/// Rubrik: Stadtleben

«Abschied ohne Wehmut»

Kreuzlingen – Einer der Wortgewandtesten verabschiedet sich aus dem Kreuzlinger Stadtparlament. Seine Partei wird ihn schmerzlich vermissen. Im Interview blickt SP-Gemeinderat Walo Abegglen zurück auf überwiegend erfolgreiche 19 Jahre in der Kommunalpolitik. (Interview: Stefan Böker)

Da sind einige bekannte Gesichter dabei: Walo Abegglen zeigt einen Artikel mit den Köpfen der Parlamentarier, die mit ihm 1995 gewählt wurden. (Bild: sb)

Da sind einige bekannte Gesichter dabei: Walo Abegglen zeigt einen Artikel mit den Köpfen der Parlamentarier, die mit ihm 1995 gewählt wurden. (Bild: sb)

Herr Abegglen, Fraktionschef sind Sie schon länger nicht mehr, auch aus der Stadtbus-Kommission sind Sie raus. Kann man da vom schrittweisen Rückzug reden?
Walo Abegglen: Ja, denn ich wollte einen sauberen Schlussstrich ziehen. Im Grunde kommt mein Rücktritt vielleicht sogar ein Jahr zu spät.

Was veranlasste Sie zu dieser Entscheidung?
Die Gesamtauslastung durch Schule, Museum und Politik wurde mir schliesslich zu viel. Zuletzt blieb zu wenig Zeit für mich selbst. Ich weiss gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ein gutes Buch gelesen habe oder im Theater war.

Verständlich. Aber wenn ich an die letzte Gemeinderatssitzung zurückdenke, dann gibt das Stadtparlament manchmal einen recht guten Ersatz fürs Theater ab …
Das mag schon sein. Aber der Zeitaufwand wurde einfach zu gross. Es hat lange Zeit Freude bereitet, und ich bin auch niemals einer Illusion aufgesessen, was die Funktionsweise des politischen Systems betrifft. Aber ich habe auch einen gewissen Anspruch. Und dem konnte ich schon allein aus Zeitmangel nicht mehr gerecht werden. Das habe ich schon länger gespürt, deswegen ist es auch ein Abschied ohne Wehmut.

Einer, der im Gemeinderat stets mit Lust debattierte, hat also schlicht und einfach keine Lust mehr?
Ich spüre eine gewisse Sitzungsmüdigkeit. Es sind ja nicht nur die Gemeinderatssitzungen, hinzu kommen die Sitzungen der Kommissionen, die der Fraktion und der Partei. Eine hohe Sitzungslast. Es ist die Summe der Stunden im Verein mit allen anderen Komponenten, die mir zu viel geworden ist.

Zur Person:
Walo Abegglen ist 57 Jahre alt, studierte in Konstanz und lebt seit 34 Jahren in Kreuzlingen. Der begeisterte Sportler spielte früher Handball und war Gründungsmitglied vom Kreuzlinger Badminton-Plauschclub. Heute fährt er viel Velo, und das auch im Seeburgpark: Im Berufsleben ist der Lehrer an der Pädagogischen Maturitätsschule (PMS) zugleich Leiter des Seemuseums.  

Könnte es nicht auch an gewissen unendlichen Themen liegen?
Falls Sie auf immer wiederkehrende Debatten anspielen wie beispielsweise die über die Parkplatzbewirtschaftung: Das war etwas vom Ermüdendsten, was ich jemals erlebt habe. Oder das ständig neu erzählte Märchen von der angeblichen Entlastung, welche Bodensee-Thurtal- und Oberlandstrasse für Kreuzlingen bringen sollen – es wird über die Jahre nicht wahrer.

Aber deswegen der Politik ganz den Rücken kehren?
Ich schlage die Türen nicht ganz zu. Der SP bleibe ich weiterhin verbunden, allein schon wegen der vielen Freundschaften dort. Auch im Komitee für den Schutz des Seerückens bleibe ich aktiv. Aber Politik im institutionellen Sinne werde ich nicht mehr machen. Hier hat Kollege Jost Rüegg klar die Nase vorn.

Was werden Sie am Gemeinderat vermissen?
Die Fülle von guten Kontakten, von Einsichten, von Gesprächen, gerade auch überparteilicher Art. Der informelle Teil der Gemeinderatssitzungen in der Beiz war oftmals ent(spannender), eine Art grosser überparteilicher städtischer Stammtisch. Auch die lehrreichen und interessanten Erfahrungen in den Spezialkommissionen zähle ich dazu. Insgesamt hat mir die Zeit im Gemeinderat einen persönlichen, politischen und gesellschaftlichen Mehrwert gebracht.

Was zählen Sie zu Ihren grössten gemeinderätlichen Erfolgen?
Da wäre einmal das flächendeckende Tempo 30 in den Quartieren, oder die Einführung des Stadtbusses. Das war, glaube ich, vor zwölf Jahren. Auch, dass wir es mit Tatzen und Krallen geschafft haben, die Privatisierung der Technischen Betriebe Kreuzlingen (TBK) zu verhindern. Das hat meiner Meinung nach der «Energiestadt» Kreuzlingen den Weg geebnet. Ein jüngstes Beispiel wäre die Arbeitsgruppe Langsamverkehr, die auf Drängen der SP hin eingesetzt wurde.

Bleiben auch offene Baustellen zurück?
Unserer Meinung nach sollten Einbürgerungen vergleichbar und transparent ablaufen. Dies geschieht am besten, wenn die Entscheidungen der Exekutive und Verwaltung übertragen werden. Anläufe in diese Richtung scheiterten leider immer wieder.

In welche Richtung sollte sich Kreuzlingen weiterentwickeln?
Kreuzlingen und Konstanz müssen enger zusammenarbeiten. Ich habe diese Vision der Zwillingsstädte, mit dem Kristallisationspunkt Sport und Kultur. Ein überstädtisches Departement wäre da denkbar – aber das ist natürlich Zukunftsmusik. Allein ein städteübergreifendes Parlamentariertreffen auf die Beine zu stellen ist uns trotz mehrerer Versuche über die Jahre nur selten gelungen.

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