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Geborgenheit, Integration und Selbständigkeit

Kreuzlingen – Eigentlich hält Remo Largo gar keine öffentlichen Vorträge mehr. Für die Rudolf Steiner Schule Kreuzlingen machte der Kinderarzt und Entwicklungsspezialist am 18. März im Rahmen des Programms «Elternschule» aber eine Ausnahme. (Alexander Görres)

Rappelvoll war der Saal, als Remo Largo seinen Vortrag zur Pubertät und den damit verbunden Problemen hielt. (Bild: zvg)

Rappelvoll war der Saal, als Remo Largo seinen Vortrag zur Pubertät und den damit verbunden Problemen hielt. (Bild: zvg)

Er lockte damit so viele Zuhörer in den grossen Saal der Schule, dass die Veranstalter für den Vortrag «Pubertät – Zeit der Verunsicherung» kurzfristig einen weiteren Saal per Live-Übertragung zuschalten mussten.

Jugendliche im Wandel
Etwa 350 Eltern suchten Rat für die Zeit der Verunsicherung, mindestens so verunsichert wie die Erwachsenen seien nach Remo Largo aber auch die Jugendlichen, die sich auf drei wesentlichen Gebieten neu orientieren müssten: Die Integration in die Gesellschaft bewältigen, dabei selbstständig werden und trotz Ablösung von den Eltern immer noch ein Gefühl von Geborgenheit behalten.

«Wenn in der Entwicklung von Jugendlichen etwas schief läuft, dann so gut wie immer in einem der drei Felder oder sogar in mehreren davon.» So gebe es nichts Schlimmeres für Jugendliche, als alleine zu sein. Eltern sollen den Kindern eine Grundgeborgenheit vermitteln, zeigen, dass sie immer ein offenes Ohr und offene Türen haben, aber dies könne die Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen nie ersetzen und das Selbstständig werden auch nur stützen.

Eigener Entwicklungsstand
Das Kinder auf diesen und anderen Feldern jedoch alle einen eigenen Entwicklungsstand haben, mache die Sache für Schulen nicht einfacher, meint der Autor von Büchern wie «Jugendjahre» und «Schuljahre».

Sechs Jahre Unterschied
Die Spannbreite der Entwicklung umfasse Unterschiede von bis zu sechs Jahren. «Die Steiner Schulen sind da eine Ausnahme und tragen dem Rechnung, andere Schulen tun sich noch eher schwer damit», so Remo Largo. Bei auftretender Schulmüdigkeit, ein Phänomen, dass bei Kindern zwischen 13 und 16 auftreten kann, empfiehlt der Experte ein verringertes Schulpensum mit begleitenden berufsnahen Projekten. Das irritiere Eltern meist, aber die Zeit sei dann in der Schule verschwendet.

Statt sich Sorgen um die Chance auf die Matura zu machen, sollten Eltern doch lieber die Kinder ihren eigenen Weg gehen lassen. Die Schweiz biete über das duale System eine Durchlässigkeit, über die man auch später noch alles erlernen könne, wie Remo Largo anhand von Beispielen aus seinem näheren Umfeld anschaulich belegt. «Eltern üben manchmal solchen Druck aus, dass wir in den Mittelschulen oft Kinder haben, die da gar nicht hinpassen.» Sobald die Förderung und Begleitung ausbliebe, die das Kind in diesen Bereich geführt habe, käme das Kind nicht mehr zurecht und fühle sich auch gar nicht wohl.

Unbequemer Standpunkt
Remo Largo vertritt diesen, für eine Leistungsgesellschaft, unbequemen Standpunkt energisch und verweist auf die grosse Mehrheit der Jugendlichen, die unbeschadet ihre «Zeit der Verunsicherung» überstehen – wenn wir sie nur lassen.

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