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Keine einfache Lösung in Sicht

Kreuzlingen – Am Gesprächsabend, zu dem beide Pfarreiräte der Kreuzlinger Katholiken sowie die Dialoggruppe selbst eingeladen hatten, durften die zahlreichen Kritiker der Seelsorge von St. Ulrich das Wort ergreifen. Bischofsvikar Ruedi Heim leitete den Abend und beantwortete viele Fragen. Meist relativierte er die Bedenken der Dialoggruppe und wies darauf hin, dass es auch einen entgegengesetzten Standpunkt gebe.

Bischofsvikar Ruedi Heim in Kreuzlingen. (Bild: Stefan Böker)

Bischofsvikar Ruedi Heim in Kreuzlingen. (Bild: Stefan Böker)

Nachdem die Dialoggruppe im Juni die Teilnahme an einem Gesprächsabend verweigert hatte, trafen beide Seiten des Kreuzlinger Kirchgemeindestreits am vergangenen Montag erstmals wieder aufeinander. Unter anderem seien damals Gespräche hinter den Kulissen in ausfälligem Ton verlaufen, zudem hatten die Kritiker befürchtet, dass die Menschen, die sich ihnen anonym anvertrauten, blossgestellt werden sollten. Dieses Mal sorgten Vorbereitungsgespräche, an denen auch die Dialoggruppe teilnahm, für Vertrauen.
Behandelt wurden vier Themenfelder, «Rückständig vs. fortschrittlich», «Seelsorge», «Zuständigkeiten» und «Zweites Vatikanisches Konzil/Priestertum». Gekommen waren etwa 150 Personen, weit mehr Alte als Junge. Kritische Wortmeldungen stellten den weitaus grösseren Teil der Voten dar. Wenn es denn Verteidigung für Pfarradministrator Alois Jehle und die Vorgänge in der Pfarrei St. Ulrich gab, dann kam sie meist von kirchlichen Mitarbeitern oder aus deren engerem Umfeld. Applaus erhielten beide Seiten, wenn’s den gab, gleich viel.
Wenn es zu persönlich wurde oder Bischofsvikar Ruedi Heim Fragen nicht beantworten konnte, wurden sie auf einem Flipchart notiert, um sie in einer späteren Sitzung, die im kleineren Kreis mit Kritikern und Pfarradministrator Jehle stattfinden soll, zu behandeln. Zudem bestand die Möglichkeit, schriftliche Beiträge in einer Fragebox zu deponieren.

Inhaltlich ging es um Predigten des von so vielen angezweifelten Pfarreioberhauptes, seine Qualität der Seelsorge, die Ökumene und ökumenischen Schulunterricht, den Weg der Katholischen Kirche allgemein, den interreligiösen Dialog. Aber auch Theologisches, nicht unbedingt für jedermann Verständliches, fand seinen Raum. Bischofsvikar Ruedi Heim wiegelte zumeist ab: «Über das, was gut und schlecht ist, gehen die Wahrnehmungen auseinander», sagte er an einer Stelle. Und: «Man kann es nie allen recht machen.»

«Nehmt mal was an!»
Dabei gab es teils deutliche Worte zu hören: «Es ist einfach, sich hinter dem Kirchenrecht zu verstecken und die heutige Situation zu ignorieren», monierte etwa Bruno Schlauri. Xaver Dahinden befand: «Die Seelsorge sollte Frieden stiften statt die Gemeinde spalten.» Stefan Räber berichtete: «Das, was ich gestern in der Kirche erlebte, war sehr altertümlich. Aber alle Kritik wird von euch abgeschmettert. Ihr solltet mal etwas annehmen.»
Einen sehr emotionalen Moment erfuhr die Versammlung im Ulrichshaus, als eine Mutter aus der Pfarrei aufstand und unter anderem berichtete: «Mir geht es so schlecht. Mir tut es in der Seele weh, wie sich die Pfarrei in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat. Und ich kenne viele, denen es genau so geht. Wenn es keine Lösung gibt, dann muss ich austreten.» «Auch auf der anderen Seite gibt es Nöte», erwiderte Bischofsvikar Heim darauf.

Pastoralraum
Bis 2016 sollen die Gemeinden zu Pastoralräumen zusammengeschlossen werden. Bei uns wären es St. Ulrich, St. Stefan und Ermatingen, die zukünftig eine seelsorgerische Einheit bilden sollen. Bischofsvikar Ruedi Heim kündigte an, dass das Bistum angesichts der Querelen erst an anderen Orten «fürschi macht». Die Bildung eines solchen Pastoralraums kann also noch dauern. Ihr Leiter wird gemäss Heim von den Kirchenvorstehrschaften vorgeschlagen und dann vom Bischof ernannt. Eine Wahl gebe es nicht.

Junge Unterstützer
«Ich bin überzeugt von Pfarrer Jehle», sagte dagegen ein Jugendlicher aus St. Ulrich, der zur Verteidigung des umstrittenen Priesters aufstand. «Er hat mich und viele Kollegen zum Glauben gebracht. Ich unterstütze alles so, wie es jetzt ist.»

Dialoggruppe nicht zufrieden
Wir haben im Anschluss an den Gesprächsabend bei verschiedenen Beteiligten nachgefragt. Einer Lösung sei man durch diesen Abend nicht näher gekommen, befürchtet die Dialoggruppe. Monika Schär wünscht sich einen Richterspruch: «Jetzt müssen Vorschläge vom Bistum kommen», findet sie. Xaver Dahinden lobte zwar die Gesprächskultur am Abend, bemängelte aber: «Wir haben nicht die Antworten bekommen, die wir wollten.»

Martin Beck, Pfarreiratspräsident St. Ulrich, hingegen sprach von einem gelungenen Austausch, bei dem die aggressiven Töne der Vergangenheit nicht erklangen, und betonte, dass es das Anliegen der Behörde sei, die Unzufriedenen wieder zu integrieren. «Wir sind brennend daran interessiert, eine Lösung im Dialog zu finden», sagte er. Bischofsvikar Ruedi Heim erklärte, wie schwierig es sei, den Grad der Unzufriedenheit zu messen. Eine Abstimmung halte er in dieser Hinsicht für untauglich. Heim wies darauf hin, dass er eine Menge positiver Feedbacks aus St. Ulrich erhalte. Die Sache sei nicht einseitig. «Wenn es so wäre, hätten wir schon längst gehandelt.»

«Ich finde Pfarrer Jehle super», erzählte denn auch eine ältere Dame. Ihr Mann, ein Evangelischer, sagt, er singe im Kirchenchor St. Ulrich und ist der Meinung, dass vieles aufgebauscht wurde und manche Vorwürfe schlicht falsch sind.

Lesen Sie auch den Kommentar von Stefan Böker.

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