/// Rubrik: Stadtleben

Leerstand ohne Stillstand

Kreuzlingen – Die Steuereinnahmen durch juristische Personen steigen stetig in Kreuzlingen. Ein Zeichen, dass die Kreuzlinger Wirtschaft floriert. Nur eine Branche schwächelt: der Detailhandel. Leerstehende Schaufenster und Gewerbeflächen zeugen davon. Gewerbe und Gemeinde versuchen Gegensteuer zu geben, doch die Sachlage ist komplex.

«Nicht selber schlecht reden», sagt Stadtpräsident Andreas Netzle.(Bilder: ek)

«Nicht selber schlecht reden», sagt Stadtpräsident Andreas Netzle. (Bilder: ek)

Egal ob Löwen-, Konstanzer- oder Hauptstrasse: Überall an den Kreuzlinger Einkaufsstrassen lassen sich leere Schaufensterfronten und Plakate mit dem Vermerk «zu vermieten» finden. Es herrscht keine Endzeitstimmung, doch die Laune bei den Ladenbesitzern ist getrübt, die geringe Laufkundschaft schlägt sich nicht nur in der abendlichen Abrechnung, sondern auch aufs Gemüt nieder. Flaniert man über den Boulevard, ist man zwar nie alleine, doch nur die wenigsten der Passanten schlendern von Laden zu Laden, informieren sich in der Auslage über das Angebot oder gehen sogar ins Geschäft. Viel eher herrscht ein zielgerichtetes Treiben, bei dem jeder seiner Tätigkeit nachgeht.

Ein Umstand, welchen viele erkannt haben und versuchen, dagegen zu halten. Eine von ihnen ist Silvia Cornel, Geschäftsinhaberin von Cornels Reisebar und Vorstandsmitglied im Gewerbeverein Kreuzlingen. Vor rund einem halben Jahr rief sie die Bevölkerung dazu auf, ihre Ideen zur Belebung des Gewerbes mitzuteilen. Gleichzeitig fing auch die Stadt Kreuzlingen an, die Situation genauer unter die Lupe zu nehmen. Mittlerweile haben sich drei Arbeitsgruppen gebildet, welche versuchen der Problematik auf den Grund zu kommen und Gegenmassnahmen zu finden. Eine beschäftigt sich mit der Attraktivitätssteigerung des Zentrums, eine zweite beleuchtet die Parkierungssituation und Stadtpräsident Andreas Netzle hat sich neuer Nutzungsstrategien von Gewerbeflächen verschrieben.

Euro und Internet
Netzle hat zwei Hauptgründe für die serbelnden Läden lokalisiert: «Zum einen ist der schwache Euro für uns als Grenzstadt schwer zu verkraften, zum anderen nimmt der Internethandel dem klassischen Handel die Kundschaft weg.» Faktoren, welche auf regionaler Ebene nicht zu bekämpfen sind. Die Hände in den Schoss legen will Netzle dennoch nicht:
«Wir fühlen als Gemeinde eine moralische Verpflichtung, das Gewerbe zu unterstützen, so wie wir es bei jeder Wirtschaftsbranche versuchen würden.» Doch bewegt er sich dabei auf Glatteis, denn einer Übervorteilung oder Benachteiligung gewisser Läden ist dabei praktisch vorprogrammiert. Einen direkten Eingriff in den Markt, wie z.B. das Zahlen von Mieten, hält er deshalb für den falschen Weg. Viel eher sieht er die Gemeinde als Brückenbauer und Vermittler für neue Ideen. So kommen in den Arbeitsgruppen Gewerbler, Immobilienfachleute und Marketingexperten zusammen, um sich auszutauschen. Konkrete Beschlüsse oder Massnahmen gibt es zurzeit jedoch noch keine. «Das braucht Zeit. Momentan sind wir damit beschäftigt, Grundlagendaten zum Ladenleerstand oder den Frequenzen zu sammeln», so Netzle.

Lethargische Bevölkerung

Siegfried Soya, Inhaber der Weinhandlung Sideways. (Bild: ek)

Siegfried Soya, Inhaber der Weinhandlung Sideways. (Bild: ek)

Gegenüber vom Stadthaus räkeln sich einige Gäste vor der Weinhandlung Sideways. Inhaber Siegfried Soya brüht gerade einen Espresso auf, wirklich warm mit der aktuellen Situation in Kreuzlingen wird er jedoch nicht. Im Februar begann er damit, über Mittag Suppen zu günstigen Preisen auszugeben. Mittlerweile hat er diese Idee wieder aufgegeben. Danach kamen Champagneraktionen, Espressos für 1,50 Franken oder wechselnde Häppchen. Gäste hatte er dabei meist von weiter weg, die Kreuzlinger Bevölkerung macht sich rar im Sideways. «Die Passanten scheinen wie mit Scheuklappen über den Boulevard zu gehen», sagt Soya. Der Euphorie aus der Anfangszeit ist Lustlosigkeit gewichen. Er bemängelt vor allem die Lethargie der Kreuzlinger Bevölkerung. «Viele beklagen, dass es wenig Läden gibt, gehen aber dennoch nach Konstanz einkaufen. Aber wenn man etwas lieb hat und erhalten möchte, muss man diese Angebote auch nutzen», meint Soya. Sollte die Laufkundschaft auch in Zukunft gleich spärlich reinschauen, wirft er nächstes Jahr das Espressosieb hin.

Auch Andreas Netzle sieht die Kreuzlinger Bevölkerung in der Verantwortung. «Wenn wir unsere Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze erhalten wollen, müssen wir etwas dafür tun. Wir haben höhere Preise, aber auch höhere Löhne als im Ausland.» Gleichzeitig sucht er jedoch nach Möglichkeiten, die Frequenzen auf den Kreuzlinger Einkaufsstrassen zu steigern. Vor einigen Jahren habe er versucht, eine Nespresso Boutique am Boulevard anzusiedeln. Ein Unikum in der Region, welches vielleicht sogar Konstanzer Kunden über die Grenze gelockt hätte. «Doch die Marktanalyse von Nestle ergab, dass zu wenig Laufkundschaft vorhanden sei», sagt Netzle. Ein Teufelskreis also: Markenführer, welche die Frequenzen steigern könnten, wollen kein Risiko eingehen und bestehende Läden strahlen nicht die nötige Anziehungskraft aus, um auf den gewünschten Passantenlevel zu kommen. Dennoch sieht Netzle Potential für Nischenprodukte und Spezialitäten, welche eine Eigendynamik entwickeln könnten.

Made in Switzerland
Richtig Schweizerische Nischenprodukte bietet Tobias Müller an. Er ist Geschäftsinhaber des Edelweissladens, welcher Schweizer Markenprodukten wie Wenger, Victorinox und Caran D’ache verkauft. Paradoxerweise kann er die Ladenlokalitäten am Boulevard nur durch seinen Onlinehandel finanzieren. «Klar kommen ab und zu Touristen vorbei oder Reisende nehmen Geschenke ins Ausland mit», sagt Müller. Doch sei seine Laufkundschaft praktisch inexistent, da könnten seine Waren noch so exklusiv sein. So sei er auch indirekt von der Euroschwäche betroffen, denn wenn die Kunden in den benachbarten Läden ausbleiben, entdecken diese seinen Laden auch nicht.

«Tot ist es nicht»
«Bei allen äusserlichen Faktoren müssen wir aufpassen, dass wir uns selbst nicht schlecht reden», gibt Netzle zu bedenken. Auch die nationale Berichterstattung über die Grenzsituation sei sehr einseitig. Auf Kreuzlinger Seite nichs los und in Konstanz ist das Einkaufsparadies, sei der gängige journalistische Handgriff. «Die Realität sieht anders aus,  denn tot ist es bei uns nicht», gibt sich Netzle kämpferisch. Auf eine Insolvenz kommen in Kreuzlingen zwei Firmenneugründungen. Nur seien die leerstehenden Ladenflächen halt sehr augenscheinlich.

Rundumservice
Oft wird als Gegenmassnahme auch der gute Schweizer Service und die Beratung ins Feld geführt. Ein Argument, welche viele Ladenbesitzer nicht mehr hören können. Eine Geschäftsführerin eines Kleiderladens macht damit aber seit jeher gute Erfahrungen. «Ich habe eine treue Stammkundschaft, welche den angebotenen Vollservice sehr zu schätzen weiss», erzählt sie. Eine Beratung, welche man in Konstanz in den Massen der Einkaufstouristen vergebens sucht. «Da kann man ewigs im Laden stehen, ohne vom Personal angesprochen zu werden», beobachtet sie.

Den Ladenmix an den Einkaufsstrassen zu erweitern, wäre sicher wünschenswert und würde auch mehr Laufkundschaft bringen. Allzu theoretisch dürfte die Problematik aber nicht angepackt werden, viel eher sollte man sich in die Kunden hineinversetzen. «Diese kaufen in Kreuzlingen ein, weil es unkompliziert ist, man vor dem Laden parken kann und das Personal kennt», ist sie sich sicher.

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