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Kahlschlag und wie weiter?

Konstanz/Kreuzlingen – Stadtverwaltung Konstanz, Baumexperten, Verbände, die Bürgerinitiative und Bürger äusserten sich am Montagabend zur Lage und zum weiteren Vorgehen nach den Baumfällungen im Tägermoos.

Nur noch grosse Baumstümpfe zeugen nach den Fällungen im Februar von der Pappelallee am Seerhein. (Bild: archiv)

Nur noch grosse Baumstümpfe zeugen nach den Fällungen im Februar von der Pappelallee am Seerhein. (Bild: archiv)

Zahlreiche Interessierte besuchten am Montagabend die Informationsveranstaltung der Stadtverwaltung zum Konzept «Rheinweg Tägermoos 2050» im Unteren Konzilsaal. Vier Stunden lang informierten sie sich über Analysen und Empfehlungen zur Pappelallee im Tägermoos und diskutierten die aktuelle Situation und das weitere Vorgehen. Zuvor hatten sich viele bei einem Ortstermin mit den Baumexperten Dr. Christian Rabe und Fabian Dietrich ein Bild über die Lage gemacht.

Zu Beginn informierte Oberbürgermeister Uli Burchardt über das von der Verwaltung beschlossene Moratorium. Zunächst sollen in einem Konzept «Rheinweg Tägermoos 2050» die Ziele für das Gebiet entlang des Rheins zwischen Konstanz und Gottlieben geklärt werden. Nur wenn die Ziele klar sind, könne man auch über die Massnahmen sprechen. Bis der Gemeinderat diese Ziele beschlossen hat, gibt es keine weiteren Fällungen von Pappeln.

Standsicherheit gewährleistet
Der Sachverständige für Baumpflege, Christian Rabe, gab in seiner Präsentation zunächst Informationen zum aktuellen Zustand der Pappeln. Seine Untersuchung habe ergeben, dass die Standsicherheit der Bäume gewährleistet sei, allerdings waren Probleme mit der Bruchsicherheit im Kronenbereich der mächtigen Bäume zu verzeichnen.

Nach den von seiner Firma vorgenommenen Pflegearbeiten sei die Verkehrssicherheit wieder hergestellt. Zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit und zum Erhalt der Allee seien zukünftig weitere jährliche Pflege- und Kontrollarbeiten im Altbestand notwendig. Die Hybridpappeln seien mit 60 Jahren in der Alterungsphase. Der ökologische Wert der Altbäume sei hoch einzuschätzen. Die Entfernung einzelner Bäume sei zu vermeiden, da bei einer Öffnung der Silhouette Sturmschäden möglich wären und die Allee nur als Kollektiv stabil ist. Für den gefällten Bereich empfahl Dr. Rabe eine zeitnahe Nachpflanzung mit Schwarzpappeln und anderen standortgerechten Baumarten wie Eichen. Er schlug vor, in 15 bis 20 Jahren einen zweiten Abschnitt von Hybridpappeln zu entfernen und nachzupflanzen. Sein Ziel für 2050 wäre ein dreistufiger grüner Tunnel (Allee), der für mehrere Generationen hält.

Welche Pappel darf’s denn sein?
Fabian Dietrich, von der Fondation Franz Weber beauftragter Baumpflegespezialist aus der Schweiz, betonte die Einzigartigkeit der Allee. Auch er stellte die Standsicherheit der Bäume fest sowie die Gewährleistung der Verkehrssicherheit bei regelmässigen Pflegemassnahmen. Im Gegensatz zu Rabe empfahl er keine abschnittsweise Erneuerung und Nachpflanzung, sondern eine Fällung von Einzelbäumen bei Bedarf. Auch plädiert er dafür, bei Nachpflanzungen weiterhin auf die Hybridpappel zu setzen. Die Lebenserwartung der Bäume betrage etwa 125 bis 150 Jahre. Rabe sprach von rund 80 Jahren.

Aus landschaftsästhetischen Gründen möchte der Kanton Thurgau auch in Zukunft eine Allee im Tägermoos. Das betonte  Dr. Andrea Brandes vom Amt für Raumentwicklung. Sie berichtete, dass der Kanton den Entwurf einer Schutzanordnung für das Tägermoos erarbeitet. In der Vernehmlassung kann die Stadt Konstanz eine Stellungnahme abgeben. Brandes sprach sich ausdrücklich für Schwarzpappeln oder Zitterpappeln als Baumarten für die Nachpflanzungen aus. Hybridpappeln seien für den Kanton in Naturschutzgebieten nicht erwünscht. Nachpflanzungen sollten zeitnah erfolgen.

Naturschutz uneinig
Christel Thorbecke, die Vertreterin der Bürgerinitiative, kritisierte, dass die im Grunde genommen gute Informationsveranstaltung so spät komme. Sie plädierte klar für die Wiederherstellung der alten Allee mit Hybridpappeln. Wünschenswert sei eine Fortführung der Allee bis zum Ziegelhof. Auch Jost Rüegg, der Vertreter des WWF-Bodensee/Thurgau, sprach sich für Hybridpappeln aus. Gegen Hybridpappeln votierte Eberhard Klein als Vertreter der beiden deutschen Naturschutzverbände Nabu und BUND.

Markus Thalmann, Gemeindepräsident von Tägerwilen, plädierte dafür, jetzt einen gemeinsamen Weg für das weitere Vorgehen zu finden. Seiner Ansicht nach sollten die Hybridpappeln keinesfalls 150 Jahre stehen bleiben. Vielmehr sollte geprüft werden, in welchen Etappen in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Allee neu angepflanzt werden könnte.
In der Diskussions- und Fragerunde im Anschluss an die Vorträge und Statements wurde häufig nochmals das Unverständnis über das Vorgehen der Verwaltung bei der Fällung der Pappeln geäussert. Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn nahm die Mitarbeiter der Verwaltung in Schutz: Die Technischen Betriebe würden sich seit 2002 intensiv um die Pflege des Baumbestandes im Tägermoos kümmern. Aus fachlicher Sicht hätte die Verwaltung völlig korrekt gehandelt.

Bürgermeister entschuldigt sich
Allerdings hätte die Verwaltung die emotionale Bedeutung des Vorgangs falsch bewertet, wofür er sich bei den Bürgern entschuldige. Er stellte jedoch auch klar, dass es zur Entfernung der Hybridpappeln  nicht nur eindeutige Naturschutzgutachten gibt. Der Umgang mit den Hybridpappeln war auch Gegenstand von Beratungen des Technischen Betriebsausschusses im Jahr 2005 und es gäbe auch einen entsprechenden Beschluss des Technischen- und Umweltausschusses vom Januar 2012. Diese Beschlüsse, so der Bürgermeister, waren Grundlage für das Verwaltungshandeln.

Zum weiteren Vorgehen informierte Langensteiner-Schönborn, dass die Verwaltung die verschiedenen Visionen und Empfehlungen für den Rheinweg sammeln und aufbereiten  werde. Über das Konzept «Rheinweg Tägermoos 2050» wird dann im Gemeinderat diskutiert und entschieden.

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