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Ein Anzug schlägt Wellen

Kreuzlingen/Konstanz – Einer in Konstanz geborenen Muslimin wurde vor einem Jahr der Zugang zum Konstanzer Schwaketenbad nicht gestattet, weil sie in einem Burkini baden gehen wollte und dies bisher nicht erlaubt war. Dabei handelt es sich um einen Ganzkörperanzug, nach einer Kombination aus «Burka» und «Bikini» benannt.

Burkini ist ein Kofferwort aus Burka (bzw. Body) und Bikini. (Bild: Giorgio Montersino, Milan, Italy/wikipedia)

Burkini ist ein Kofferwort aus Burka (bzw. Body) und Bikini. (Bild: Giorgio Montersino, Milan, Italy/wikipedia)

Ihre Drohung einer Klage gegen die Stadt veranlasste diese nun, die Badeordnung dahingehen ändern zu lassen, dass künftig «Ganzkörperbadeanzüge» erlaubt sein sollen. Der Gemeinderat beschloss dies vergangene Woche nach kurzer Diskussion mit grosser Mehrheit. Vor allem die türkischstämmige neue Gemeinderätin Zahide Sarikas, Stimmenkönigin der SPD bei den jüngsten Wahlen, wollte das bisherige Verbot beibehalten und argumentierte mit einer falschen Form von Toleranz. Mädchen würden niemals freiwillig einen Burkini tragen, sondern von ihren Eltern dazu gezwungen.

Die Befürworter einer neuen Regelung hingegen wiesen gerade auf den wichtigen Aspekt der Toleranz hin. Man wolle schliesslich niemanden von den öffentlichen Bädern ausschliessen. Die Stadt stützte sich in ihrem Beschlussantrag auf ein Gutachten des Kulturwissenschaftlers Dr. Özkan Ezli von der Universität Konstanz. Im Gegensatz zur Burka trenne der Burkini nicht, sondern verbinde. Denn der Fokus liege auf einer gemeinsamen Praxis, dem öffentlichen Schwimmen mit anderen.

Viel Kritik am Ratsbeschluss
Die Konstanzer Entscheidung erregt europaweit grosse Aufmerksamkeit und wird in sozialen Netzwerken heftig kritisiert. Vom «Untergang des Abendlandes» bis hin zur «schleichenden Islamisierung» Deutschlands ist hier die Rede. Viele fragen sich, ob sie denn künftig auch ihrem Lebensstil entsprechend mit Jeans , Trainingsanzug oder gar ohne Bekleidung baden gehen können – quasi als anderes Extrem. In Deutschland werde grenzenlose Toleranz geübt, während die Freiheit und Meinungsvielfalt in islamischen Ländern mit Füssen getreten werde.

Inwiefern die Diskussion bei den Kreuzlinger Verantwortlichen angekommen ist, ist nicht bekannt. Relevante Entscheidungsträger, wie etwa Schulpräsident Jürg Schenkel (Egelseebad), Ruedi Wolfender (Departement Freizeit) oder Jürg Schlatter (Genossenschaft Hörnli), weilen in den Ferien. Vom Chefbadmeister des Hörnli, Michael Sinkewitz, war immerhin zu erfahren, dass seine Badeordnung keine Vorschriften zu Ganzkörperbadeanzügen enthält. Eine Verwendung von Burkinis sieht er selbst kritisch, würde sie aber nicht verbieten.

Frage der Hygiene
Vor allem die Hygiene bereite ihm Sorgen, denn vielfach werde unter solchen Anzügen normale Unterwäsche getragen. «Ich kenne Bäder, die deshalb sogar bereits das Tragen von Badeshorts verboten haben.» Auch die Badeordnung des Egelsee schliesse gemäss Susanne Burgmer, Leiterin Finanzen bei der Schulbehörde, Burkinis nicht grundsätzlich aus, «sofern die Hygiene gewährleistet ist».

Doch was sagen die Kreuzlinger Muslime eigentlich selbst dazu? Trotz mehrerer Versuche war weder beim Türkisch-Islamischen Verein noch bei der Albanisch-Muslimischen Gemeinschaft jemand erreichbar. Der Leiterin der Fachstelle Integration, Zeljka Blank-Antakli, ist jedenfalls nicht bekannt, dass der Burkini in Kreuzlingen jemals Thema gewesen wäre. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, wie das Beispiel Konstanz zeigt.

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