/// Rubrik: Leserbriefe

Widersprüchlichkeit der Schöpfung

Leserbrief – (Zum Artikel «Keine einfache Lösung in Sicht» von S. Böker in Ausgabe 35) Mit der Wahrnehmung von S. Böker des als «showdown» angekündigten Treffens am 24. August im St. Ulrichshaus stimme ich weitgehend überein. (Ernst Bucher, Physiker, Kreuzlingen)

Ich finde es nicht uninteressant, den scheinbar unüberbrückbaren Graben in St. Ulrich einmal aus der Sichtweise der Naturwissenschaften zu beleuchten. Tatsache ist, dass sich die Welt seit Jahrmilliarden in einer dynamischen Entwicklung befindet, und mit ihr auch die Entwicklung des Homo Sapiens, der Wissenschaft und der Gesellschaft. Die Physik, die man bisher zu den exakten Wissenschaften zählte, muss diesen Status relativieren. Dazu Niels Bohr (1885-1962): «Das Gegenteil einer richtigen Aussage ist eine falsche Aussage. Aber in der modernen Physik ist das Gegenteil einer richtigen Aussage oft eine andere richtige Aussage».

Dieser Widersprüchlichkeit in der Schöpfung in den Naturwissenschaften entspricht auch eine Widersprüchlichkeit in den theologischen Lehrmeinungen, die sie aus dem AT und NT bezieht. Ich denke ,sie ist in beiden eine inhärente göttliche Eigenschaft, ein Grund weswegen wir wohl Gott mit unserem menschlichen Verstand immer besser erfahren, aber nie vollständig verstehen werden. Die Mehrdeutigkeit , die wir hier vorfinden ,muss wohl auch ein Grund sein, damit wir unser Verständnis des AT und NT, sofern wir beide als göttliche Eingebung anerkennen, den fortschreitenden Erkenntnissen der Wissenschaft anpassen können. Vermessen halte ich jedenfalls die Meinung, dass gewisse Theologen (und sogar Päpste!) vorgeben, genau zu wissen (unter Postulierung der Unfehlbarkeit) was wahr und falsch ist. Dem widersprechen obige erwähnte Tatsachen der Mehrdeutigkeit, und zudem die Tatsache, dass Päpste sich tatsächlich geirrt haben, wie auch Hans Küng klar bekennt in seinem Buch «Unfehlbar?». Und es kann deswegen auch nicht sein, dass kirchliche Dogmen und Lehrmeinungen aus einer gewissen zeitlichen Aera ein für allemal Gültigkeit haben sollen, denn sie waren auch einmal neu, und es wurde über Jahrhunderte gestritten, (heftiger und gewalttätiger als in St. Ulrich!) bis sie formuliert wurden (etwa das Glaubensbekenntnis von Nicäa).

Daraus ergibt sich für mich, dass Theologen und kirchliche Amtsträger sich darüber im Klaren werden sollten, dass kirchliche Lehrmeinungen, die etwa im kanonischen Recht Eingang gefunden haben veränderbar werden müssen, ohne dass sich die Kirche Unglaubwürdigkeit vorwerfen lassen müsste, und auch Seelsorger haben sich diesen unbequemen Fakten zu stellen, dass auch das Kirchenvolk ein Recht hat an dieser Entwicklung mitzudenken und es mitzugestalten. Es ist unbequem für konservative Kirchgänger , die glauben ängstlich in einem sicheren Gehege mit hohem Zaun von unveränderlichen kirchlichen Geboten und Verboten gottgefällig zu leben, weil eben Gottes Welt nicht statisch sondern hochdynamisch ist. Die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung allein scheint mir die Widersprüchlichkeit in ihr aufzulösen. Ich sehe deswegen auch keinen Grund, ängstlich an alten Traditionen und Lehrmeinungen hängen zu bleiben.

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