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Historiker in der Klinik

Münsterlingen – Über die Medikamentenversuche des ehemaligen Direktors der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Roland Kuhn, ist eine öffentliche Diskussion entbrannt, die auch an der Jahresversammlung des Historischen Vereins des Kantons Thurgau fortgesetzt wurde.

Ein Fürsprecher Kuhns wies daraufhin, dass ohne dessen beruhigend wirkende Medikamente nicht 150 Patienten hätten in Katharinental untergebracht werden können, die in der überfüllten Klinik Münsterlingen keinen Platz fanden. Der Historische Verein, bemüht um aktuelle Themen, hielt seine von 120 Mitgliedern besuchte Jahresversammlung am Samstag, 3. Mai, im Gemeinschaftszentrum der Klinik Münsterlingen ab. Staatsarchivar André Salathé wurde als Präsident wiedergewählt.

Neue Vorstandsmitglieder
Neu in den Vorstand kommen der stellvertretende Staatsarchivar, Hannes Steiner, Frauenfeld, und Kantonsbibliothekar Bernhard Bertelmann, Arbon. Steiner wird Salathé als Präsident der Publikationskommission ablösen. Diese befasst sich mit der Reihe «Thurgauer Beiträge zur Geschichte», die seit der Vereinsgründung 1859 im Jahresrhythmus erscheinen.

Unter www.bodenseebibliotheken.de sind seit kurzem sämtliche Beiträge bis 2006 im Netz zu finden. Die nächsten «Beiträge» befassen sich mit den Geschichten der Thurgauer Hypothekenbak (Willi Loepfe)  und der Komturei Tobel (Verena Rothenbühler/Markus Brühlmeier).

Führung durchs Gelände
Der aktuelle Direktor Gerhard Dammann führte persönlich einen Teil der Teilnehmer durch das weitläufige Areal. Unter anderem zeigte er ihnen das ehemaligen Gästehaus des Klosters Münsterlingen von 1665. Darin wurde 1839 bei der Gründung des Kantonsspitals Münsterlingen die Irrenabteilung eingerichtet, aus der später die Psychiatrische Klinik hervorging. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand das klassizistische Pavillon-Ensemble, das dem Klinikareal einen schlossartigen Charakter verleiht. Verschiedene Teilnehmer besichtigten zum ersten Mal das Gelände, das bis 1980 nicht öffentlich zugänglich war.

Die älteren Psychiatriehistoriker beschrieben die Entwicklung der Psychiatrie als Fortschrittsgeschichte, wie die Zürcher Historikerin Marietta Meier in einem Kurzreferat darlegte. In dieser ersten Phase ging es um grosse Ärzte, die grosse Entdeckungen machten. So wurden die Verdienste Philippe Pinels gewürdigt, der während der französischen Revolution erstmals Geisteskranke von ihren Ketten befreite, und sie nicht mehr als gefährliche Wesen betrachtete, sondern als Patienten, die Hilfe brauchen.

In einer zweiten Phase wurde Psychiatriegeschichte als Geschichte der Sozialdisziplinierung geschrieben. Ein prägender Theoretiker war der französische Historiker Michel Foucault. Laut Klinikdirektor Dammann kannte Foucault die Klinik Münsterlingen, da er hier an Fachdiskussionen teilgenommen hatte. In der dritten Phase, ab etwa 1990, gilt Methodenpluralismus. Es wird versucht, der Komplexität der psychischen Störungen und der Komplexität der psychiatrischen Institutionen gerecht zu werden. «Psychiatriegeschichte kann heute nicht einfach Skandalgeschichte sein», erklärte die Referentin. Die Psychiatrie habe von der Gesellschaft die Doppelaufgabe erhalten, zu heilen und zu verwahren.

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