/// Rubrik: Topaktuell

«Meinungen bildet man sich immer selbst»

Kreuzlingen – Ramona Zülle ist die jüngste Gemeinderätin im Kreuzlinger Rat. Nach den ersten hundert Tagen im Amt wollten wir wissen, wie’s so läuft und haben mit der 21-Jährigen über ihre Ziele und ihren Ansporn gesprochen.

Um den Hals trägt Ramona Zülle einen Sheriffstern, das Geschenk eines guten Freundes, denn früher wollte sie immer Polizistin werden. (Bild: sb)

Um den Hals trägt Ramona Zülle einen Sheriffstern, das Geschenk eines guten Freundes, denn früher wollte sie immer Polizistin werden. ( Bild: sb)

In der laufenden Legislaturperiode nahmen bereits sieben Kreuzlinger Gemeinderäte ihren Hut. Dieses Wechselspiel kann ab und an eine erfrischende Verjüngungskur mit sich bringen. So geschehen im Fall von Ramona Zülle.

Bei den Wahlen im Jahr 2011 hatte sie, kaum erwachsen, mit einem sehr guten Ergebnis abgeschnitten: «Ich bekam die viertmeisten Stimmen von den Nichtgewählten, das hat mich schon überrascht», blickt sie zurück. Seit dem Rücktritt von Ernst Thoma auf Januar 2014 verstärkt sie nun die Reihen der CVP im Kreuzlinger Rathaus. Vier Sitzungen hat sie bislang miterlebt, im Mai die Fraktionsmeinung präsentiert. Dank der guten Unterstützung der Fraktion habe es nicht lange gedauert, bis sie sich im Stadtparlament zurechtgefunden habe: «Ich kann immer nachfragen, wenn es etwas gibt», lobt sie.

Das politische Geschäft wurde der jungen Frau dabei, so scheint es, in die Wiege gelegt: Sie ist die Tochter von CVP-Ortspräsident und Syna-Zentralsekretär Ernst Zülle. «Klar, bei uns wurde wohl immer etwas mehr über Politik gesprochen als in anderen Familien», sagt sie. Auch heute noch kann sie bei ihrem Vater jederzeit auf ein offenes Ohr zählen. Diskutiert werde aber «von Fraktionskollege zu Fraktionskollegin», wie die Gemeinderätin betont. «Wir bilden uns beide eine eigene Meinung und stimmen nicht immer gleich. Das Wahlcouvert habe ich meist schon abgeschickt, bevor er seines überhaupt gelesen hat.»

Dass sie damals zusagte, als zunächst die Jung-CVP und dann die CVP wegen ihrer Kandidatur anfragten, sei aber keinem Familienmitglied zu verdanken, sondern dem bekannten Kreuzlinger Politiker Christian Lohr. Mit Begeisterung erinnert sie sich daran, wie sie als Schülerin ein Referat des heutigen CVP-Nationalrats im Rathaus Weinfelden erleben durfte. «Für mich ist er ein grosses Vorbild», erzählt sie. «Wie Christian Lohr sein Leben und die politische Laufbahn trotz seiner Behinderung erfolgreich meistert, das inspiriert mich sehr.» Der Entscheid, in der Lokalpolitik etwas zu bewegen, sei dann nach der Lehrabschlussprüfung gefallen.

Jugend für Politik interessieren
Der Partei sei sie dabei dem Grundgedanken nach verbunden. Man müsse eine Sache aber immer selbst beurteilen und nicht in Parteileitlinien denken. «Es reizt mich, so nahe am Geschehen zu sein», beschreibt die junge Politikerin ihre Motivation. «So ist es möglich, das mitzugestalten, was ich selber benutze, wovon ich selber profitiere.» Das mache sich auch im Freundeskreis bemerkbar. Seit sie im Rampenlicht stehe, würden Medienberichte mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen, immer öfter gebe es interessante Diskussionen. «Ich will die Jugend zum Mitbestimmen anregen», erklärt Ramona Zülle.

Ein aufregendes Jahr kommt auf die junge Gemeinderätin zu. So stehen zunächst die Ersatzwahlen für den Stadtrat vor der Tür, bei denen ihr Vater für die CVP kandidiert (siehe Seite 4). Die Tochter will im Wahlkampf selbstverständlich aktiv mithelfen. Eine weitere anspruchsvolle Aufgabe wartet mit den bevorstehenden Abstimmungen zu Schwimmhalle und Boulevard im «heissen Herbst» auf sie.

Schwierige Entscheidungen
«Das Xentrum prägt das ganze Jahr», sagt Ramona Zülle. «Und es ist manchmal keine leichte Aufgabe, sich zu den verschiedenen Themen und Vorlagen eine Meinung zu bilden. Beispielsweise Schwimmhalle: Hier kommen hohe Kosten auf uns zu, allerdings erhält die Bevölkerung auch einen hohen Gegenwert.» So ist ihr Ja zur Schwimmhalle eines mit Hintergedanken. «Nur, wenn dadurch andere Bereich, beispielsweise Kultur, nicht leiden müssen.»

Das Amt macht viel Arbeit
Zu ihren Terminen gehören seit Januar auch die Fraktions- und Gemeinderatssitzungen sowie die Sitzungen der Einbürgerungskommission, zu ihren Pflichten das Studieren der Unterlagen. Bei all der Arbeit hat sie es sich zum Ziel gesetzt, ihre Lieblingsthemen nicht aus den Augen zu verlieren. «Verdichtetes Bauen» etwa sei ein solches Steckenpferd der Kurzrickenbacherin. «Ich geniesse den dörflichen Charakter hier, dass sich jeder kennt und grüsst. Trotzdem finde ich es wichtig, dass Kreuzlingern weiter wächst, deshalb ist das verdichtete Bauen nötig.»
Verbesserungspotential wittert sie beim Blick über die Grenze. «Die Kreuzlinger und Konstanzer Bevölkerung ist schon lange zusammengewachsen – die politischen Beziehungen hinken dem etwas hinter her.»

Als Präsidentin der Sektion Kreuzlingen der Gewerkschaft Syna hat sie ausserdem ein zweites Ehrenamt inne. Wie bringt sie das alles unter einen Hut? «Ich nehme mir die Zeit dafür gerne, weil ich es wichtig finde», sagt Ramona Zülle. «Ich möchte mich beweisen und dem Volk empfehlen.» Und noch ein weiteres Ziel hat sie sich definiert: «2015 hoffe ich auf eine Wiederwahl.»

Zur Person
Ramona Zülle arbeitet beim Betreibungsamt in Frauenfeld als Sachbearbeiterin Pfändungen. Neben ihrem Mandat als Gemeinderätin der CVP hat sie ein weiteres wichtiges Ehrenamt: Sie ist Präsidentin der Syna, Sektion Kreuzlingen. In ihrer Freizeit fährt sie Einrad oder schwitzt im Fitness-Studio. Ausserdem spielt sie Gitarre und Keyboard – und ist grosser Fan der Hardrocker «Guns N’Roses».

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