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Neuanfang nach schwerem Abschied

Lengwil – Die Behinderteneinrichtung Ekkharthof hat eine schwierige Trennung vom Betriebsleiter des landwirtschaftlichen Bereichs hinter sich. Der Gutsbetrieb wird nun verpachtet. Ein motiviertes Pächterpaar freut sich auf seinen Neuanfang.

Die neuen Pächter auf dem Ekkharthof heissen Tamara und Jürg Hubacher. (Bild: zvg)

Die neuen Pächter auf dem Ekkharthof heissen Tamara und Jürg Hubacher. (Bild: zvg)

«Die Landwirtschaft ist unser Herzstück», erklärt Stephan Lauinger, Mitglied der Institutsleitung. «Seit über 40 Jahren gibt es diese Arbeitsmöglicheit für unsere betreuten Mitarbeitenden.» Schon die Ekkharthof-Gründerin Marti Hofer sei Gärtnerin gewesen. Seit mehr als 40 Jahren wurde dieser Bereich von Angestellten geführt. Auf März löste die Institutsleitung dieses Verhältnis jedoch auf. Gründe für den Wechsel vom Guts- in einen Pachtbetrieb gibt es laut Lauinger vor allem finanzielle.

Neue Struktur spart Geld
«Die Landwirtschaft war leider nie kostendeckend», erklärt der Leiter Tagesstruktur. «Denn Behinderteneinrichtungen erhalten eigentlich keine Direktzahlungen.» Mit der neuen Organisationsstruktur sei es möglich, ungefähr ein Fünftel des jährlichen Aufwands, rund 70000 Franken, über Subventionen zu erhalten. Zusätzlich entfallen die Lohnkosten, ebenso die Kosten für den Unterhalt. Auch die Zahlung der Pacht entlastet die Rechnung. Allerdings wird der Ekkharthof künftig Milch, Gemüse, Eier, Getreide, Süssmost, Tafelobst und Chicorée bezahlen müssen.

Denn die neuen Pächter Tamara und Jürg Hubacher arbeiten auf eigene Rechnung – mit dem Ekkharthof als bestem Kunden. Die Marke «Ekkharthof» – zu den eigenen Produkten gehören Tees, Gewürzmischungen oder Milch – soll weiterhin für regionale Qualität bürgen.
«Die Direktabnahme der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist vertraglich geregelt», erklärt Jürg Bregenzer, Vorsitzender der Institutionsleitung. Er spricht von einem Gesundungsprozess und findet: «Das unternehmerische Handeln der Betriebsleiter wird durch den Wechsel gestärkt.» Neben dem Ekkharthof gehören auch Unternehmen wie die Biotta AG zu den Kunden des landwirtschaftlichen Betriebs. 2014 nahm Biotta 50 Tonnen Randen ab.

«Wir schauen, dass wir wirtschaftlich arbeiten. Ansonsten wird der Arbeitsablauf angepasst», sagt Pächtersfrau Tamara Hubacher denn auch pragmatisch. Sie lernte ihren Mann auf einer Milchranch in Kanada kennen. «Zusammen auf dem eigenen Hof zu leben und zu arbeiten war immer unser Traum», freut sich die 30-Jährige und sieht der Selbstständigkeit voller Tatendrang entgegen. Der Schwerpunkt soll weiterhin auf der Milchwirtschaft liegen. Sie und ihr Mann sind begeisterte Reiter und haben ausserdem vor, Pferde in Pension zu nehmen. Damit sie auch dem agogischen Anspruch gerecht wird, holt Hubacher begleitend eine Ausbildung zur Arbeitsagogin nach. Jürg Hubacher hat einen Demeter-Kurs bereits absolviert.

«Im Grunde bleibt’s gleich»
Der soziale Auftrag und somit die Integration betreuter Menschen bleibt weiterhin Teil der Landwirtschaft auf dem Ekkharthof. In einer Kerngruppe arbeiten drei von 6 bis 18.30 Uhr auf dem Hof, ein zweites Team mit fünf Leuten unterstützt von 8 bis 17 Uhr. Auch für die Betreuten erwartet sich die Institutsleitung einen Vorteil von der Professionalisierung. «Vielleicht schaffen es einige dann sogar in den ersten Arbeitsmarkt», hofft Stephan Lauinger. «Wir verkaufen schliesslich Entwicklung.»

Der Ablöseprozess vom alten Betreibsleiter indes war hart, erzählen die Verantwortlichen. «Nicht nur die Betreuten hat das mitgenommen, auch die Tiere», erzählt Institutsleiter Bregenzer. Der Stress der Übergangszeit habe bei den Milchkühen eine durch Bakterien hervorgerufene Entzündung der Euter verursacht – der Tierarzt musste kommen.

Unverständliche Entscheidung
Hans-Peter Blaser und seine Frau Katharina Grädel lebten 17 Jahre lang auf dem Gutsbetrieb und zogen hier drei Kinder gross. Dabei arbeiteten sie immer eng mit den Menschen zusammen. «Wir verstehen bis heute nicht, warum unsere Bewerbung als Pächterehepaar nicht angenommen wurde», sagt Grädel. Vier weitere Bewerbungen seien eingegangen. Sie und ihr Mann hätten die ausgeschriebenen Qualifikationen ihrer Meinung nach am Besten erfüllt. «Die Entscheidung ist nicht nachvollziehbar. Uns wurde der Boden unter den Füssen weggerissen», sagt die Landwirtin und Sozialpädagogin.

Nach schwierigem Abschied steht aber auch die Bauernfamilie vor einem Neuanfang. «Mit neuem Elan machen wir jetzt auf einem Hof im Zürcher Oberland weiter.»

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