/// Rubrik: Stadtleben

20 Jahre Weissrussland-Projekt an der PMS

Kreuzlingen – Seit 1994 fördert die Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen angehende Lehrer aus Belarus.

Nach den traditionellen Weihnachtskonzerten in St. Ulrich hatte PMS Prorektorin Brigitte Pallmann allen Grund zufrieden zu sein. Zum einem legten die Schülerinnen und Schüler ein eindrückliches Zeugnis von der Qualität der Musikunterrichts ab, zum anderen spendeten die rund tausend Besucher an den beiden Tagen grosszügig für das Weissrussland-Projekt der PMS.

Ina Kryshtopik und Aksana Bubnova. (Bild: zvg)

Ina Kryshtopik und Aksana Bubnova. (Bild: zvg)

«Wir ermöglichen jedes Jahr zwei Gaststudierenden von der staatlichen Universität Brest ein Auslandssemester», sagt die Vorsitzende des Vereins «Belarus», der das Projekt leitet. «Das Geld wird nur für den Aufenthalt benutzt, also für Versicherungen, die Reisekosten und etwas Sackgeld.» Die jungen Leute wohnen für ein halbes Jahr kostenlos bei einer Gastfamilie, meistens bei Lehrern oder den Eltern von Schülern der PMS. Rund 10000 Franken muss der Verein pro Jahr aufbringen, um zwei Studierende in die Schweiz zu holen.

Leitbild zeigt den Weg
Die Motivation für diesen Aufwand ergibt sich aus dem Leitbild der Schule: interkulturelle Verständigung und die Auseinandersetzung mit fremden Lebens­ und Denkweisen sollen gefördert werden. Die Brester Universität wurde durch eine Begegnung vor zwanzig Jahren zum Partner der PMS. Sie bildet ebenfalls Lehrer aus, hatte aber lange Zeit für die Fächer Deutsch und Englisch keine muttersprachlichen Lehrkräfte. «Wir wollen jungen Weissrussen Aussenkontakte und Lernmöglichkeiten verschaffen», so Brigitte Pallmann. «Den Studierenden, die zu uns kommen, wäre es ohne das Projekt kaum möglich, einen Auslandaufenthalt zu finanzieren.» Jedes Jahr reist eine Delegation der PMS an die Universität nach Brest, um Kandidaten für das nächste Jahr zu prüfen. Die Studenten müssen sich bewerben und in einem Gespräch bewähren.

In diesem Jahr haben Ina Kryshtopik und Aksana Bubnova die Gelegenheit, die deutsche Sprache vor Ort zu üben und gleichzeitig Praktika als Sprachlehrer zu absolvieren. Beide studieren in Brest Deutsch im Hauptfach und Englisch im Nebenfach. Mitte nächsten Jahres sind sie fertig und können dann als Lehrerinnen arbeiten. «Ich vermisse meine Familie und meine Freunde», sagt die 21-jährige Aksana. «Aber ich lerne hier sehr viel.»

Ina würde am liebsten nach ein paar Wochen Ferien in Weissrussland wieder her kommen. «Die Zeit in Kreuzlingen vergeht unglaublich schnell», so die 23-Jährige. «Wir haben einen engen Stundenplan mit 13 Lektionen Deutsch und 7 Lektionen Englisch pro Woche. Ausserdem gehen wir mit unseren Mitschülern in die Allgemeine Didaktik, den Sportunterricht und die Fächer Psychologie/Pädagogik und Philosophie.» Auch die Landeskunde kommt nicht zu kurz. Die beiden jungen Frauen haben ein Generalabonnement bekommen und erkunden an den Wochenenden die ganze Schweiz.

Eigene Sprache
«Die Bedingungen an der PMS sind wirklich grossartig», lobt Aksana. «Wir werden zuhause überall erzählen, dass die Schweiz mehr bietet als Uhren, Käse und Schokolade.» Altstädte mit jahrhundertealten Kirchen seien in Weissrussland weitgehend zerstört, ergänzt Ina. Und auf einem Gletscher sei zuhause auch noch niemand gewesen. «Die höchste Erhebung in Belarus ist 345 Meter hoch.» Vor allem aber werden die angehenden Lehrerinnen ihre Erfahrungen mit dem Schweizerdeutsch weitergeben. «Auch wenn Deutsch bei uns nach Englisch die beliebteste Fremdsprache ist, weiss kaum jemand, dass Schweizerdeutsch eine eigene Sprache ist», so Aksana. Entsprechend schwierig waren für die beiden Gäste auch die ersten Tage in den Familien. «Man musste sich schon einhören, bis alles verständlich wurde. Aber jetzt können wir sogar ‚Chuchichästli’ aussprechen.»

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