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Den Tod überlebt

Region – Die Diagnose HIV positiv und die daraus entstehende Immunschwächekrankheit Aids galt früher als sicheres Todesurteil. Wie sich der Umgang mit der Krankheit über die Jahre verändert hat, berichtet eine Überlebende.

Die damals Drogenabhängige versuchte die Folgen der Aids-Krankheit mit Teekuren und Esoterik zu bekämpfen. Als sie kurz vor dem Erblinden stand, musste sie über 30 Tabletten pro Tag schlucken. Heute reichen acht, um zu überleben. (Bild: ek)

Die damals Drogenabhängige versuchte die Folgen der Aids-Krankheit mit Teekuren und Esoterik zu bekämpfen. Als sie kurz vor dem Erblinden stand, musste sie über 30 Tabletten pro Tag schlucken. Heute reichen acht, um zu überleben. (Bild: ek)

Celinda Baumgartner (Name geändert) erwartet mich mit einem Lächeln vor ihrem abgeschiedenen Bauernhaus. Ihre Haltung ist gebückt, sie zieht ihr Bein beim Laufen nach, dennoch strahlt sie Lebensfreude aus. Nur die Hände zittern bei ihren Ausführungen über ihr bewegtes Leben. «Das sind nur meine Nerven, sonst nichts», beruhigt sie mich. Betäubungsmitteln habe sie vor langer Zeit schon abgeschworen, seit Jahrzehnten hat sie keinen Tropfen Alkohol angerührt, noch Zigaretten oder harte Drogen konsumiert. Denn ihr Leben, das so exzessiv begann, nahm durch die Diagnose HIV positiv eine jähe Wendung.

Kurze Kindheit
Mit zwölf hatte sie den ersten Vollrausch, über ältere Kollegen rutschte sie in die Drogen ab, bis sie mit 15 an der Nadel hing. «Eigentlich hatte ich keine schlechte Kindheit, nur zu viele Freiheiten. Niemand passte auf mich auf, also konnte ich tun und lassen was ich wollte», blickt die Thurgauerin zurück. Mit 17 geriet sie in einen schweren Autounfall und ist seither halbseitig gelähmt. Mehrere Blutgerinsel im Gehirn verunmöglichten ihr über Monate zu sprechen und zu laufen. Von ihrem zerstörerischen Lebensstil abhalten konnte sie das Unglück jedoch nicht. Die lebenslustige junge Frau zog es nach Zürich und in die offene Drogenszene auf den Platzspitz. Mit 20 arbeitete sie als Au-Pair und war mit einem Abhängigen zusammen. «Wir wussten, dass er mit HIV infiziert war, gestört hat uns das damals nicht», sagt sie. Ob sie sich über eine geteilte Spritze mit dem Virus ansteckte oder durch den Geschlechtsverkehr kann sie  im Nachhinein nicht mehr sagen.

Für Schwule und Drogis
Über Aids wusste man 1984 nicht viel, ausser das die Krankheit anscheinend aus Amerika kam. Die Devise auf dem Platzspitz lautete damals: solange du keine Flecken hast, hast du auch kein Aids. «Wir rieben unsere Nadeln an Zündholzschachteln, um sie wieder scharf zu kriegen», beschreibt sie die Zustände in der offenen Drogenszene. Süchtige gingen auch auf den Strich, um Geld für Stoff zu besorgen. «Den Freiern war es egal, ob die Prostituierten HIV hatten. Sie wollten trotzdem keinen Gummi benutzen», erinnert sie sich. Die gängige Meinung war, das nur Schwule und Drogensüchtige sich infizierten. Doch die fremdgehenden Ehemänner steckten schon bald ihre Frau zuhause an.

Freunde wandten sich ab
1989 jobte die zierliche Ostschweizerin mal als Magenbrotverkäuferin, mal als Putzkraft und beschloss mit ihrem neuen Freund Kinder zu kriegen. Dafür liessen sie sich testen und erhielt mit 24 Jahren die Diagnose HIV positiv. «Nicht einmal der Doktor wusste, wie lang ich noch zu leben habe. Das Resultat zog mir völlig den Boden unter den Füssen weg.» Die Junge Frau wollte eigentlich den Partner fürs Leben finden und unter Leuten sein. Doch durch die Diagnose verlor sie ihren Freund, Kollegen wandten sich von ihr ab. Einzig bei Aids-Hilfswerken fand sie Anschluss.

Konnte immer «schlüfen»
Diese waren mehr eine moralische Unterstützung, denn Medikamente gab es anfangs noch keine. Die Heroinabhänige probierte alles aus, um die tödliche Krankheit loszuwerden: Wahrsager, Handauflegen, Körpermassagen und Teekuren. Auch von den Drogen versuchte sie sich immer wieder zu lösen, was ihr erst zehn Jahre später vollständig gelang. Geholfen hat alles nichts, die Krankheit nahm ihren Lauf und schwächte ihr Immunsystem. Im Durchschnitt sorgen bei einem Erwachsenen rund 1400 T4-Helferzellen pro Mikroliter Blut für eine intakte Abwehr vor Krankheiten. Bei der Erkrankten sank dieser Wert auf 17 Helferzellen. «Jemand musste mich anhusten, und ich hatte am nächsten Tag eine Lungenentzündung.» Sie durchlief unzählige Krankheiten, von Pilzbefall der Speiseröhre über Gürtelrosen bis hin zu Gebärmutterhalskrebs – überlebte jedoch alles. Positive Freunde und Bekannte aus der Drogenszene starben, sie konnte jedoch immer «schlüfen». «Zeitweise ging ich wöchentlich zu einer Beerdigung», sagt die ehemalige Fixerin.

«Ab zum Teufel»-Behandlung
Grund dafür war 1987 auch das erste gegen Aids wirksame Medikament AZT. Es wurde in viel zu hohen Dosen verschrieben und führte zu heftigen Nebenwirkungen. «Viele Positive gingen wegen diesem Medikament ein», erinnert sich die vom Leben gebeutelte Frau. Sie versuchte es weiterhin mit der Esoterik, bis eine Augeninfektion sie an den Rand des Erblindens brachte. Da schrieb man bereits das Jahr 1996, das Medikament Crixivan war auf dem Markt und die mittlerweile zu Gott gefundene fing an, 32 Tabletten pro Tag zu schlucken. «Zwei Jahre lang ging es mir hundeelend, aber meine Helferzellen stiegen wieder.» Erst 1998 wurde ihr eine Dreierkombination an Medikamenten verschrieben, welche der HIV-Vermehrung wirksam Einhalt gebot. Auch heute noch verfolgt sie diese Therapie, und liegt mit 1500 T4-Helferzellen pro Mikroliter Blut sogar über dem Durchschnitt. «Vergangenen Winter hatte ich nicht einmal eine Grippe», sagt sie lächelnd, während ihr leidgeplagter Körper vor Stolz die Brust anschwellt.

Durch HIV überlebt
Als sie vor 26 Jahren die Diagnose HIV positiv erhielt, lag ihre Lebenserwartung bei wenigen Monaten. Vergangenes Jahr durfte sie ihren 50. Geburtstag feiern. «Ich hatte einen starken Willen und unglaubliches Glück», sagt die Überlebende. Sie ist überzeugt, dass sie ohne die Krankheit viel früher schon an ihrer Drogensucht zu Grunde gegangen wäre. «Die Krankheit gab mir einen neuen Lebenswillen und lehrte mich, Kleinigkeiten im Leben zu schätzen», so die ehemals Abhängige. Gleichzeitig setzte sich stark in der Aids-Hilfe ein, gründete ein Heim und organisierte Lager, was ihr eine Aufgabe im Leben gab. Dadurch konnte sie auch immer offen über ihre Immunschwächekrankheit mit anderen Menschen sprechen. «Die Psyche ist total wichtig bei solch einem Leiden. Wenn man mit niemandem sprechen kann, nagt das zusätzlich am Körper», sagt sie. Die Akzeptanz gegenüber AIDS-Kranken habe sich über die Jahre zwar gebessert, ihrem Arbeitgeber oder Ämtern würde sie die Krankheit dennoch verschweigen. «Zu oft habe ich schon miterlebt, wie Positive ihren Job verloren oder schlecht behandelt wurden.»

Selbsthilfegruppe gründen
Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind im Thurgau 395 Personen mit HIV infiziert, 125 davon leiden an Aids. Um diesen Personen eine Anlaufstelle für Gespräche zu geben, plant Baumgartner mit einer Kollegin eine neue Selbsthilfegruppe zu gründen. Angesprochen sind alle HIV positiven Frauen, ungeachtet Alter, Religion, Herkunft und kultureller Zugehörigkeit. Die Teilnehmerinnen sollten den Wunsch verspüren, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und dadurch Zugang zu Informationen zu bekommen. Mit der Gruppe will die vom Leben gezeichnete Baumgartner Betroffenen Mut geben – auch sich selbst.

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