Baumes kann es aber Jahre dauern, das ist üblich.»

Gelassener sieht es der Erfinder der kommerziellen Baumbestattung: der Kreuzlinger Ueli Sauter. Er ist Geschäftsführer der Friedwald GmbH und kam Anfang der 90er Jahre als erster auf die Idee. Er betreibt 70 Friedwälder in der Schweiz. Mittlerweile hat er sie auch erfolgreich verkauft, so nach Deutschland, wo, wie er sagt, schon über 100000 Baumbestattungen durchgeführt wurden. «Wenn das neu bewilligt werden muss, halten wir uns daran», erklärt Sauter.

Keine Bedenken in Tägerwilen
Den Waldbestattungen stehen nicht alle Gemeinden so kritisch gegenüber wie die Bottighofer. In Tägerwilen ist man sich jetzt schon sicher: «Im Rahmen der Ortsplanung werden wir auf jeden Fall ein solches Gebiet für den Friedwald auszeichnen», kündigt Gemeindeammann Markus Thalmann an. Obwohl der Bedarf nicht gross sei, wie er einräumt. Das sei auch in Ermatingen so, berichtet Gemeindeammann Martin Stuber. Er schliesst eine positiven Entscheid für die Ruhestätte aber nicht aus: «Wir haben Unterlagen vom Betreiber angefordert und werden das dann prüfen.» Auch in Salenstein hat die Gemeinde den Betreiber von sich aus kontaktiert und wartet nun auf Antwort, lässt die Bauverwaltung auf Anfrage wissen.

In Kreuzlingen hingegen sieht sich die Gemeinde selbst erst mal nicht unter Zugzwang. «Bis Mitte 2014 haben die Betreiber Zeit, ein Gesuch betreffend Arealsausscheidung zu stellen», teilt Bausekretär Jean-Marc Vannier mit. Dann werde die Bauverwaltung entscheiden, wie sie die offen gehaltene Formulierung «Arealsausscheidung» umsetzen will – oder auch nicht. Im Kemmental denken die Verantwortlichen ähnlich: «Das ist Sache der Betreiber, sich bei uns zu melden», sagt Manuel Puga von der Bauabteilung.

Infokasten «Asche im Wald»:
Baumbestattungen gelten als günstige (die Kosten für Grabpflege entfallen) und naturnahe Alternative zur Friedhofsbestattungen. Voraussetzungen für die Bewilligung sind unter anderem: Freie Zugänglichkeit, Naturbelassenheit (bis auf unauffällige, kleinste Markierungen an den Bäumen), Verzicht auf sämtliche Bauten, Anlagen oder Grabschmuck. Es darf nur die Asche eingebracht werden, Asche in verrottbaren Urnen ist möglich.

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One thought on “Baumbestattungen ade in Bottighofen

  1. Hans Bitzi

    Ich konnte es nicht glauben was da geschrieben wurde. Da hat es einheimische Personen die Jahre, ja gar Jahrzehnte lange in dieser Gemeinde die Steuern bezahlt haben. Diese Personen möchten nach ihrem Ableben nicht, dass ihre Beisetzung auf dem Gemeindefriedhof erfolgt, sondern die Asche in der freien Natur, bei einem Baum ausgestreut wird. Nun ist Bottighofen die einzige Gemeinde in der Schweiz die sowas nicht erlaubt. Hier kann und muss von Willkür gesprochen werden.
    Das Scheinargument, dass befürchtet wird, dass zu viele Autos in den Wald fahren könnten kann ich nicht gelten lassen. Ich gehe seit mehreren Jahren mehrmals in der Woche in diesen Wald spazieren. In den letzten sieben Jahren habe ich dort kein Auto gesehen das wegen einer Baumbestattung in den Wald gefahren ist. Angehörige habe schon einige Mal getroffen die gerne in der Stille des Waldes ihrer Angehörigen gedenken. Aber nie ist eine Person mit den Auto vorgefahren. Ich kann mich auch nicht erinnern einer der amtierenden Gemeinderäte jemals im Wald getroffen zu haben und schon gar nicht den Gemeindepräsidenten Herr Siegfried, sonst müssten auch diese bestätigen das dem nicht so ist, dass die Autos dort hinfahren.
    Als Einheimischer bin ich von meiner Gemeinde schwer enttäuscht, die mir vorschreiben will mich dem „Friedhofszwang“ zu unterordnen. Liebe Gemeinderäte überdenkt doch bitte nochmals euren Entscheid.

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