/// Rubrik: Stadtleben

Wenn ein Blockhaus auf Reisen geht

Kreuzlingen – Das Gartenchalet an der Remisbergstrasse 34 wurde von Emil Bügler vor dem Abbruch gerettet. Jetzt befindet es sich – abgebaut und gut verpackt – auf dem Weg nach Barabas in Ostungarn. Dort soll es ukrainischen Kriegsflüchtlingen als neues Zuhause dienen.

V.l.: Emil Bügler, Fredi Schleier vom Verein Promot aus Chur und Pfarrer Peter Szeghljanik aus der Ukraine.(Bild: sb)

V.l.: Emil Bügler, Fredi Schleier vom Verein Promot aus Chur und Pfarrer Peter Szeghljanik aus der Ukraine. (Bild: sb)

Die vier Männer unterbrechen ihre Arbeit nicht. Sie haben ein Schlange gebildet, einer sitzt auf dem Dach, reicht die Ziegel nach unten, der Nächste gibt sie weiter. Der Letzte stapelt sie säuberlich auf der Ladefläche eines im Garten geparkten Mercedes Sprinter – denn die Dachziegel sind die besonders heiklen Teile beim Abbau des Holzhauses. Sie werden palettiert und in Chur zwischengelagert, bevor es mit dem LKW nach Ungarn geht.

«Die gesamten Arbeiten werden nur drei Tage in Anspruch nehmen», erzählt der ukrainische Pfarrer Peter Szeghljanik. «Wir sind sehr froh über diese Möglichkeit. Wir bauen es wieder auf für einen Mann, der vor dem Krieg in der Ukraine geflohen ist. Er  soll später mit seiner Frau und den zwei Kindern darin wohnen.» Das Holzhaus ist ungefähr zehn Jahre alt und war bis vor wenigen Jahren noch bewohnt. Innen im einstöckigen Gebäude sind Balken und Fenster mit blauen Markierungen versehen, die Türen sind schon abmontiert, Rohre liegen am Boden.
Keiner der mitgereisten Gemeindemitglieder hat eine Ausbildung als Zimmermann oder ähnliches, alle arbeiten ohne Lohn für die gute Sache, berichtet der Pfarrer zweier ukrainischer Gemeinenden nahe der ungarischen Grenze. «Bei uns lernst du, irgendwie alles zu können.»

Die Wiederverwertung des Blockhauses ist nur eines von vielen gemeinnützigen Projekten, das die Reformierte Kirche Unterkarpaten dort betreibt. Behindertenheime, Schulen und Aktionen für den Frieden, alles, wie Szeghljanik betont, ohne staatliche Unterstützung. «Angesichts der wirtschaftlichen Probleme sind wir es gewohnt, eng zusammenzurücken», sagt er. Auf dem Weg in die Schweiz konnte er noch andere Güter aufsammeln: Krankenbetten, Verbandsmaterial, Bettwäsche. Immer mehr Männer würden vor dem Krieg flüchten, sagt Szeghljanik.

«Ein schrecklicher Krieg mit unnötigen Opfern. Es wäre schön, wenn sich die Weltgemeinschaft nicht nur für wirtschaftliche Interessen, sondern für Menschenleben einsetzt.»

Gemeinsame Aktion
Beim Abbau mitgeholfen haben ausserdem Fredi Schleier und vier Männer vom Verein Promot aus Chur. Er und Pfarrer Szeghljanik kennen sich von früheren Aktionen. «Es ist wirklich schade, was hierzulande weggeworfen wird», sagt Schleier. Sein Verein organisiert deswegen den Export von brauchbaren Gütern – Fenstern, Türen, Küchen, Velos – in arme Länder des Ostens. Dort werden die Dinge wiederverwendet, in Armenküchen, Kinderheimen oder Sozialzentren. Jedes Jahr kommen mehrere hundert Tonnen Material zusammen. Manchmal eben auch ganze Häuser.

Den Kontakt zu Schleier stellte Emil Bügler von der Humanus Brocki her. «Ich finde es unglaublich, wie viel Häuser in Kreuzlingen einfach abgebrochen werden», erklärt dieser. Als er vom geplanten Abbriss des Holzhauses Wind bekam, habe er den Besitzer kontaktiert, die Häberlin AG aus Schaffhausen. «Das Blockhaus wurde uns dankenswerter Weise kostenlos überlassen.»

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