/// Rubrik: Stadtleben

Schönes Klassentreffen nach 60 Jahren

Kreuzlingen – In den Jahren 1951 bis 1954 besuchten sie die Sekundarschule, jetzt feierten die ehemaligen Schülerinnen und Schüler ein Wiedersehen: Sie trafen sich kürzlich zum Jubiläum ihrer Schulentlassung. Ein Bericht von Teilnehmer Otto Voegeli.

In diesem Jahr feiern wir ein wichtiges Jubiläum. Hat man uns doch genau vor 60 Jahren auf die Welt losgelassen. Ausgerüstet mit allem notwendigem Wissen und Können. Ich jedenfalls war gewappnet. Ich kannte die Hauptstädte etlicher Länder. Ich wusste die Jahreszahlen einiger Schlachten. Ich war informiert über das Liebesleben der Regenwürmer und Gänseblümchen. Ich konnte in akzentfreiem Thurgauer-Dialekt Französisch reden. Im Singen hatte ich gelernt, den Kiefer so bewegen, als ob ich Laute produzierte. Ich konnte Aktbilder von Blumenvasen zeichnen. Mit meiner Fähigkeit in Chemie fabrizierte ich Stinkbomben und mit meiner Begabung in Physik brannte ich die Haussicherungen durch. Ausserdem war ich sportlich geschult. Auf Kommando fügte ich mich zügig in eine Reihe, der Grösse nach geordnet! Dieses Talent kommt hier auch schön zum Ausdruck, im Klassenfoto von 1954.

Vor 60 Jahren. (Bild: zvg)

Vor 60 Jahren. (Bild: zvg)

1954 waren wir alle bereit Grosses zu vollbringen. Mit demselben Ziel starteten im gleichen Jahr auch das Schweizer Fernsehen, die REGA, Elvis Presley und der Jodlerklub «Farnbüelglöggli» im Emmental. Wäre es nicht faszinierend herauszufinden, welchen Schaden wir Sekundarschüler mit unserer Begabung, und all dem geballten Wissen und Können in den letzten 60 Jahren angerichtet haben? Diese Chance bot das 2014 Klassentreffen. Hier der Bericht:

Als Auftakt treffen wir uns zum Apéro in der «Alten Badi» beim Kreuzlinger Hafen. Gemeint ist natürlich nicht die alte «Alti Badi» wo wir früher ungewollt Wasser schluckten. Nein, dies ist die neue «Alti Badi» und hier schlucken wir jetzt das Wasser gewollt, allerdings vorgängig veredelt. Dazu gibt es köstliche Häppchen. Hier plätschern die Wellen an die gleiche Hafenmauer wie vor 60 Jahren. Hier hatte ich einmal stundenlang Würmer gebadet, ohne je einen Fisch zu fangen. Nach 50 Jahren in Amerika habe ich die Schulzeit so wahrhaftig vor Augen dass ich nun spontan versuche mit diesem Aufsatz meine Deutschnote zu verbessern.

Vermutlich geht es allen ähnlich. Jedenfalls werden viele Lebenserfahrungen und Schulanekdoten in gehobener Stimmung ausgetauscht. Aber genau wie damals – wenn man nicht Schlimmes denkt kommt eine Prüfung: das Gruppenbild. Die Gewitzten flüchten auf die Toilette. Wir andern stellen uns in geordnete Reihen.

Am Klassentreffen 2014. (Bild: Marian Oravec)

Am Klassentreffen 2014. (Bild: Marian Oravec)

Nun geht es mit dem Stadtbus per Extrafahrt zum Jubiläums-Essen im «Fohrenhölzli». Nach der Ankunft demonstrieren wir andern unsere Lernfähigkeit und verstecken uns unverzüglich im Schützenhaus. Hier amtierten wir seinerzeit am Schützenfest als «Warner» und bekamen dafür eine Bratwurst mit Süssmost und fünf Franken. Die Gewitzten brachten das Geld auf die Bank. Wir andern kauften Schleckwaren. Die Gewitzten kauften sich vom angewachsenen Kapital eine Villa mit See-Sicht und eine frühzeitige Pensionierung. Wir anderen suchen jetzt, wegen den Zahnarztrechnungen, diverse Nebenverdienste.

Heute wird im «Fohrenhölzli» nicht geschossen. Aus dem ehemaligen Estrich ist eine heimelige Besenbeiz geworden. Die schön dekorierte Gaststätte bietet Aussicht auf Kreuzlingen und auf die Schiessscheiben. Die Scheiben sind gross und somit auch ohne Brille klar erkennbar. Die Gewitzten sind eitel und besetzen die Schiessscheiben-Tische. Wir anderen starren, auch ohne Brille, auf das verschwommene Panorama von Kreuzlingen.

Doch nun zum Jubiläumsessen. Wegen schwindender Französischkompetenzen gibt es keine «Nouvelle Cuisine», sondern einen feinen Schwein & Rinds-Braten. Den kennen wir aus der Schulzeit und nehmen ihn furchtlos in Angriff. Der Wein beflügelt die Gespräche, aber da ruft schon die hauseigene Kuhglocke zum Dessert. Im Vorgarten erwartet uns ein Büffet mit köstlichen Kreationen. Obstbäume voller roten Äpfeln bilden den Hintergrund. Das ist Most-Indien im schönsten Kleid. Hätte ich während der Schulzeit Gesang anstatt Pantomime geübt, würde ich jetzt «Oh Thurgau du Heimat» anstimmen.

Heute wurde mir bewusst dass diese Treffen weit mehr bieten als zu ermitteln ob meine ehemalige Mitschülerin, die mir damals einen Korb gab, diesen gravierend Fehlentscheid nun eingesteht. Diese Treffen bieten auch eine Chance für persönliches Wachstum. Zum Beispiel in: Entscheidungskraft (Toiletten-Besuch vor oder nach der Busfahrt), Geistesgewandtheit (??? … das weiss ich doch, Vreneli, nur dein Nachname ist mir entfallen), Körperbeherrschung (die Kunst mit eingezogenem Bauch zu lächeln), Wissen (man lernt Vieles über Altersbeschwerden, manche davon sogar in noch unbekannten Körperteilen), Selbstwertgefühl (erstaunlich, wie übel der Zahn der Zeit an andern nagte, man jedoch selbst fast unversehrt geblieben ist. Dies ist sicher einem gottgefälligen Lebenswandel zu verdanken. Die Vermutung wird bestätigt wenn man vernimmt dass einige während den sechzig Jahren sogar noch schlimmeren Unfug getrieben haben als man selber.

Das schöne Erlebnis kann selbst der Sachschaden, durch die Kalorien angerichtet, nicht mindern. Das Erlebnis und den Sachschaden verdanken wir unserem Intendanten Hans Gubler. 2009 hatte er diese Treffen nach vierzehn Jahren Unterbruch wieder ins Leben gerufen. Leider tritt er, wegen seinem logistisch unvorteilhaften Wohnsitz jenseits der Alpen, nun zurück. Als Anerkennung für seine Initiative und Arbeit überreichen wir ihm eine Kollektion feiner Thurgauer Spezialitäten. Wir werden seine organisatorische Finesse vermissen. Er demonstriert sie auch jetzt. Als Nachfolger nominiert er nicht einen der Gewitzten, sondern jemanden, der zu langsam denkt, um eine Ausrede zu finden. Demzufolge rapportiere ich hier, als meine erste Amtshandlung: Auch der Jodlerklub «Farnbüelglöggli» hat in dieser Woche, wie wir, seine durch Begabung, Wissen und Können erzielten Erfolge gefeiert.

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