/// Rubrik: Topaktuell

Mieterprotest bringt Teilerfolg

Kreuzlingen – Die Helvetia will ihr Hochhaus an der Bachstrasse 17 umbauen und sanieren, alle 50 Wohnungen müssen geräumt werden. Danach sollen die Mieten um mindestens ein Viertel erhöht werden. Erst auf Druck von aussen sicherte die Hauseigentümerin Hilfsmassnahmen zu, unter anderem den Erlass einer Monatsmiete.

Helvetia-Hochhaus an der Bachstrasse. Geht man so mit seinen Kunden um? (Bild: sb)

Helvetia-Hochhaus an der Bachstrasse. Geht man so mit seinen Kunden um? (Bild: sb)

Die Menschen, die teilweise seit 20, 30 oder 40 Jahren im Hochhaus an der Bachstrasse 17 wohnen, und bis spätestens August 2015 ausziehen müssen, haben sich verbindliche Zusagen regelrecht erkämpft. Sie führten einen Papierkrieg, schalteten die Medien, den Stadtrat und den Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz ein. Was sie den Verantwortlichen der Helvetia schliesslich bei einem emotional geführten Informationsgespräch im Dreispitz Anfang April als mündliches Versprechen abringen konnten, kam kurz vor Ostern schwarz auf weiss in ihre Briefkästen geflattert.

Das sind die Zugeständnisse
Ihnen wird die Kaution inklusive Zinsen schon vor dem Auszug ausgezahlt und ausserdem eine Monatsmiete erlassen. Sie erhielten die schriftliche Zusicherung, dass niemand, der kurzfristig eine Wohnung findet und auszieht, doppelt Miete zahlen muss. Schon vorher bekannt war, dass die Kündigung durch die Helvetia auf Ende August 2015 erfolgt, wobei die Frist von drei Monaten auf einen verkürzt wird und die Wohnungen bei der Abgabe nicht gereinigt werden müssen. Zudem werden am schwarzen Brett im Haus Informationen für die Wohnungssuchenden ausgehängt und ein Vormietrecht bei freiwerdenden Wohnungen in anderen Liegenschaften der Helvetia in der Region Kreuzlingen eingeräumt.

«So richtig happy sind wir nicht»
Die Mieterinnen und Mieter sind damit halb zufrieden. «Natürlich ist es ein Teilerfolg – auch wenn wir den Auszug nicht verhindern konnten», sagt beispielsweise Hans Aebi, der  mit seiner Frau in einer der Attikawohnungen lebt, welche komplett abgerissen werden sollen. Er war massgeblich an den Mieterprotesten beteiligt, hat sich aber, wie so viele im Haus, mit dem Unausweichlichen abgefunden. Sie werden eine Hausgemeinschaft verlassen müssen, die über mehrere Jahrzehnte zusammengewachsen ist. «Knapp über die Hälfte der Hausbewohner ist im Pensionsalter», weiss Aebi.

Die Helvetia hat das neunstöckige Haus, welches ursprünglich der gemeinnützigen Patria gehörte, durch Fusion erworben. Gebaut wurde es Anfang der 70er Jahre. Unter anderem wird es eine neue Fassade, dazu neue Balkone, Bäder und Küchen bekommen. Alle Elektroinstallationen samt Heizung und Wärmedämmung sowie alle Lifte werden ersetzt. Die Versicherung will glaubhaft machen: Rendite habe bei der Sanierung «nicht in erster Linie» den Ausschlag gegeben.

Versicherung = Immobilienhai?
Aber was dann? Das Wohl der Bewohner zum Beispiel. «Durch den Auszug entgehen diese Staub, Schadstoffen und Lärm. Und die Neukonzipierung macht die Wohnungen während der Bauarbeiten unbewohnbar», erklärt Helvetia Mediensprecher Hansjörg Ryser. Die Erneuerungen seien «zwingend notwendig, um die Substanz und den Wert der Liegenschaft zu erhalten.» Zudem sei man an Vorschriften und Gesetze gebunden. «Wir können gar nicht anders», rechtfertigt Ryser, «sanfte Sanierung wäre Pflästerlipolitik.»

Die höheren Mietpreise seien mit den bisherigen nicht vergleichbar, erklärt er. Die neuen Wohnungen seien schöner und heller. Bei der Festlegung der Mieten habe man sich am Markt orientiert, wobei auch die Sanierungskosten von rund 20 Millionen Franken berücksichtigt wurden. «Wir haben nicht erst auf Druck der Bewohner eine Informationsveranstaltung einberufen», betont Ryser. «Auf deren Wunsch hin haben wir sie sogar früher als geplant abgehalten. Ursprünglich wollten wir warten, bis die Baubewilligung erteilt ist.» Es entspreche schlicht dem üblichen Vorgehen, die Mieter frühzeitig und offen über solche einschneidenden Veränderungen zu informieren.
 
«Zückerli verteilt»
Dem widerspricht Hugo Wehrli vom Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz in allen Punkten. Er wirft der Versicherung vor, ihre Mieter bewusst über die Umbau-Pläne im Unklaren gelassen zu haben – weil sie so lange als möglich habe Miete kassieren wollen. Der Beweis: Die Geschäfte im Parterre wurden schon zu einem viel früheren Zeitpunkt informiert. Wehrli geht des Weiteren davon aus, dass eine sanfte Renovation möglich gewesen wäre. Dass die Wohnungen preiswert bleiben sollen, ist für ihn ein Lippenbekenntnis. «Das kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Für die meisten Menschen, die jetzt dort wohnen, werden die neuen Mieten nicht bezahlbar sein.»

Mit ihrer Informationspolitik habe die Helvetia «viel Geschirr zerschlagen». Jetzt versuche sie, ihren Ruf zu retten. «Dabei wird die Entschädigung kaum die Zügelkosten der Mieter decken können», weiss Wehrli. Heinz Herzog, Präsident des Mieterverbands, pflichtet ihm bei: «Die Helvetia verteilt Zückerli, grosszügig ist was anderes.»

Die Bachsträssler sind der Mieter-Organisation jedenfalls dankbar für ihre Hilfe. Ihre Medienmitteilungen und ein ausführlicher Artikel in der Verbandszeitschrift bewirkten viel, sagt Hans Aebi und ist sich sicher. «Ohne Druck von aussen hätte sich die Helvetia nicht bewegt.»

Er lobt ausserdem den Einsatz von Stadträtin Barbara Kern und Stadtammann Andreas Netzle. Es habe ein Meeting mit den Verantwortlichen der Helvetia gegeben. Das gedenke er auch in Zukunft zu tun, sollte es einen ähnlich gearteten Fall geben, so Stadtammann Netzle auf Anfrage: «Die Stadt bzw. die Bauverwaltung erfährt in der Regel erst mit dem Baugesuch von den Plänen. Wenn diese für die Mieter zu schwierigen Situationen führen, ist es dann meist zu spät, um auf die Vermieter Einfluss zu nehmen und zu vermitteln. Wie im Fall der Bachstrasse 17 werden wir dies aber trotzdem tun, sobald wir davon Kenntnis haben.»

Günstiger Wohnraum?
Angesichts dessen, dass 50 Mieter hinaus saniert werden, dürften Forderungen nach Massnahmen für den Erhalt von günstigem Wohnraum zukünftig auch in Kreuzlingen auf fruchtbareren Boden fallen als bisher. Ein Versuch in diese Richtung ist die geplante Wohnbaugenossenschaft. Zehn bis zwölf Wohnungen könnten auf einer städtischen Parzelle entstehen, das Land will die Stadt zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu stellen. Was gibt es hier Neues? «Wir haben noch bautechnische Abklärungen für die Machbarkeitsstudie zu treffen, bevor wir da einen Schritt weiter machen können», teilt Cyrill Huber, Initiator und SP-Ortspräsident, auf Anfrage mit.

Nur der Fust darf bleiben: Obwohl das Elektrogeschäft im Parterre einen kompletten Umbau über sich ergehen lassen muss, wird die Filiale zu keiner Zeit geschlossen sein, lässt das Unternehmen wissen.

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