/// Rubrik: Stadtleben

«Jetzt ist er nach Hause zurückgekehrt»

Kreuzlingen – Freunde des ertrunkenen Asylsuchenden können sich vorstellen, dass der Junge sich das Leben nehmen wollte.

An der Todesstelle am Parkufer weist ein Schild Schiffen den Weg. (Bild: sb)

An der Todesstelle am Parkufer weist ein Schild Schiffen den Weg. (Bild: sb)

Am vergangenen Wochenende hat ganz Kreuzlingen mit Gästen gefeiert. Dem ausgelassenen Fantastical-Wochenende vorausgegangen war indes ein tragischer Unfall: Am 1. August ertrank ein 17-Jähriger fast genau dort, wo sich eine Woche später 38’000 amüsierten. Jetzt sprachen Freunde des Jungen mit der KreuzlingerZeitung.

Die drei sind zwischen 17 und 22 Jahre alt und die Strapazen der letzten Tage, Wochen und Monate sind nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Sie stammen ebenfalls aus Afghanistan, einer sogar aus dem gleichen Dorf wie der Verstorbene. Was sie sagen, macht betroffen: «Entweder war er krank oder er beging Selbstmord. Wir können uns vorstellen, dass er sich das Leben nehmen wollte.» Der Jüngste sagt: «Ich habe mit ihm den Schlafraum geteilt und wir haben in der Woche vor seinem Tod öfter etwas zusammen unternommen.»

Dazu gehörten auch Ausflüge in den Seeburgpark. Am verhängnisvollen 1. August waren sie vor Ort. Dabei sei ihnen zuerst nicht bewusst gewesen, wie brenzlig die Situation war. «Er war ein guter Schwimmer und er hat nicht um Hilfe gerufen.»

Im Gegensatz zu seinen drei Freunden: Diese können sich eigenen Angaben zufolge nur unsicher im Wasser bewegen. Einer versuchte, dennoch, zum Kollegen zu schwimmen, der nicht mehr auftauchte. Die anderen machten panisch Passanten auf den Notfall aufmerksam. Diese alarmierten die Polizei. Die Hilflosigkeit muss fürchterlich gewesen sein: «Als sie unseren Freund bargen, ist er rund zehn Minuten unter Wasser gewesen», erinnern sie sich.

«Er hat viel durchgemacht»
Den Verstorbenen beschreiben sie als in sich gekehrt und still: «Er litt sehr darunter, von seinen Eltern getrennt zu leben und er hat viel durchgemacht.» Seit mindestens zwei Jahren habe sich ihr Freund auf der Flucht befunden, in Griechenland sei er 18 Monate in einem Gefängnis eingesperrt gewesen.

«Er hat selten gelacht und war sehr still. Wenn, dann hat er von seinen Problemen gesprochen. Seine Träume, eines Tages ein besseres Leben zu haben, hier arbeiten oder studieren zu können, waren geplatzt. Wie wir alle litt er darunter, dass unsere Anträge so lange liegen bleiben.»

Eltern wurden gefunden
Mittlerweile konnte das Bundesamt für Migration (BfM) die Eltern ausfindig machen. Der Leichnam wurde am Dienstag im Kreuzlinger Bestattungsamt abgeholt und wird nach Afghanistan überführt.

Die jungen Männer sagen, dass sie seither von Alpträumen geplagt werden. Vom BfM erhalten sie Unterstützung: «Mittels eines afghanischen Dolmetschers wurde das Gespräch gesucht. Darin wurde auch der Anteilnahme des BfM Ausdruck verliehen. Sie wurden darauf hingewiesen, das sie jederzeit psychologische Hilfe beanspruchen können», schreibt Mediensprecherin Léa Wertheimer.

Es kommt immer wieder vor, dass Flüchtlinge sich das Leben nehmen.  Laut der Medienstelle in Bern habe es im EVZ Kreuzlingen in diesem Jahr aber keine Selbstmordversuche gegeben.

Das Warten frustet sehr
Afghanische Flüchtlinge im EVZ beklagen sich, dass ihre Asylgesuche liegen bleiben. Was ist da dran? «Prioritär behandelt werden insbesondere Dublin-Fälle sowie Gesuche aus Ländern mit einer erfahrungsgemäss sehr tiefen Schutzquote (Asyl bzw. vorläufige Aufnahmen), bei welchen der Wegweisungsvollzug rasch durchführbar ist», schreibt das Bundesamt für Migration. Die Asylgesuche von afghanischen Staatsangehörigen fallen in der Regel nicht unter diese Kategorie der Priorität 1. Darum kann es vorkommen, dass deren Asylverfahren – wie auch diejenigen von Personen anderer Nationalitäten – mehrere Monate, teils länger als ein Jahr dauern.

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