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Der Weltenwandler

Konstanz – Ein Stift, Papier, ein paar Würfel und Fantasie. Mehr braucht es eigentlich nicht, um sich in ein «Pen & Paper» Abenteuer zu stürzen. Dennoch hat sich aus dieser Grundidee ein eigener Produktzweig in der Spieleindustrie gebildet, dem auch Michael Palm verfiel.

Michael Palm in seinem Comic- und Spieleladen Seetroll.(Bild: ek)

Michael Palm in seinem Comic- und Spieleladen Seetroll. (Bild: ek)

Seit mehreren Spielrunden wird mit Zaubern, Würfeln und gut zureden versucht, einen wilden Hund zu zähmen. Irgendwann wird es dem bösen Hexenmeister zu bunt und er schlägt den Kläffer kurzerhand in zwei Hälften. Der Hund mag für immer still sein, doch die Heldengruppe wird dem Hexer sein Verhalten noch lange nachtragen.

Eine kleine Szene aus den jeweils Stunden andauernden Sitzungen von  «Pen & Paper»-Abenteuern, in denene die Mitstreiter um neue Ausrüstung, Erfahrungspunkte und das nackte Überleben kämpfen. Zum bekanntesten Vertreter dieser Spielform zählt Dungeons and Dragons (D&D), doch haben sich in der Zwischenzeit unzählige Ableger davon gebildet. Heute wird nicht nur in Verliesen und mit Drachen gekämpft. Regelbücher und Abenteuerschauplätze bieten Hand für Gedankenreisen in die ferne Zukunft oder um Mordfälle im viktorianischen London aufzudecken.

Eigene Regeln machen
«Alles, was die Fantasie zulässt», erklärte Michael Palm, Inhaber des Comic und Spieleladens Seetroll in Konstanz die Grenzen seiner Leidenschaft. Damit dennoch ein Konsens und Rahmen für den Einstieg bereitstehen, gibt es  hundertseitige Regelhandwerke sowie Beschreibungen von Monstern und ganzen Städten zu kaufen. Die wichtigste Regel dabei: Macht eure eigenen Regeln.

Vier Helden stehen einem Drachen und seinen Schergen gegenüber. Der wahre Kampf spielt sich jedoch im Kopf ab.(Bild: ek)

Vier Helden stehen einem Drachen und seinen Schergen gegenüber. Der wahre Kampf spielt sich jedoch im Kopf ab. (Bild: ek)

Ein Grundsatz, an dem Palm schon früh Gefallen fand, noch bevor diese Spielform im deutschsprachigen Raum überhaupt Fuss gefasst hatte. «Ein Mitschüler aus Brasilien brachte ein D&D Regelbuch auf Englisch mit», erinnert sich Palm. Rasch bildete der damals 14-Jährige eine Gruppe aus Fantasy-Enthusiasten und das Abenteuer konnte beginnen. Doch so schnell die Gruppe gebildet war, so schnell holte ihn die fiktive Realität ein. Sein Charakter verstarb in jungen Leveln. «Meine Mutter merkte, dass der Verlust mich beschäftigte und zeigte Mitgefühl», schmunzelt Palm im Nachhinein. Doch nicht überall stiessen die Rollenspieler mit ihrem neuen Hobby auf so viel Verständnis. «Wofür heute Computerspiele als Sündenbock herhalten müssen, standen früher die Rollenspiele.» So wurden in den USA nach einem tödlichen Familiendrama die Rollenspielbücher als Ursache ausgemacht, da der Sohn sich in der fiktiven Welt einer fremden Gottheit zugewandt hatte.

Gesellschafts Skills
Mittlerweile gehören Elfen, Orks und Zwerge zum Allgemeinwissen, Filme und Serien wie die Herr der Ringe Trilogie oder The Big Bang Theory haben den Weg dafür geebnet. Das Image, ein «Nerd», sprich ein Fachidiot und Eigentbrötler zu sein, haben «Pen & Paper»-Spieler jedoch noch nicht gänzlich abgelegt. «Klar muss man viel lesen und Regeln kennen, gleichzeitig aber auch schauspielern, debattieren und seine Ziele und Ansichten verteidigen», erklärt Palm die soziologischen Aspekte des Spiels.

Mittelalterliche Anschauungen
Heute ist er 43 und seine Begeisterung, sich in andere Welten und Charaktere zu versetzen, ist ungebrochen. Seine Exkurse blieben dabei nicht nur Tinte auf Papier. Vor 15 Jahren veranstaltete er die ersten Live-Rollenspiele in der Region, mit Verkleidungen, Missionen und Kunststoffwaffen. Über all die Jahre hat er die verschiedensten realen und fiktiven Charaktere getroffen und gelernt, mit ihnen Umzugehen. «Man wird gelassener im Alltag», ist Palm überzeugt. Ein Vorteil, den auch Firmen anfangen in ihren Managementkursen für sich zu entdecken.

Doch haben die Rollenspiele sein Leben verändert? «Nein, eigentlich nicht. Ich kann immernoch klar zwischen Fiktion und Realität unterscheiden», sagt Palm und blickt sich in seinem Laden um, für den er sein Studium geschmissen hat.  Seine Frau hat er übrigens auf einem Live-Rollenspiel-Event kennengelernt. Geheiratet wurde mittelalterlich.

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