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«Zeichen gegen Ab- und Ausgrenzung»

Kreuzlingen – Am Samstag, 11. Juli, startet die Demonstration des Christopher Street Day am Bärenplatz – ein grell-buntes Spektakel mit ernstem Hintergrund, dessen Weg über die Grenze nach Konstanz in den Stadtgarten führt. Im Interview erklärt Organisator Stefan Baier, wieso Grenzüberwindung der einzige Weg zu Freude und Friede ist.

Stefan Baier ist Präsident der beiden organisierenden Vereine CSD Kreuzlingen und CSD Konstanz. (Bild: archiv)

Stefan Baier ist Präsident der beiden organisierenden Vereine CSD Kreuzlingen und CSD Konstanz. (Bild: archiv)

KreuzlingerZeitung: Herr Baier, um was geht’s beim Christopher Street Day (CSD) in Kreuzlingen und Konstanz?
Stefan Baier: Der Christopher Street Day mag dem unwissenden Betrachter als eine Art buntes Fest im Sommer, vielleicht sogar Kostümfest vorkommen, wenn ich an unsere schillernde Vielfalt denke. Doch der Hintergrund ist ernst. Uns geht es um die gesellschaftliche Akzeptanz sexueller Minderheiten, um Abbau von Abgrenzung, Ausgrenzung und Grenzen überhaupt. Deshalb feiern wir den CSD auch grenzüberschreitend in Kreuzlingen und im benachbarten Konstanz. Wir zelebrieren den Grenzübertritt ganz bewusst symbolisch als Grenzüberwindung, damit Menschen zueinander finden und nicht an Grenzen Halt machen. Grenzen sind überwindbar, das ist die Botschaft – auch Grenzen in unseren Gedanken. Dass wir alle dabei auch Spass haben und Freude bereiten wollen, ist hierzu kein Widerspruch. Wir Menschen nehmen frohe Botschaften doch viel lieber an. Grenzüberwindung ist der einzige Weg zu Freude und Friede unter uns, davon bin ich fest überzeugt.

Wer läuft mit, wer schaut sich das an?
Wer läuft mit? Damit stellen Sie eine elementare Frage. Wir würden uns wünschen, dass alle Mitmenschen ein Zeichen gegen Abgrenzung, Ausgrenzung und Grenzen überhaupt setzen. Jede/r ist zur Teilnahme eingeladen, ob er/sie nun einer sexuellen Minderheit angehört oder nicht. Es soll im Grunde kein Schaulaufen von Exoten darstellen, sonst wäre das Ziel verfehlt. CSD ist ein verbindendes Fest für alle. Und wer sich nicht anschliessen möchte, Grenzen zu überwinden, möge zusehen und sich der Thematik innerlich nähern. Auch das ist ein Fortschritt.

Der grenzüberschreitende CSD findet bereits zum vierten Mal statt. Was ist neu, was ist anders als in den Jahren zuvor? Auf was freuen Sie sich besonders?
Wir setzen mit dem Grenzübertritt auf eine gewisse traditionelle Übung, die nachhaltig verfolgt wird. Dennoch ist jeder CSD anders. Unser erstklassiges Künstlerangebot zur Unterhaltung beim bunten Stadtgartenfest in Konstanz ist keine Konstante, wir sind da sehr innovativ, wie ich meine. Es lohnt sich, auch als Einwohner Kreuzlingens nachmittags in den Stadtgarten nach Konstanz zu kommen und mitzufeiern. Wenn Sie allerdings das gesellschaftspolitische Umfeld ansprechen, so möchte ich meinen, dass vor allem neu ist, dass wir nun tagesaktuell in Deutschland für die Ehe für alle demonstrieren und uns nicht mit dem für Minderheiten geschaffenen Institut der Lebenspartnerschaft begnügen. Und sehen Sie sich die weltpolitische Lage an, Grenzen abzubauen ist doch die zentrale Botschaft unserer Zeit! Der CSD setzt insoweit auch ein Zeichen des Friedens.

Sie haben einen Forderungskatalog auf Ihrer Seite. Können Sie kurz einige der wichtigsten Forderungen für unsere LeserInnen zusammenfassen?
Zentrale Forderung dürfte bei allen erreichten Fortschritten die Ehe für alle wie in Irland sein. Wir wollen keine Sonderbehandlung von sexuellen Minderheiten über das Sonderinstitut der Lebenspartnerschaft. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, Gleichberechtigung eben. Das gilt für Deutschland, die Schweiz, für das Fürstentum Liechtenstein, Österreich und im Grunde für alle Staaten!

Der komplette Forderungskatalog auf der CSD-Webseite.

Aber in der Schweiz steht es um die Rechte von Homosexuellen doch recht gut … Wo sehen Sie dennoch Handlungsbedarf?
Schauen Sie, auch die Schweiz ist auf einem guten Weg. Doch weshalb nicht Vorreiter mit Strahlkraft nach ganz Mitteleuropa? Dieses Land mit seiner freiheitlichen Tradition könnte noch mehr Beispiel geben.

In manchen Dingen, ich denke an Personenstandsangleichung, ist die Schweiz gar vorbildlich …
Die Schweiz kann aufgrund ihres Status neben der Europäischen Union nicht unmittelbar auf ihre Nachbarn einwirken. Sie kann aber Beispiel geben. Wir würden und werden das begrüssen und hoffen, dass sich auch der nördliche Nachbar Deutschland bewegt. Aber viel mehr Sorge macht mir der europäische Osten und die dortige Situation sexueller Minderheiten. Sollten wir nicht gemeinsam Seite an Seite für dortige Bewegung Sorge tragen? Ich würde mir wünschen, dass die Schweiz sich hier in Europa mehr einbringt, ohne ihre durchaus selbstbewusste Rolle aufgeben zu müssen, denn den Integrationsgrad in Europa bestimmt die Schweiz autonom. Aber was wäre falsch, sich für eine gute Sache intensiver zu verbinden? Thema ist auch hier Abbau von Grenzen, wie Sie sicher merken …

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