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Wenn Schwalben Kummer machen

Ermatingen – Als die heruntergekommene Möbelfabrik in Ermatingen vor einigen Jahren renoviert wurde, entstanden schicke Lofts zum Wohnen und Arbeiten. Eine Schwalbenkolonie im gleichen Haus wollen die neuen Bewohner aber nicht dulden – obwohl die Vögel dort schon seit Jahren nisten.

Vorbildlich: Mit Kotbrettern schützt ein Nachbar des Seelofts seine Fassade vor Verschmutzung. (Bild: sb)

Vorbildlich: Mit Kotbrettern schützt ein Nachbar des Seelofts seine Fassade vor Verschmutzung. (Bild: sb)

Der Umbau der Möbelfabrik für teures Geld war und ist ein Ermatinger Vorzeigeprojekt. Nicht ganz so vorbildlich war hingegen, was kürzlich die Miteigentümerversammlung beschloss: In ihrem Auftrag musste ein Schädlingsbekämpfer rund 45 Schwalbennester am Gebäude zerstören. Damit die Tiere nicht zurückkehren, installierte er Plexiglasscheiben. Denn leider verschmutzten die gefiederten Freunde mit ihrem Kot Fassaden, Fenster und Böden.
Dennoch sind Schwalben geschützte Tiere. Die Mehlschwalbe, Tier des Jahres 2010, ist sogar auf der Roten Liste geführt. Augenzeugen zufolge nisteten die Tiere dort schon seit Jahren. Auch vor dem Umbau der Möbelfabrik nutzten sie den vor Feinden sicheren und in einem idealen Jagdgebiet gelegenen Nistplatz.

Im Frühjahr wird es die Tiere viel Energie kosten, neue Nistplätze zu finden. Dabei könnten Jungtiere auf der Strecke bleiben. Im schlimmsten Fall erlischt die ganze Kolonie, wenn nicht für Ersatz gesorgt wird. Deswegen setzen sich Organisationen wie die Vogelwarte Sempach oder der Thurgauer Vogelschutz für sanftere Lösungen in solchen Situationen ein: Kunstnester etwa oder ein Fassadenschutz mittels Kotbrettern.

Rückstände von Schwalbennestern an der Fassade des Seelofts. (Bild: sb)

Rückstände von Schwalbennestern an der Fassade des Seelofts. (Bild: sb)

Geschockte Reaktionen
Wie im Ermatinger Seeloft vorgegangen wurde, sei «aufs Schärfste zu verurteilen», schreibt denn auch Mathis Müller vom Vogelschutz. Stephanie Michler von der Vogelwarte nennt es «sehr besorgniserregend». «Grosses Bedauern» äussert Stefan Braun, Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Steckborn und Umgebung. Für «schlicht einen Skandal» hält es dagegen Nachbarin Jutta Skrabal. «Das ist, wie wenn Sie aus dem Urlaub kommen und Ihre Wohnung dem Erdboden gleichgemacht wurde.»

Und obwohl es laut Roman Kistler von der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung «eine unschöne und zu verurteilende Aktion» ist: Strafbar hat sich damit niemand gemacht. Ausserhalb der Brutzeit ist es erlaubt, Hand an Schwalbennester zu legen. Nur in Deutschland ist Gleiches verboten.

Mögliches Happy-End
Glücklicherweise wollen verschiedene Beteiligte prüfen, wie Ersatz für die zerstörten Nester zu schaffen ist. Beispielsweise durch einen Schwalbenbaum oder durch Kunstnester. Einfach ist das nicht: Denn die Gefahr besteht laut Experten, dass Schwalben eine neue Behausung nicht annehmen. Wenigstens verbleibt etwas Zeit zu handeln: Mit der Rückkehr der fliegenden Seeloft-Bewohner ist erst Mitte April zu rechnen.

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