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Auf der Seeseite der Kunst

Frauenfeld – Das Staatsarchiv des Kantons Thurgau zeigt vom 1. April bis 22. Mai 2015 die Ausstellung «Auf der Seeseite der Kunst. 175 Jahre Psychiatrische Klinik Münsterlingen». Sie beinhaltet Bilder von ehemaligen Patientinnen und Patienten, die von den Ärzten ermuntert wurden zu zeichnen und zu malen. Für die Psychiater waren die Bilder Forschungsgegenstände, für die Patientinnen und Patienten Ausdrucksmittel oder Zeitvertreib.

Ein Bild von Rose G. (Bild: zvg)

Ein Bild von Rose G. (Bild: zvg)

Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen besteht seit 1840 und ist eine der älteren Schweizer Kliniken. Phasenweise wurden in Münsterlingen einzelne Patientinnen und Patienten ermuntert zu zeichnen und zu malen. Vor allem durch die Ärzte Hermann Rorschach (1909–1913) und Roland Kuhn (1939–1980). Für die Psychiater selber waren die Bilder Forschungsgegenstände, für ihre Patientinnen und Patienten jedoch Ausdrucksmittel, Zeichen der Selbstbehauptung oder des Zeitvertreibs. Die Ausstellung des Staatsarchivs zeigt, in welchem Kontext die Werke entstanden und wie sie überliefert wurden. Und sie zeigt Werkgruppen von 16 Patientinnen und Patienten. Zur Ausstellung erschien im Chronos Verlag die gleichnamige Begleitpublikation, die zum Preis von 32 Franken beim Staatsarchiv erworben werden kann.

Patientenkunst oder Krankenakten?
Bei den Münsterlinger Werken handelt es sich ausnahmslos um Stücke, die seinerzeit den Krankengeschichten beigelegt wurden. Und selbst das «Abendmahl» von Eduard F. wurde im Klinikarchiv aufbewahrt. Handelt es sich um Krankenakten oder um Kunstwerke? Oder beides? Verschiedene Patientinnen und Patienten zeichneten und malten, andere schrieben; manche taten beides. Wieder andere formten Gegenstände, zum Beispiel aus Staniol. Oder sie sangen oder musizierten.

Das Buch zur Ausstellung:
Luchsinger, Katrin; Salathé, André; Dammann, Gerhard; Jagfeld, Monika (Hrsg.): Auf der Seeseite der Kunst. Werke aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, 1894–1960, Zürich: Chronos 2015.

Zeichnung-Plan-Franz-S.

Ein Plan, gezeichnet von Franz S. (Bild: zvg)

Kurzbiografien von Patientinnen und Patienten
Luise B. (1842–1920), Patientin 1887–1918
Luise B. war von Beruf Häfterin, sie verbrachte über 20 Jahre in der Klinik. Um 1910 wird in ihrer Krankenakte vermerkt, dass sie Figuren aus farbigem Papier ausschneide und dabei Sinn für Farbe und die Kombination von Form und Farbe zeige. Auch ihre Freude an dieser Tätigkeit wird erwähnt.

Jakob H. (1852–1896?), Patient 1873–1886
Nach einer entbehrungsreichen Jugend reiste Jakob H. von Colmar bis Genf und Graubünden durchs Land. Er fing schnell Streitigkeiten an und galt in der Klinik als gefährlich. Deshalb musste er die Zeit in seiner Zelle verbringen, wo er zu schreiben und zu zeichnen begann. Er berichtet über seine traurige Kindheit, erzählt mit Stolz von seinen Reisen und zeichnet Blumenmuster und dunkle Gesichter, die wie schwärzlich-grüne Monde auf dem Blatt stehen.

Otto Z. (1868–?), Patient zwischen 1900 und 1914
Der Buchhalter Otto Z. trat jeweils freiwillig in die Klinik ein, da er «so ein aufgeregtes Zeug» in sich verspüre. Er pflegte in seiner Phantasie eine innige telepathische Beziehung zu der taubblinden Helen Keller, die als eine der ersten ein Gebärdenalphabet benutzte und in Brailleschrift Bücher verfasste.

Fritz M. (1871–1939), Patient 1899–1900, 1912 und 1939
Der Landwirt Fritz M. hielt sich einmal für fünf, dann für drei Monate in der Klinik auf. Er zeichnete fein und aufwändig mit Grafitstift auf sorgsam gerahmte Blätter, wobei er möglicherweise eine Vorlage benutzte. Hermann Rorschach notierte, dass Fritz M. viel Geduld zeige.

Eduard F. (1875–1948), Patient 1911–1912 und 1916–1917
Hermann Rorschach analysierte das aussergewöhnliche Abendmahlsgemälde des Patienten Eduard F. 1913. F. war Flachmaler; in der Anstalt brachte er mystische Ideen über die Liebe Christi zum Ausdruck und erklärte, der liebliche Christus sei, wie seine Jünger, eigentlich ein Mädchen, deshalb die «Mädchenhaare». F. konnte bald entlassen werden, er gab die Kunstmalerei nie auf.

Rose G.-T. (1895–1960), Patientin 1933–1934 und 1936–1960
Die Mutter und Hausfrau Rose G.-T. war Epileptikerin. Sie wurde, wie um 1940 üblich, mit medizinischen «Schockkuren» behandelt, die ihrer Gesundheit jedoch schadeten. In Glückwunsch- und Neujahrskärtchen an ihre Kinder erfüllte sie ihre Mutterpflichten, so gut sie konnte. Sie war immer allein in der Zelle, machte Hausarbeiten, bastelte Körbchen und Puppen und zeichnete.

Franz Sch. (1898–1977), Patient 1929, 1932 und 1942–1977
Franz Sch. entwickelte eine Utopie in Form einer Stadt, in der Bildung, Kultur und Handel sich harmonisch ergänzen zu einem friedlichen paneuropäischen Leben. Er legte seine Gedanken in Zeichnungen und Schriften von hoher Abstraktion dar. 1951 weckten seine Pläne das Interesse des Münsterlinger Oberarztes und Daseinsanalytikers Roland Kuhn.

Emil K. (1906–?), Patient 1943–1944
Emil K. war Wanderarbeiter. Der Aufenthalt in der Anstalt bedeutete ihm einerseits Ruhe, ein Bett und warme Mahlzeiten. Anderseits mochte er sich nicht psychiatrisieren lassen. In humorvollen Gedichten an die Direktion drängte er «in die Freiheit». K. zeichnete Kirchen und Schlösser, Zeppeline und Eisenbahnen.

Hans G. (1923–1979), Patient 1941, 1943 und 1946–1948
Hans G. wuchs in einer Pflegefamilie auf und absolvierte eine Schneiderlehre, bis er unvermittelt begann, zu stehlen und der Arbeit fernzubleiben. Die Lehre beendete er schliesslich aus der Klinik. Die Motive, die G. zeichnete, sind entrückt, die Portraitierten in ihre eigene Welt versunken.

Karl H. (1924-1971), Patient 1941
Um 1940 herrschten enge Moralvorstellungen. Als der Schüler Karl H. entdeckte, dass er ein uneheliches Kind war, fühlte er sich gedemütigt und brannte sich Tätowierungen auf die Brust. Er war kurze Zeit interniert, darauf war er in Therapie bei Roland Kuhn. Dieser machte ihn mit Jeremias Gotthelf und Edgar Allan Poe bekannt. H. zeichnete düstere Stimmungen oder sarkastische Karikaturen für den «Nebelspalter».

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