/// Rubrik: Topaktuell

Abbildung Richentals entdeckt

Salenstein – Ulrich Richental, der Chronist des Konstanzer Konzils, hat sich vor rund 600 Jahren einen bisher unentdeckten Auftritt im eigenen Werk gegönnt. Der Historiker und Thurgauer Konzilexperte Dominik Gügel hat jetzt im Rahmen der Vortragsreihe «Arenenberger Entdeckungen» bekannt gemacht, dass sich Richental auf einem der bekanntesten Bilder der Chronik abbilden lies: Der Szene, die den Weg zur Hinrichtung von Jan Hus zeigt. «Damit bekommt Ulrich Richental zum ersten Mal ein Gesicht, das etwas mit der Realität zu tun haben könnte», so Gügel.

Es gibt klare Hinweise, dass sich Richental selbst verewigt hat. (Bild: zvg)

Es gibt klare Hinweise, dass sich Richental selbst verewigt hat. (Bild: zvg)

Ulrich Richental verdanken wir wichtige Schilderungen über das Alltagsleben zu Zeiten des Konzils in Konstanz: Würde er heute leben, wäre er vermutlich ein Blogger. Soweit wir heute wissen, verfasste er die Chronik über die Konzilsereignisse ohne einen konkreten Auftraggeber dafür zu haben. «Natürlich ist es nicht leicht, jemanden zu charakterisieren, der über 500 Jahre tot ist», so Gügel, «aber eines kann man über Richental doch auch heute noch mit ziemlicher Sicherheit sagen: bescheiden war er nicht.

Selbstbewusst und stolz
Eher jemand, der selbstbewusst und stolz war.» Immer wieder erwähnt Richental sich selbst in seiner Chronik und berichtet davon, bei welchen epochalen Ereignissen er dabei war oder lässt seine Leser wissen, dass der König ihn in seinem schönen Garten ausserhalb von Konstanz besucht hat. Am Anfang der jüngsten Forschungen zu Richental stand deswegen die Frage: «Warum sollte jemand, der sich selbst so gerne ins rechte Licht rückte, auf die Chance verzichten, sich in seinem eigenen Buch verewigen zu lassen?»

Dominik Gügel arbeitet als Direktor des Napoleonmuseums Thurgau zu verschiedenen Themen der Regionalgeschichte. Für die neue Publikationsreihe zur Geschichte des Thurgaus im späten Mittelalter sollte er einen Artikel über Ulrich Richental beisteuern. Bei seinen Recherchen kam er dem Richental-Konterfei auf die Fährte: «Ich bin über die Sekundärliteratur darauf gekommen, dass in der Chronik ‚Portraits‘ auftauchen. Und schon bald stand ich vor der Frage, ob sich nicht auch der ‚Verfasser‘ oder ‚Auftraggeber‘ in einem solchen Werk hätte verewigen lassen. Der Ehrgeiz war geweckt; alles andere entwickelte sich dann in einer Vielzahl von Nachtsitzungen.» Dominik Gügel sah die verfügbaren Abschriften der «Ur-Chronik» des Konstanzer Konzils durch, die es selbst nicht mehr gibt. Die Kombination aus Text und Bild brachte ihn dann auf Richentals Spur.

Klare Hinweise in Text und Bild
In der wohl ältesten überlieferte Abschrift der Richentalchronik, der sog. Aulendorfer Chronik, die heute in New York aufbewahrt wird, heisst es: «Und fuortend inn [Hus] hertzog Ludwigs diener zwen, ainr zuo der rechten siten, der ander zuo der linggen. Und was nit gebunden […] und ruoftend mir Uolrichen [Richental] zuo in. […] Do fragt ich inn, ob er bichten wölt. Da wär ein priester, der hiess herr Uolrich Schorand, der hett do des concilium und des bistuombs gewalt. Do ruoft ich dem selben herr Ulrichen. Der kam zuo ihm und sprach zuo im.»

Der Text beschreibt also, wie Hus von zwei Dienern Herzog Ludwigs zur Hinrichtung gebracht wird. Einer dieser Diener, die Hus wie Wachen flankieren, ruft Richental herbei. Der übernimmt – typisch für den Selbstdarsteller – eine tragende moralische Rolle: Er soll den Ketzer Hus zur Beichte in letzter Minute bewegen. Als Beichtvater empfiehlt er Hus den Priester Ulrich Schorand. Richental zeigt deswegen mit dem Finger auf Hus und weist dem Priester so den Weg. Mit seiner anderen Hand weist er auf sich selbst. Der Chronist spricht also über das Bild mit seinem Leser: «Ich, Ulrich Richental, fordere Jan Hus zur Beichte auf.» Eine Abbildung, die genau diese Aussage wiedergibt, findet sich auch im ältesten Druck der Richental Chronik aus dem Jahr 1483 aus Augsburg.

Und in leichten Abwandlungen ist diese Darstellung auch in den verschiedenen handschriftlichen Versionen der Chronik zu finden. So kann der Mann an der Seite der Wache, der mit dem Finger zeigt, eindeutig als Richental selbst identifiziert werden. Auch in der Konstanzer Ausgabe der Richental-Chronik findet sich ein entsprechendes Bild, hier ist Ulrich Schorand auf dem Bild über Richental zu sehen – im Text dieser Chronik taucht der Chronist namentlich allerdings gar nicht auf. Das Geheimnis um sein Aussehen lässt sich also nur durch Puzzlearbeit lüften.

Indizienprozess
Am Ende bleibt die Frage, warum Dominik Gügel sich bei seiner Entdeckung so sicher ist. Er sagt: «Natürlich handelt es sich um eine Art Indizienprozess. Und wie immer in meinem Beruf bleibt eine gewisse Restunsicherheit. Aber die vielen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, sind der gleichen Meinung: Dieses Bild zeigt Ulrich Richental. Es war da, die ganze Zeit. Wir haben es nur nicht gesehen.»

Eine ausführliche wissenschaftliche Bearbeitung des Themas wird Ende Mai im ersten Band der Publikationsreihe zur Geschichte des Thurgaus im späten Mittelalter veröffentlicht. Das Buch «Rom am Bodensee – Die Zeit des Konstanzer Konzils» erscheint bei NZZ Libro.

Weitere Informationen: Napoleonmuseum Thurgau, Tel. 058 345 74 10, www.napoleonmuseum.ch

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