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Göttlicher Beistand für Olympioniken

Thurgau/Sotschi – Jörg Walcher aus dem Thurgau kümmert sich als Sportpfarrer in Sotschi ums seelische Wohl der Olympioniken.

Jörg Walcher und die amerikanische Bobpilotin Elana Meyers, die bei Olympi in Sotschi die Silbermedaille gewann. (Bild: zvg)

Jörg Walcher und die amerikanische Bobpilotin Elana Meyers, die bei Olympi in Sotschi die Silbermedaille gewann. (Bild: zvg)

Freud und Leid liegen diese Tage in Sotschi ganz nahe beieinander. Punkte und Hundertstels können für oder gegen jemanden entscheiden. Doch die Gedanken der Spitzensportler kreisen sich auch um Themen ausserhalb des Wettkampfes. Jörg Walcher (40) ist mit dem Schicksal vieler Olympioniken sehr vertraut. Der Sportseelsorger aus dem Thurgau gibt den Wintersportlern geistliche und mentale Unterstützung.

«Ich habe ganz unterschiedliche Aufgaben. Dazu zählt etwa das Feiern von Gottesdiensten. Aber auch Einzelgespräche mit Sportlerinnen und Sportlern stehen auf dem Tagesprogramm», umschreibt Walcher seine Tätigkeit. Athleten und Betreuer schätzen es, in Mitten des Olympia Drucks eine diskrete Vertrauensperson zu haben, der man sein Herz ausschütten kann.

Jahrelange Investition in die Beziehung
Doch wie findet der in Schladming geborene Olympia Seelsorger überhaupt den Zugang zu den Spitzenathleten? «Zu Beginn braucht es sicher eine Portion Mut und Offenheit, mit unerwarteten Reaktionen umgehen zu können, sowie Herzlichkeit und ganz viel Geduld.» Denn das Vertrauensverhältnis, das die Grundlage für jede seelsorgerliche Begegnung ist, wächst oft nicht von heute auf morgen, sondern über Jahre. «Profi-Athleten und Trainer trauen keiner Person, die sie nicht kennen,» bemerkt der 40-Jährige. Es sei für ihn wichtig zu wissen, wie Spitzensportler denken und handeln. Da ist es für Walcher natürlich vorteilhaft, dass er sich als ehemaliger Profi-Snowboarder gut in die Lage der Athleten versetzen kann. Mit diesem Background versteht  er ihren Lifestyle besser und kann auch «deren Sprache sprechen».

Persönlich bekannt
Mittlerweile kennt Jörg Walcher etliche AthletInnen sehr gut. Insgesamt war er schon an 15 Wintersport-Grossanlässen als Seelsorger dabei, darunter auch an den olympischen Winterspielen in Vancouver 2010 und Turin 2006.

Natürlich sind bei den Gesprächen Sieg und Niederlage immer wieder ein Thema zwischen dem Seelsorger und den SportlerInnen, sagt Walcher. «Die Athletinnen und Athleten gehen mit Niederlagen ganz unterschiedlich um. Einige ziehen sich zurück und wollen alleingelassen werden. Andere wiederum sind wahnsinnig froh, wenn sie mit jemandem darüber reden können. Manchmal direkt nach dem Wettkampf, manchmal auch erst Wochen später.» Doch nicht nur Niederlagen, auch Siege können belastend sein. «Es hat auch schon Fälle gegeben, wo jemand nach einer Goldmedaille bei einem olympischen Wettbewerb in ein tiefes Loch gefallen ist. Da kommen dann Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Bestimmung hoch.» In so einer Situation sei es dann schön, wenn man sehe, wie jemand nach dem einen oder anderen Gespräch wieder Kraft schöpfen könne.

Nicht nur Sieg oder Niederlage
Doch längst nicht immer stehen in den Gesprächen Sieg oder Niederlage im Vordergrund. Oft kommen auch persönliche Probleme oder Schicksalsschläge zur Sprache: «Vor kurzem kam eine Sportlerin zu mir, deren Oma gerade im Sterben liegt. Klar, dass dann in einem solchen Gespräch auch einmal die Tränen fliessen», gibt er ein Beispiel.

Selbst vor einem Wettkampf können die Bedürfnisse der Sportler unterschiedlich sein. Bei aktuellen Begegnungen in Sotschi bitten einige Athleten Jörg Walcher um ein Gebet. «Nach dem Gebet am Abend vor dem Wettkampf meinte einer der Athleten, dass dies für ihn wichtiger war als die Frage der richtigen Materialwahl und beschrieb es als das für ihn persönlich noch fehlende Puzzleteil.» Ein anderer bedankte sich gerade heute für das gemeinsame Gebet kurz vor dem Start im Eiskanal. Andere Athleten beanspruchen die Unterstützung des Seelsorgers gerne, etwa wegen einer Verletzung kurz vor dem Wettkampf, familiären Problemen, mangelndem Selbstwert, Enttäuschungen oder halt auf Grund des hohen Drucks, der auf sie oder ihn lastet.

Schliesslich würden die wenigsten in Sotschi um einen Sieg beten, so sehr sie sich diesen auch wünschen. «Die meisten beten entweder darum, dass sie an dem Tag ihre beste Leistung geben können, oder dass am Ende alles gut und ohne Verletzung ausgeht.» Das Gebet helfe den Sportlerinnen und Sportlern in erster Linie dabei, ruhig zu werden und biete die Möglichkeit, Belastendes vor Gott zu bringen und abzulegen.

Gottesdienst mit dem österreichischen Skisprung-Team
Dass Jörg Walcher mittlerweile nicht nur das Vertrauen vieler Athleten, sondern auch der Trainer und Betreuer geniesst, zeigt ein aktuelles Beispiel an dieser Winterolympiade vom 9. Februar: «Ich erhielt ein SMS vom Cheftrainer des österreichischen Skisprung-Teams mit der Bitte, einen Olympia-Gottesdienst zu halten.» Praktisch alle Athleten, Trainer und Betreuer waren dabei.

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