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Eine gepflegte Landschaft hat ihren Preis

Frauenfeld – Weniger Direktzahlungen für die Produktion, dafür Abgeltung für die Erhaltung und Förderung der Landschaftsqualität: Der vom Schweizer Parlament im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017 getroffene Grundsatzentscheid barg insbesondere für den Kanton Thurgau Zündstoff, weil hier das Gros der Betriebe auf wirtschaftliche Ertragsproduktion setzt. Vier Projektvereine, die das gesamte Kantonsgebiet abdecken, sind mit Unterstützung des Kantons daran, die Systemumstellung als Chance zu nutzen und so den hier typischen Kulturlandschaften Sorge zu tragen.

Typisch Oberthurgau: Wiese mit einzeln stehenden Hochstammobstbäume. (Bild: zvg)

Typisch Oberthurgau: Wiese mit einzeln stehenden Hochstammobstbäume. (Bild: zvg)

«O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön!», lautet die erste Textzeile des Thurgauerliedes. Tatsächlich gibt es im Thurgau eine ausgesprochen facettenreiche Landschaft, die im Lauf der Jahrhunderte durch traditionelle landwirtschaftliche Nutzung geformt wurde. Seit einigen Jahrzehnten macht sich allerdings ein schleichender Verlust der charakteristischen Kulturlandschaftstypen bemerkbar, dessen Ursache im zunehmenden Bedarf an Industrieflächen, Verkehrsflächen und Wohnraum liegt. Der Kanton Thurgau sieht sich nicht allein im Clinch zwischen der Erhaltung der Landschaftsqualität und den wirtschaftlich bedingten Ansprüchen auf Landflächen – das Thema ist schweizweit ein Brennpunkt.

Gesellschaftlicher Entwicklung Rechnung tragen
Um hier Gegensteuer zu geben, hat das Schweizer Parlament im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017 die Direktzahlung an die Landwirtschaft teilweise neu ausgerichtet, wie Christian Eggenberger vom landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum BBZ Arenenberg am 14. Juli 2015 anlässlich einer Medienorientierung auf dem Hof der Familie Keller im zur Gemeinde Roggwil gehörenden Weiler Häuslen ausführte. Neu im Mix der zu Direktzahlungen berechtigten Bereiche sind «Landschaftsqualitätsbeiträge», mit denen die Erhaltung, Förderung und Weiterentwicklung vielfältiger Kulturlandschaften angestrebt wird. «Entsprechend dem politischen Umfeld und der gesellschaftlichen Stimmung», so Eggenberger, «werden Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit gefördert und produktionsbezogene Direktzahlungen abgebaut.»

Weniger Direktzahlungen für Thurgauer Landwirte
Für die zum grossen Teil auf Ertragsproduktion ausgerichteten Thurgauer Landwirte bedeutet das im Klartext: Direktzahlungseinbussen von jährlich rund 12 Millionen Franken, insbesondere wegen des Wegfalls der Beiträge für Rauhfutter verzehrende Nutztiere. Immerhin bergen Aufbau und Umsetzung von Landwirtschaftsqualitätsprojekten ein Bezugspotenzial von jährlich 6 Millionen Franken. Davon werden zwei Jahre nach dem Start des Systemwechsels 3,3 Millionen an Betriebe ausbezahlt. Die erste Projektphase läuft acht Jahre. Die für die Landwirtschaftsbetriebe im Kanton Thurgau vorgesehene Maximalquote wird gemäss Fachleuten wesentlich früher ausgeschöpft werden können.

Gruppenbild mit Landschaftsqualität: Heidi Hosp (Landwirtschaftsamt), Peter Schweizer, Geschäftsführer Landschaftsqualitätsprojekte Thurgau, Landwirt Roland Keller, Urs Schär, Vorstandsmitglied Verband Thurgauer Landwirtschaft, Christian Eggenberger, BBZ Arenenberg, Stephan Tobler, Gemeindepräsident Egnach (v. l.). (Bild: zvg)

Gruppenbild mit Landschaftsqualität: Heidi Hosp (Landwirtschaftsamt), Peter Schweizer, Geschäftsführer Landschaftsqualitätsprojekte Thurgau, Landwirt Roland Keller, Urs Schär, Vorstandsmitglied Verband Thurgauer Landwirtschaft, Christian Eggenberger, BBZ Arenenberg, Stephan Tobler, Gemeindepräsident Egnach (v. l.). (Bild: zvg)

Erst Widerstände, jetzt Verständnis
Die Thurgauer Bauern wurden mit dieser neuen Ausgangslage nicht allein gelassen, aber auch nicht bevormundet. Das Amt für Landwirtschaft, das Amt für Raumplanung, das BBZ Arenenberg, der Verband Thurgauer Landwirtschaft und Pro Natura fanden sich in einer Steuergruppe. Sie begleiten und koordinieren die vier regionalen Projekte, die als Vereine konstituiert sind. Als Beratungsstelle und Drehscheibe für das notgedrungen komplizierte Abgeltungssystem für die Vielzahl einzelner Massnahmen, die zur Landschaftsqualität beitragen, wurde der Landwirt Peter Schweizer als nebenamtlicher Geschäftsführer der Landschaftsqualitätsprojekte Thurgau eingesetzt. «Es gab am Anfang seitens der Bauern viele Vorbehalte», sagt er. «Doch jetzt, nach einem schwierigen Startjahr, haben wir den Weg gefunden.»

Bisherige Gratisarbeit wird dank neuem System entschädigt
Wie das konkret geht, war im Rahmen der Medienorientierung auf dem in sechster Generationenfolge geführten Hof der Familie Keller zu erfahren. Mehr als 2 Kilometer Bachufer, 180 Hochstammbäume, 3 Hochäcker und 34 Hektaren Naturwiese gibt es hier. Das bedeutet für die Hände viel Arbeit – und für das Auge ein Landschaftsbild, wie es typisch für den Oberthurgau ist. Bisher hatte die Familie Keller die Arbeit – und alle anderen einen Genuss für die Sinne. Neu erhält die Bauernfamilie jährlich 8000 Franken für ihren Einsatz zum Erhalt der Landschaftsqualität, im Gegenzug muss sie auf die bisherigen 15 000 Franken für die Rauhfutterverzehrbeiträge verzichten. Der Verlust dieser Direktzahlungen geht nicht spurlos am Betrieb vorbei. Doch immerhin wird er jetzt für die Pflege der Landschaft entschädigt, die bisher immer kostenlos erledigt wurde und so ihren Beitrag zu «O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön!» geleistet hat.

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